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Kunst und Kitsch
In Federico Squatritis Werkstatt geht es eng zu. Foto: Bettina Gabbe
Handwerk

Kunst und Kitsch

Winzige Restaurierwerkstatt repariert in Roms Altstadt Erinnerungsstücke von der Puppe bis zum Teller.

15.04.2017
  • BETTINA GABBE

Rom. Inmitten von Läden internationaler Modemarken und Pizzerien halten sich in Roms Altstadt immer weniger Handwerker. In einem winzigen Ladengeschäft nahe der zentralen Piazza del Popolo repariert und restauriert die Familie Squatriti aber noch heute Kunst, Kitsch und alles, woran das Herz ihrer Kunden hängt.

Die mit verstaubten Puppen, Porzellantellern und Vasen vollgestopften Schaufenster ziehen viele Touristen an. Doch wer die Schwelle zur Werkstatt überschreitet, hat meist ein wichtiges Anliegen. „Meinen Sie, Sie können die Teile zusammensetzen?“, fragt eine ältere römische Lehrerin Federico Squatriti, der den Laden in dritter Generation führt. Die Dame überreicht ihm verzagt eine Schachtel mit Scherben eines kleinen Porzellantellers. „Kein Problem“, gibt der 54-jährige zurück. „Ich schicke Ihnen eine SMS, wenn ich fertig bin.“

An einer kleinen Werkbank klebt er Meissner Porzellan ebenso wie billige, aber als Erinnerungsstücke wertvolle Teller wieder zusammen, schließt die Fugen mit weißer Spachtelmasse und legt neuen Glanz auf die Oberfläche. Ein Familienvater bringt ihm einen arg ramponierten Holzvogel. „Der ist mir durch das ganze Zimmer geflogen und hat dabei sogar den Lichtschalter umgelegt“, sagt der Mittdreißiger entschuldigend. Sein Sohn habe ihm beim Anblick des gefallenen Vogels gesagt, „Schau nicht hin, Papa.“ Dabei gebe man doch sonst immer den Kindern die Schuld, wenn etwas zu Bruch gehe.

Squatriti verspricht, den halb abgebrochenen Schnabel wieder anzukleben und die Oberfläche zu restaurieren. An einem kleinen Tisch nebenan prüft seine Mutter gerade den Farbauftrag auf einer restaurierten Holzfigur des Heiligen Paulus mit Schwert. Mit gichtgeplagten Händen fährt sie liebevoll über die Oberfläche, nachdem sie einige abgeschabte Stellen ausgebessert hat.

In der kleinen Werkstatt geht es nicht nur um die perfekte Reparatur von alten Puppen aus Porzellan und Keramik. „Die Leute kommen mit ihren Geschichten hierher“, sagt Squatriti. Die Erfinder-Atmosphäre der Werkstatt bringt fast jeden sofort zum Reden. „Unsere Kunden werden automatisch zu Freunden“, lacht Squatriti.

Über einen Mangel an Kunden klagen er und seine Mutter nicht. Aber die hohe Miete können sie nur unter Mühen zahlen. Die Werkstatt mit dem kleinen Schild „Restauri artistici“ in der Via di Ripetta gilt als historisches Geschäft. Um die Verwandlung der Altstadt in ein Einkaufszentrum für Touristen mit immer gleichen Läden zu verhindern, dürfen Ladenwohnungen wie seine eigentlich nur an Handwerker vermietet werden. „Der Popcorn-Laden nebenan hätte auch nur an alt eingesessene Handwerker vermietet werden können“, lacht der leidenschaftliche Motorradfahrer. „Aber die Polizei achtet nicht mehr darauf.“

Seine Großmutter gründete die Werkstatt 1953, weil die Theater der Nachkriegszeit für die Schauspielerfamilie aus Neapel nicht genügend Auftrittsmöglichkeiten boten. Sieben Jahre lang habe sie ihren Sohn zuvor in die Lehre geschickt. „Mein Vater hat mich auch erst nach sieben Jahren den ersten Teller kleben lassen“, erinnert sich Squatriti. Dabei half er seit seiner frühesten Kindheit in der Werkstatt der Eltern.

Das Geschäft werde immer schwerer, weil die jungen Leute lieber billige Massenware kauften, als ihre Wohnungen mit antiken Dekors zu schmücken, sagt Squatriti. „Früher spielte sich hier das Leben auf der Straße vor den Läden und Werkstätten ab.“ Auch wenn immer mehr junge Italiener Plastikteller benutzen, kommen ständig neue Kunden in die kleine Werkstatt. Für einen kurzen Moment tauchen sie in eine Welt aus anderen Tagen ein, als noch nicht achtlos weggeworfen sondern liebevoll repariert wurde.

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15.04.2017, 06:00 Uhr

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