Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Stilberatung

Kupferschuhe und Glitzerjäckchen

Ein Paket von Zalon bietet so manche Überraschung. Vor allem, weil man die Kleidung darin nicht selbst ausgesucht hat, sondern eine Stylistin aus dem fernen Hamburg. Ein Selbstversuch.

20.12.2016
  • CAROLINE STRANG

Ulm. Die Kupferglanzschuhe gehen gleich zurück. Keine Frage. Da lag die Designerin ganz schön daneben. Aber die schwarze Hose ist nicht schlecht und die luftige Bluse auch nicht. Ein spannender Moment: Ein großes Paket von Zalon, dem Stilberatungsservice von Zalando, liegt vor mir. Die Kleidung darin habe ich weder ausgesucht, noch vorher gesehen. Letzteres war eine Servicepanne, aber dazu später. Eine Stylistin aus Hamburg, deren sympathisches Lächeln mich auf der Homepage überzeugt hat, hat die Sachen ausgesucht. Zwei Outfits sollten es sein, klassisch-leger. Oder irgendwas in der Richtung.

Curated oder auch Personal Shopping nennt es sich, wenn vor dem Kauf im Internet eine Art Beratung stattfindet und jemand anders für einen aussucht, was angeblich zu einem passt. Erst gibt man Informationen auf der Homepage über sich preis, welche Hosenform man gerne trägt, wie viel Geld man gewöhnlich für einen Pullover ausgibt und ob man einen Bauchansatz hat. Ein Foto wird auch gefordert, sonst kann man nicht weiterklicken.

Designerin ruft nicht an

Anschließend soll ein Telefonat mit einer Designerin stattfinden. Das allerdings scheitert. Das erste Mal sagt sie den Termin ein paar Stunden zuvor ab. Zwei Wochen später soll sie eigentlich um 12 Uhr anrufen. Das Telefon klingelt wieder nicht. Erst später landet eine Nachricht auf dem Zalon-Profil, sie habe technische Schwierigkeiten gehabt und werde nun einfach so eine Box mit Kleidung zusammenstellen und ein Vorschaubild schicken. Doch auch das Vorschaubild kommt nie, dafür ein Paket mit glänzenden Schuhen.

Dass Stylisten sich nicht melden, darf erst gar nicht passieren, sagt Zalon-Pressesprecherin Kerstin Schumacher und entschuldigt sich für die Panne. „Idealerweise passiert das nicht und muss in Ihrem Fall ein Ausnahmefall gewesen sein.“ In der Regel könne man alle Kunden servicegetreu und zu ihrer Zufriedenheit bedienen. Die inzwischen rund 300 Stylisten, die für Zalon arbeiten, werden auf erfolgsbasierter Provisionsbasis bezahlt, erklärt Schumacher.

400 000 Männer eingekleidet

Zalon ist übrigens nicht der bekannteste Curated-Shopping-Anbieter in Deutschland. Das ist Outfittery. Das Unternehmen, das ausschließlich Männer einkleidet, wurde 2012 gegründet und hat seitdem über 400 000 Männer in acht Ländern mit Outfits ausgestattet. 300 Mitarbeiter, davon rund 150 Stylisten, sind dort beschäftigt. „Der typische Kunde ist zwischen 30 und 50 Jahren alt und steht mit beiden Beinen mitten im Leben“, erklärt Gründerin und Geschäftsführerin Julia Bösch.

Sie weiß noch mehr: „Die Mehrzahl unserer Kunden sind in einer Beziehung, viele haben auch Familie. Sie haben einfach keine Lust oder Zeit, sich mit dem Thema Shopping zu beschäftigen, wollen aber trotzdem gut aussehen.“ Besonders gefragt sei der Business Casual Stil, also Kleidung, die man im Büro und in der Freizeit anziehen kann. Die Kunden behalten am Ende im Schnitt Ware von 200 EUR, „was dreimal so hoch wie im E-Commerce sonst üblich ist“, sagt Bösch.

Zalon gibt keine genauen Zahlen der Rückläufe heraus. „Im Mode-Onlinehandel sind 50 Prozent Rückläufer branchentypisch“, sagt Schumacher. Diese Rate wolle man durch die individuelle Beratung verringern.

Kontrovers diskutiert

Bösch erklärt die Vorteile des Curated Shoppings so: Man wolle auf unkomplizierte Art und Weise Zugang zum Thema Mode geben, „indem wir das Beste aus Offline- und Online-Welt kombinieren: Die persönliche Beratung aus dem stationären Einzelhandel mit der Convenience des Online Shoppings.“ Mit der Auswahl in Internet seien viele einfach überfordert – „es macht keinen Spaß und kostet viel Zeit, sich durch hunderte Bilder und Seiten mit Jeans zu klicken.“ Genau hier setze Outfittery an und biete eine Auswahl. Sie geht noch weiter: „Wir sind überzeugt, dass Curated Shopping der nächste Schritt in der Evolution des Handels ist.“

Nicht alle Unternehmen sind so euphorisch. Zwar setzen auch zunehmend kleinere stationäre Anbieter auf das zusätzliche Internetangebot – ein Beispiel ist das Modehaus Garhammer aus Waldkirchen im Bayerischen Wald. Aber es gibt auch Rückschläge. So hat P&C Düsseldorf ihre „Stilbox“, den erst im April 2015 gestartete Beratungsservice, im Januar wieder eingestellt, weil er hinter den Erwartungen geblieben war.

Auch Sabine Hagmann, Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands Baden-Württemberg, ist etwas vorsichtiger. Das Thema werde kontrovers diskutiert, sagt sie. Sie betont: „Curated Shopping ist eigentlich das, was der stationäre Handel seit jeher gemacht hat und wo seine Stärken waren.“ Bei der individuellen Beratung müsse er dringend wieder besser werden. „Das wird der digitale Handel nie so gut machen können. Denn im Laden kommunizieren Menschen miteinander.“

Trotzdem, praktisch ist die Beratung am PC schon. Da stellt sich die Frage: Braucht man da überhaupt noch stationären Einzelhandel? Hagmann hält die Frage für Blödsinn. „Natürlich wird es stationären Einzelhandel auch in Zukunft geben. Es gibt keinen Anlass, daran zu zweifeln.“ Die Mehrheit informiere sich mittlerweile zwar digital, kaufe aber offline – „und das teilweise, je nach Branche, mit wieder steigender Tendenz“. Nur wie der stationäre Handel in Zukunft aussehe, stehe in den Sternen. Hagmann betont: „Wir sehen, dass jede Entwicklung ihre Gefahren birgt, aber vor allem muss man die Digitalisierung als große Herausforderung und als große Chance sehen und als Einzelhändler nutzen.“

Auch Outfittery-Chefin Julia Bösch glaubt an die Zukunft des Einzelhandels: „Der stationäre Handel wird sicher auch zukünftig bestehen und hat seine Daseinsberechtigung. Aber er wird sich zunehmend neu erfinden müssen, vor allem muss er den Kunden wieder in den Fokus rücken und stärker auf seine Bedürfnisse eingehen.“ Einkaufen müsse mehr zu einem Erlebnis werden.

Ein Erlebnis ist das Paket definitiv. Ein potenziell teures. Rund 700 EUR würden die Klamotten kosten. Ich probiere alles noch einmal an. Das glänzende Jäckchen mit den asiatischen Stickereien. Die Glanzschuhe. Die schwarze Hose. Und packe alles wieder zurück in den Karton. Es stellt sich die Frage: Würde ich mir das zu diesem Preis im Laden kaufen, wenn ich mehr Auswahl hätte? Für kein Kleidungsstück ist die Antwort ein klares Ja. Schade. Wahrscheinlich ist dieser Service für Männer einfacher. Die stellen weniger Ansprüche und kaufen nicht so gerne ein. Vielleicht probiere ich es irgendwann nochmal. Und telefoniere davor wirklich mit der Designerin.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

20.12.2016, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball