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Mein, dein, unser Ich

Kunsthalle Karlsruhe zeigt Selbstporträts "von Rembrandt zum Selfie"

Die Geschichte des Selbstporträts über 600 Jahre hinweg will die Kunsthalle Karlsruhe in der Ausstellung "Ich bin hier!" erzählen. Zu sehen sind hauptsächlich Selbstinszenierungen im bunten Nebeneinander.

13.11.2015
  • LENA GRUNDHUBER

Karlsruhe Auf den ersten Blick wirkt es wie eine Walnuss. Das "Selbstporträt", das Helen Chadwick uns vor die Nase hält, besteht aus zwei schrumpeligen Hälften, die zusammen das Gehirn ergeben. Mehr oder weniger sehen alle Gehirne so aus - das der Künstlerin wie das des Betrachters -, und doch soll in diesen wurmartigen Windungen das stecken, was uns jeweils ausmacht. Mein, dein, unser Ich.

Wirkt irritierend, muss aber so sein, sonst gäbe es ja auch die aktuelle Ausstellung in der Kunsthalle Karlsruhe nicht. "Ich bin hier!" will die Geschichte der künstlerischen Selbstdarstellungen "vom Rembrandt zum Selfie" erzählen. Empfängt aber erst einmal mit klassischen Statuen: Neben einer riesigen weißen Venus hängt da zum Beispiel das ebenso ringellockige Selbstbildnis der Marie Ellenrieder aus dem frühen 19. Jahrhundert - eine zweifellos hübsche Kombination, die allerdings nicht weiter führt als in den nächsten Raum.

Ein großer Bogen wird da gespannt: von der idealisierenden antiken Büste zur romantischen Künstler-Inszenierung des jungen Louis Janmot im 19. Jahrhundert bis hin zum Selfie als individueller Selbstinszenierung von heute und Jedermann. Eine Verfallsgeschichte? So soll diese Ausstellung offenkundig gerade nicht gelesen werden, und vielleicht hat man sich deshalb für jenes bunte Nebeneinander entschieden, das das Konzept - und leider auch das Problem dieser Ausstellung ist; das Thema Selfie nimmt sie schlussendlich nur an den Rändern auf.

Auch wer ernstlich etwas über die Entwicklung des Selbstporträts erfahren will, muss im Katalog nachlesen. Die Schau selbst, eine Zusammenarbeit mit dem Musée des Beaux-Arts in Lyon und den National Galleries of Scotland in Edinburgh, teilt die 140 Werke unter assoziativen Überschriften auf wie "Ich und die Dinge", "Ich bin ganz Auge" oder "Ich spiele eine Rolle". In der Abteilung Rollenspiele braucht die Kunsthalle Karlsruhe nicht lang zu suchen, einen der talentiertesten Verkleidungskünstler hat sie ja prominent im Haus. Rembrandts Selbstporträt um 1650 wird begleitet von Radierungen, für die der Niederländer sich als Bettler oder orientalischer Herrscher verkleidete.

So geht es erst einmal weiter mit Selbstdarstellungen vorwiegend männlicher Künstler: Alexis Grimou malt sich 1732 als fröhlichen Zecher, Sir Henry Raeburn setzt sich 1815 in Denkerpose, Anselm Feuerbach gibt Mitte des 19. Jahrhunderts den jungen Wilden nicht viel anders als Robert Mapplethorpe mehr als hundert Jahre später. Ein grünhäutiger Heckel, ein gezeichneter Kirchner, zwei bleiche Munchs - mit dem Künstler als Leidendem ist das Tableau artistischer Selbstbespiegelung komplett. Dazwischen, das lohnt dann den Besuch, finden sich aber auch tolle Entdeckungen wie das Doppel-Porträt von Alexander Runciman mit dem Künstler John Brown aus Edinburgh von 1784, die surreale Bildergeschichte von Max Klinger, das seltsame Soldaten-Selbstbild von Robert Henderson Blyth, das ironische "Gespenst eines Genies" von Paul Klee oder die verstörend sachliche "Romanze" (1920) einer Mutter mit Säugling von Cecile Walton.

Die Frauen treten naturgemäß erst im 20. Jahrhundert richtig auf den Plan und zerlegen Künstler- und Geschlechterklischees dann im Idealfall so witzig wie Sarah Lucas mit ihrem Spiegeleier-Busen. Die Frage nach dem Ich verlagert sich nun zunehmend Richtung Körper, wenn Marina Abramovic das Haarebürsten zur Grenzerfahrung macht und Ai Weiwei die Folgen regimekritischer Kunst mit Blutbeuteln im Krankenhaus dokumentiert. Die ersten echten Selfies sind das übrigens - bevor wir selbst am Ende das eigene Besucher-Ich ablichten lassen dürfen, um in einer Collage aus tausend anderen aufzugehen. . .

Kunsthalle Karlsruhe zeigt Selbstporträts "von Rembrandt zum Selfie"
Ich ist eine Frau? Sarah Lucas im "Selbstporträt mit Spiegeleiern" (1996). Foto: the artist, courtesy Sadie Coles HQ, London

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13.11.2015, 12:00 Uhr

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