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Ein Leben mit 24 Zentimeter Dünndarm

Kurz nach seiner Geburt schwebte Samu Mezger für mehrere Wochen in Lebensgefahr – heute geht es ihm besser

Samu Mezger kam im Juni 2014 als scheinbar gesundes Kind auf die Welt. Doch nach zwei Tagen begann für seine Eltern ein Albtraum. Das Kind litt an einer Verdrehung des Darms, viel Gewebe starb ab. Heute, ein halbes Jahr und vier Operationen später, geht es für die junge Familie aus Ellwangen bergauf.

14.01.2015
  • Lorenzo Zimmer

Tübingen. Heute wirken Bettina Mezger und ihr Mann Marius erfahren, beinahe gelassen im Umgang mit ihrem schwer kranken Kind. Gerade einmal ein halbes Jahr ist der kleine Samu alt und hat schon viel durchgestanden. Seine jungen Eltern – Bettina ist 27, Marius 28 – führen die Überbleibsel aus der schwersten Zeit vor: Der kleine Samu wird über einen Infusionskatheter, der kurz vor dem rechten Vorhof am Herzen liegt, künstlich ernährt. Er führt dem Körper lebenswichtige Nährstoffe in die Blutbahn zu. Denn der Dünndarm, der bei einem gesunden Menschen für die Aufnahme der Nährstoffe aus der Nahrung verantwortlich ist, ist bei Samu stark verkürzt. „Es besteht Hoffnung, dass er irgendwann normal ernährt werden kann, doch bis dahin ist es noch ein sehr weiter Weg“, sagt Lisa Zoller, Fachschwester für intestinale Rehabilitation an der Kinderklinik Tübingen.

Lebensgefahr durch einen verdrehten Darm

Kurz nach seiner Geburt schwebte Samu Mezger für mehrere Wochen in Lebensgefahr – heute geht es
Vater Marius und Mutter Bettina Mezger mit ihrem Sohn Samu und seinem Rucksack: Er enthält die lebenswichtige Ernährungspumpe des Kleinen. Bild: Metz

Samu kam am 5. Juni 2014 in Ellwangen per Kaiserschnitt auf die Welt – in den ersten beiden Tagen verlief alles normal. Doch dann begann der Säugling Galle zu spucken. Aufgenommene Nahrung kam im Darm nicht weiter und der Junge spie alles, was er aufnahm, wieder aus. Dies bedeutete Lebensgefahr, wegen Nährstoffmangel und bevorstehender Unterernährung. Seine Schwester Solea kämpfte zu diesem Zeitpunkt mit einer Infektion durch Rotaviren, so dass zunächst ein Zusammenhang vermutet wurde. Doch schnell wurde klar, dass der Säugling an einem Darmverschluss litt – die Ursache war unklar, die Lage sehr ernst.

In Ellwangen wusste das Klinikpersonal vom Kurzdarmzentrum am Tübinger Uniklinikum und empfahl den Eltern die Verlegung. Mit dem Krankenwagen kam das Baby von seinem Geburtsort notfallmäßig nach Tübingen. Mutter Bettina musste wegen ihres erst kurz zurückliegenden Kaiserschnitts in Ellwangen bleiben. Zu gefährlich wären die Reisestrapazen für die junge Frau gewesen. „Mir wurde gesagt, ich solle von meinem Kind Abschied nehmen, weil es den Transport vielleicht nicht überstehen würde“, erinnert sich die Mutter. Heute kann sie gefasst darüber sprechen. „Damals war es die Hölle für mich.“

Vater Marius war bei der Geburt dabei und anschließend mit Samus Schwester Solea zum Zelten gefahren – die beiden Eltern wollten ihrer älteren Tochter ganz bewusst vermitteln, dass sie jetzt, wo ein Geschwisterchen da war, nicht in den Hintergrund rücken würde. Und doch kam es ein Stück weit so.

„Während des Zeltens kam der Anruf, dass unser Neugeborenes nach Tübingen verlegt werden müsse“, erinnert sich Vater Marius. Er verständigte seine Eltern, die sich um die damals dreijährige Solea kümmerten, und brach sofort nach Tübingen auf. Dort stellte sich dann nach einer Röntgenuntersuchung mit Kontrastmittel heraus, dass Flüssigkeit aus dem Magen nicht richtig in den Darmtrakt abfloss.

In einer Not-Operation kam die Ursache ans Tageslicht: Zwölffinger-, Dünn- und Dickdarm waren ineinander verdreht und wurden nicht richtig durchblutet. Wie es zu einem solchem Volvulus kommt, ist bis heute nicht ganz klar. Doch die Konsequenzen können verheerend sein. Das Darmgewebe des kleinen Samu drohte vollständig abzusterben – die folgende Sepsis wäre für den Säugling binnen weniger Stunden tödlich gewesen. Ein großer Teil des Darms konnte sich von den Schäden durch die Verdrehung nicht erholen und musste entfernt werden. „Ein gesunder Säugling hat einen Dünndarm von etwa zwei Metern Länge – Samu hatte gerade mal noch 24 Zentimeter“, sagt Lisa Zoller

Die Schwester kam zu den Großeltern

Insgesamt vier Operationen, eine Bauchfellentzündung, das Legen von Drainagen, Zugängen und Kathetern überstand der tapfere Junge in den folgenden Wochen. Schwester Solea verbrachte einen großen Teil dieser Zeit bei ihren Großeltern.

Kurz nach seiner Geburt schwebte Samu Mezger für mehrere Wochen in Lebensgefahr – heute geht es

„Wir waren sechs Wochen dauerhaft in Tübingen, standen mit unserem Sohn vier Operationen durch. Wenn ich in dieser Zeit mit Solea telefoniert habe, war ich jedes Mal völlig aufgelöst. Und sie hat dann immer gefragt: ,Mama, warum weinst du so?‘“, erinnert sich die Mutter den Tränen nah. So richtig erklären konnte sie es ihrer Tochter nicht.

„Wir waren anfangs einfach von der ganzen Situation überfordert“, sagt Vater Marius. Man habe aber keine andere Wahl gehabt, als sich auf das Klinikpersonal zu verlassen. In den Wochen nach den Operationen habe sich die besondere Betreuung der Tübinger Kinderklinik durch Fachschwester Lisa Zoller und Sozialpädagogin Manuela Binder als sehr wertvoll erwiesen: „Lisa hat uns vier Wochen lang regelrecht unterrichtet“, sagt Marius Mezger. „Erstmal geht es ja um Dinge wie steriles Arbeiten – ohne medizinische Ausbildung hat man da ja überhaupt keine Erfahrung.“ Er arbeitet als Verkaufsleiter im Familienunternehmen seines Vaters in der Kunststoffbranche, seine Frau Bettina hat einen Friseursalon. Das Ehepaar sah zunächst der Fachschwester Zoller bei der Versorgung des Zugangs für die künstliche Ernährung zu. Dabei ist Sterilität sehr wichtig. Anschließend übten sie an einer Puppe.

„Der Dünndarm wächst in den ersten Lebensjahren um etwa 200 Prozent“, sagt Marius Mezger. So könne sich auch der Darm seines Sohnes noch um einiges verlängern und dadurch eine normale Ernährung möglich werden. Daher habe Samu Glück im Unglück, da sein Darm noch sehr viel Wachstumspotenzial habe, erklärt der Vater.

Die junge Familie durfte nach Hause

„Irgendwann wollten wir mit unserem Kind nach Hause“, erinnert sich Mutter Bettina. Medizinisch waren die Eltern durch die Betreuung von Fachschwester Zoller entsprechend geschult, doch die Betreuung zuhause erforderte auch einen großen organisatorischen Aufwand. „Dabei hat uns Frau Zoller in den pflegerischen Aspekten und Frau Binder bei sozialrechtlichen Fragen sehr geholfen “, sagt Bettina Mezger. Manuela Binder ist Sozialpädagogin an der Kinderklinik und betreut Familien mit Leber- und Darmerkrankungen.

Um alles habe man mit der Krankenversicherung kämpfen müssen. „Wir mussten unser Haus entsprechend vorbereiten, einen sterilen Raum herrichten, abwischbare Stahlschränke anfertigen lassen“, sagt Marius Mezger. Sogar spezielle Strampler haben die beiden für den leichteren Umgang mit dem Zugang für künstliche Ernährung anfertigen lassen. „Wir hatten für kurze Zeit Hilfe von einem Pflegedienst, doch im Alltag hat uns das mehr be- als entlastet.“

Inzwischen sind die beiden ein eingespieltes Team und machen alles zu zweit. „Wenn wir nicht weiter wissen, wenden wir uns an Frau Zoller und Frau Binder“, fügt Bettina Mezger hinzu. Außerdem haben die beiden Hilfe von einer guten Freundin. „Jasmin ist OP-Schwester und wenn ich beruflich unterwegs bin, entlastet sie meine Frau ein bisschen“, so Mezger. Am Tag sind die beiden zwei Stunden allein nur mit der Versorgung des Infusionszuganges beschäftigt. „Aber inzwischen sind wir darin sehr geübt“, so Bettina Mezger. Zu einer routinemäßigen Blutuntersuchung kommen die drei alle vier Wochen nach Tübingen. „Gemeinsam mit dem betreuenden Team freuen wir uns dann über jeden Fortschritt und Samus beinahe normale Entwicklung - und das alles trotz fast fehlendem Darm“, sagt der Papa froh.

Info Der Verein „Hilfe für kranke Kinder“ braucht für die Finanzierung der Fachschwester und der Sozialpädagogin in der Kinderklinik noch 61200 Euro. TAGBLATT-Spendenkonto: KSK Tübingen (IBAN: DE94 6415 0020 0000 171111 ) oder Volksbank (IBAN: DE9164190110 0171111001). Im Überweisungsauftrag „Projekt 1“ vermerken. Wenn Sie nicht im TAGBLATT genannt werden wollen (oder auch, wenn Sie eine Spendenquittung wünschen) sollten Sie das angeben (bei Spenden über 200 Euro Adresse hinzufügen).

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14.01.2015, 12:00 Uhr

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