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Soltaus Angebot

Kusterdingen nimmt acht Flüchtlinge auf, für Wankheim bleiben 34 statt 42

Die künftige Flüchtlingsunterkunft in Wankheim wird zumindest vorerst weniger dicht belegt als geplant, nämlich mit 34 statt 42 Asylsuchenden. Diese Ankündigung entschärfte bei der Bürgerinformation am Donnerstag spürbar die Besorgnis der Bevölkerung am Ort.

15.08.2014
  • Ulrike Pfeil

Wankheim. Das Interesse an der Informationsveranstaltung war riesengroß und zeigte, dass das Thema die Wankheimer umtreibt. 150 Menschen drängten sich im Feuerwehrhaus, die Stühle reichten nicht, manche standen noch vor der offenen Tür. Auf die Vorhaltung aus dem Publikum, 42 Flüchtlinge in einem Gebäude in Ortsrandlage seien „einfach zu massiert“ für das 1500-Einwohner-Dorf, hatte Landkreis-Ressortleiter Karlheinz Neuscheler eine überraschende Information parat: Kusterdingens Bürgermeister Jürgen Soltau hatte dem Landkreis kurz zuvor eine Gemeinde-eigene Wohnung in Kusterdingen als Flüchtlingsunterkunft für acht Personen angeboten.

Damit könne das Landratsamt die Zahl der für das Mehrfamilienhaus in Wankheim vorgesehenen Flüchtlinge (wir berichteten) auf 34 reduzieren, sagte Neuscheler. Zumindest im Normalfall. Nur im „absoluten Notfall“ könne die Maximalbelegung „vorübergehend“ eintreten. Die Wohnung in Kusterdingen hatte die Gemeinde bisher für eventuelle Flüchtlinge mit geklärtem Aufenthaltsrecht vorgesehen, die ihr zur Unterbringung zugewiesen würden.

Soltau und Neuscheler appellierten eingangs an die Aufnahmebereitschaft der Wankheimer. Der Bürgermeister erinnerte an die „schrecklichen Bilder“ von Kriegsopfern und hunderttausenden Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak. Die Gemeinde habe nun mal die „gesetzliche Pflicht“, Flüchtlinge aufzunehmen. Neuscheler schilderte die Lage als „katastrophal“ (siehe Kasten). Er beschrieb die „vollständige Überfüllung“ der Zentralen Aufnahmestelle des Landes Baden-Württemberg in Karlsruhe: Sie beherbergt zur Zeit 2700 Menschen, ist aber nur für tausend ausgelegt. „Die Menschen schlafen teilweise auf den Gängen.“

Der Landkreis Tübingen muss etwas mehr als zwei Prozent der Flüchtlinge aufnehmen, die nach dem Länder-Proporz auf Baden-Württemberg entfallen. „Da wird nicht gefragt, wie viele Plätze wir haben,“ sagte Neuscheler, „da kommt einfach ein Bus.“ Unter diesem Druck sei das Landratsamt „gar nicht in der Lage, ein Angebot wie das in Wankheim abzulehnen“. Man sei im Gegenteil „sehr froh“ gewesen über die Bereitschaft des Eigentümers Thomas Kemmler – und man suche auch noch weiter nach privaten Vermietern.

Neuscheler sprach auch die Mutmaßungen an, die es im Dorf über die Zahl der zulässigen und der tatsächlichen Wohnungen in dem Neubau gegeben hatte. Er räumte ein, dass seine Abteilung in Unkenntnis der Baugenehmigung kurz mit dem Gedanken gespielt hatte, eine Wohnung zu teilen. „Ein kleiner Denkfehler“, schnell wieder korrigiert: „Es sind und bleiben fünf Wohnungen“, wie genehmigt. Das hatte Soltau inzwischen auch schriftlich.

Erste Initiative für eine Unterstützergruppe

Die ersten Flüchtlinge werden in der Kerf im Oktober/November einziehen. Das Haus werde „gemischt belegt“, sagte Neuscheler, also sowohl mit Familien als auch mit Einzelpersonen. Man versuche das „auf die günstigste und verträglichste Weise“ zu gestalten, entsprechend der Infrastruktur (Schule, Kindergärten, Einkaufsmöglichkeiten). Ein Sozialarbeiter wird anfangs verstärkt vor Ort sein, er steht auch Nachbarn als Ansprechpartner zur Verfügung. Insgesamt vier Hausmeister kümmern sich kreisweit um das Herrichten und die Instandhaltung der Unterkünfte.

„Wir haben keine großen Probleme mit diesen Unterkünften“, fasste Neuscheler die Erfahrungen aus anderen, auch kleinen Orten im Landkreis zusammen. „Sehr, sehr wichtig“ sei die Unterstützung durch ehrenamtliches Engagement am Ort, betonte er und ermunterte die Wankheimer zur Initiative: „Wir sind auf Sie angewiesen. Ein guter Empfang führt dazu, dass die nachbarschaftliche Beziehung problemlos abläuft.“

Nach den sehr ausführlichen Informationen wurden zwar noch vereinzelt Bedenken geäußert: Wo die Kinder spielen würden, wer für eventuelle Sachbeschädigungen aufkomme, ob die Toiletten in dem Haus ausreichten (ja, sagte Neuscheler), wie der Kindergarten mit den fremdsprachigen Kindern zurecht käme. (Sie lernen ganz schnell Deutsch, berichtete die Sozialarbeiterin Franziska Dröscher.) Als Neuscheler dazu ermunterte, man solle es nun „halt mal probieren“, lachten einige höhnisch auf.

Ebenso gab es jedoch verständnisvolle Wortmeldungen für die Not der Flüchtlinge, und Applaus für erste Initiativen der Hilfsbereitschaft: Die Psychotherapeutin Carmen Morawetz, die auch im Kirchengemeinderat ist, stand auf und erklärte sich bereit, eine Unterstützergruppe zu koordinieren. Ein Man forderte dazu auf, für die Flüchtlinge Fahrräder zu sammeln.

„Wenn ich irgendwo vertrieben würde, wäre ich auch froh, wenn die Leute in meinem Zufluchtsland auf mich zukämen“, sagte Morawetz nach der Veranstaltung. Sie hat lange eine Familie aus dem Kosovo betreut und fand es „eine sehr bereichernde Aufgabe“.

Am Ende hatte sie vier, fünf Telefonnummern von anderen Interessierten auf ihrem Zettel. Zum Beispiel die von Phillip Baum, einem jungen Mann, der erst vor kurzem nach Wankheim „geheiratet hat“ und in Sichtweite der Flüchtlingsunterkunft wohnt. „Da gehe ich doch lieber gleich auf die Leute zu und strecke die Hand aus“, sagte er. Die Veranstaltung hatte ihn „positiv gestimmt, dass es keine Frontenbildung gegen die Flüchtlinge gibt“.

Vor allem durch die Kriege und durch diktatorische Regime im Nahen Osten und in Afrika hat auch die Zahl der in Deutschland ankommenden Asylsuchenden in den letzten Jahren drastisch zugenommen: von 41.000 im Jahr 2010 auf mehr als 130.000 erwartete in diesem Jahr. Nach den Angaben des zuständigen Kreis-Bereichsleiters Karlheinz Neuscheler hat sich die Zahl der Flüchtlinge, die der Kreis Tübingen anteilig unterbringen muss, seit 2010 verfünffacht: von 108 auf zirka 550. Da sich die Asylverfahren, während denen der Kreis für die Unterkunft zuständig ist, bis zu 24 Monaten hinziehen können, braucht der Kreis Tübingen etwa 900 Wohnplätze; verfügbar sind derzeit kreisweit 520. Der größte Anteil der Flüchtlinge kommt derzeit aus Syrien (18 Prozent). Weitere Haupt-Herkunftsländer sind Serbien, Afghanistan, Eritrea, Somalia, Mazedonien, Bosnien, Irak (momentan drei Prozent; „noch“, fügte Neuscheler bei seiner Aufzählung hinzu).

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15.08.2014, 12:00 Uhr

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