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Ende eines Traumjobs

Kustos der Paläontologischen Sammlung bekommt seine Stelle nicht verlängert

Die Paläontologische Sammlung der Universität sucht europaweit ihresgleichen. Mit einer neuen Präsentation und spannenden Führungen erweckte Philipe Havlik sie aus dem Dornröschenschlaf. Aber nun, nach fünf Jahren, muss der Kustos gehen, weil seine Stelle nicht verlängert wird.

22.10.2014
  • Ulrike Pfeil

Tübingen. „Es ist die Stelle, die ich immer haben wollte“, sagte Philipe Havlik einmal dem SCHWÄBISCHEN TAGBLATT. Er schien wie geschnitzt für den Kustoden-Job im Paläontologischen Institut an der Sigwartstraße, der von der Senckenberg-Gesellschaft in Frankfurt finanziert wurde.

In seinen fünf Vertragsjahren hat der heute 35-jährige Paläontologe viel Vorzeigbares geleistet: das vorher ziemlich verstaubte Museum neu gestaltet, den Therapsidensaal, die Großdioramen, den Württemberg-Saal, den Stratigraphischen Saal, für die zweisprachige Beschriftung (deutsch und englisch) der Exponate gesorgt, für LED-Beleuchtung und Restaurierungen. Er war sich nicht zu schade, vor der Eröffnung den Treppenaufgang zu putzen. Er warb Drittmittel ein, kooperierte mit internationalen Forschern und mit anderen Museen, aktualisierte die Inventarlisten der 600.000 Objekte umfassenden Sammlung, warb etliche neue Sammlungen ein.

Als begabter Kommunikator wirkte Havlik auch nach außen, ein ebenso kundiger wie unterhaltsamer Vermittler zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Das sprach sich in Tübingen bald herum. Zu seinen Führungen (die er auch sonntags anbot und wenn nötig auch auf Englisch oder Italienisch) strömte das Publikum, mit einer ansteckenden Begeisterung für sein Fach gewann er der Paläontologie zahlreiche Fans. Vielen Tübingern machte er erst bewusst, in was für einer erdgeschichtlich aufregenden Gegend sie leben.

Bei einer so hervorragenden Bilanz konnte Havlik davon ausgehen, dass sein befristeter Vertrag verlängert würde – und lange Zeit wurde das anscheinend auch von der Senckenberg-Gesellschaft so signalisiert. Erst vor wenigen Monaten wurde dem Kustos mitgeteilt, dass er doch nicht weiter beschäftigt wird.

Dass die Exzellenz-Uni einen hoch engagierten Mitarbeiter mit exzellenter Außenwirkung einfach gehen lässt, stößt inner- wie außerhalb der Universität auf Unverständnis, ja Fassungslosigkeit. Selbst Mitarbeiter des Paläontologischen Instituts wissen keine Erklärung. Weder die Universität noch die Senckenberg-Gesellschaft (deren Generaldirektor der frühere Tübinger Paläontolgieprofessor Volker Mosbrugger ist) wollen sich dazu äußern. „Keine Auskunft in einer Personalangelegenheit“ gibt es auch von Havliks unmittelbarer Vorgesetzter, der Instituts- und Museumsdirektorin Prof. Madelaine Böhme. Havlik selbst sagt nichts, außer dass er seinen Traumjob gern weitergemacht hätte.

Prof. Ernst Seidl, der Leiter des Museums der Universität Tübingen (MUT), macht jedoch aus seiner Bestürzung keinen Hehl. Dass Havliks Zeit an der Tübinger Uni Ende Oktober um sein soll, hat er erst vor wenigen Tagen erfahren. „Ich war geschockt“, sagt Seidl, der von Havliks Arbeit als Kustos „absolut begeistert“ ist, auch wenn dieser nicht direkt dem MUT unterstellt ist. „Was er in den letzten fünf Jahren mit der Paläontologischen Sammlung auf die Beine gestellt hat, ist einfach toll“, sagt Seidl.

Bevor Havlik eingestellt wurde, seien die Schätze der Paläontologie in Gefahr gewesen zu „zerbröseln“; das Wissenschaftsministerium habe damals sogar darüber nachgedacht, die Sammlung der Uni zu entziehen, das Stuttgarter Löwentormuseum hatte schon Interesse bekundet. Zusammen mit dem Geld der Senckenberg-Gesellschaft sei Havlik geradezu ein „Glücksfall“ gewesen. Seidl sorgt sich nun um die weitere Pflege der Sammlung. „Es ist ein Trugschluss, dass man niemanden mehr braucht, wenn das Museum fertig ist.“ Das riesige Depot brauche einen ständigen Kümmerer. Er will die Hoffnung nicht aufgeben, dass die Senckenberg-Gesellschaft „sich ihrer Verantwortung bewusst ist“.

Für die Öffentlichkeitswirkung der Tübinger Uni-Museen wäre der Weggang des Kustoden aus Seidls Sicht „ein echter Verlust“. 10.000 bis 15.000 Besucher im Jahr fanden nicht zuletzt dank Havlik in die Paläontologie. „Jeder, der eine Führung mit ihm machte, war begeistert.“ Im Juli führte Havlik bei einer Tübinger Tagung zu universitären Sammlungen europäische Kollegen durch das Museum. „Es war der Höhepunkt der Tagung“, sagt Seidl.

Erst vor kurzem veranstaltete das Tübinger Senckenberg-Zentrum für Humanevolution und Paläo-Umwelt eine Tagung auf dem Tübinger Schloss. Auch Volker Mosbrugger nahm teil. Ob dabei über Havlik gesprochen wurde? Eingeladen war er jedenfalls nicht.

Kustos der Paläontologischen Sammlung bekommt seine Stelle nicht verlängert
Keine Zukunft bei den Tübinger Sauriern: Philipe Havlik.

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22.10.2014, 12:00 Uhr

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