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Ein Mann, fünf Leben

Kwabena Amfo liebt sein Dußlingen – und hilft in Ghana

Schul-Assistent, Fußball-Schiri, Entwicklungshelfer, Trommellehrer, Familienvater: Auf die lange Frage, was denn sein Hauptjob sei, gibt Kwabena Amfo eine ziemlich kurze Antwort. „Alles“, sagt der 39-jährige Dußlinger. „Ich habe schon immer viel gemacht.“

10.08.2012
  • Eike Freese

Die Uhren müssen anders gehen in Ghana. Ein Tag hat dort mindestens 48 Stunden. Anders wird kaum erklärlich, was Kwabena Amfo in den knapp zehn Jahren aufgebaut hat, die er in Deutschland lebt. 2003 kam er aus Westafrika nach Schwaben. Und dann ging’s los.

„Bei fast allem, was ich mache, profitiere ich von meinen Erfahrungen in Ghana“, sagt Amfo. „Obwohl hier alles anders ist.“ Oder gerade weil hier alles anders ist. So etwa während seines Arbeitstags als pädagogischer Assistent, an der Mössinger Gottlieb-Rühle-Schule. Wenn ein Lehrer Probleme bekommt mit Schülern im Unterricht – oder wenn unruhige Schüler dem Stoff nicht mehr richtig folgen können – helfen Amfo oder die zweite pädagogische Assistentin. Sie gehen mit den Kindern heraus aus der Klassensituation – und machen zu zweit oder in einer kleinen Gruppe weiter. Sie müssen oft spontan reagieren, manchmal improvisieren. Es ist persönlicher. Vielleicht spielerischer. Auf jeden Fall aber erstmal entspannter, während die Klasse selbst weiter arbeitet. „Es gibt einfach zappelige Kinder, die Schwierigkeiten haben, in einer Stunde etwas zu verstehen – obwohl sie nicht weniger klug oder weniger interessiert sind als andere“, sagt Amfo. Für die macht er den Stoff möglichst einfach – und kümmert sich intensiver, als das in der großen Klasse möglich wäre. Der 39-Jährige glaubt, dass auch die kurze Atempause ohne Notengeberin oder Notengeber einen guten Einfluss in der speziellen Situation hat.

Eigentlich ist Kwabena Amfo ausgebildeter Lehrer. In Ghana hat er neun Jahre lang Schüler unterrichtet, in Englisch und Sport, im harten Norden des Landes, der viel ärmer ist als der entwickelte Süden. Unterricht ohne viel Material – und mit Schülern, die lieber schweigen als herumzuzappeln. „Die Erziehungskultur in Ghana ist anders“, sagt Amfo. „Der Lehrer redet, die Schüler hören zu.“ Amfo sieht das skeptisch: „Für Lehrer ist es vielleicht bequem – aber Kinder, die es in der Schule nicht lernen, werden ihre Meinung auch im späteren Leben nicht sagen.“

Wenn Amfo nicht gerade an der Rühleschule hilft, arbeitet er für den Verein „Crystal“, den er selbst mitgegründet hat. Amfo ist Erster Vorsitzender des deutsch-ghanaischen Freundschafts-Vereins. Er organisiert Praktika für deutsche Krankenschwestern, sorgt für Materialspenden an ghanaische Schulen und Kindergärten, unterstützt Aufklärungs- und Sportprojekte in der Heimat. Hier in der Region berät er Freiwillige, die einen Austausch nach Ghana planen. Und veranstaltet Informationsabende, etwa zum Thema Rassismus. „Rassismus gibt es überall – in Ghana wie in Deutschland“, sagt er. „Es ist keine Frage der Nationalität, sondern eine der Bildung. Einfach alles ist eine Frage der Bildung.“ Dass er selbst mit dem Thema sehr entspannt umgeht, schreibt Amfo auch seiner Weltläufigkeit zu. „Natürlich werde ich angestarrt, wenn ich in Horb auf der Gartenschau herumspaziere. Das ist aber nur natürlich, ich bin dort halt der einzige Schwarze“, sagt er. „Gerade deshalb muss ich das nicht gleich persönlich nehmen.“

Amfo will nicht, dass der offene Umgang mit Menschen anderer Hautfarbe in Anspannung übersteuert. „Beide Seiten dürfen es nicht zu ernst nehmen und alles auf die Goldwaage legen“, sagt der Unterrichtshelfer. Und erzählt eine Anekdote: „Wenn ich Kinder beim Sport habe, spielen wir auch ‚Wer hat Angst vorm schwarzen Mann‘. Die Hauptsache ist doch, die Kinder bewegen sich!“ Selbst in seiner Tätigkeit als Schiedsrichter auf heimischen Fußballplätzen, so Amfo, gebe es wenig Rassismus. Selten ärgert ihn direkte Diskriminierung. „Stattdessen werden Menschen aus dem Ausland nicht selten unterschätzt“, so Amfo. „Manchmal reicht ein kleiner Akzent – und deine ganze berufliche Ausbildung ist nur noch die Hälfte wert.“

Es geht um Mehrdimensionalität und Reflexion. Das ist Amfo auch bei seinem dritten Job wichtig: Der Lehrer gibt Trommelkurse in der Region, aktuell in Dußlingen und Nehren, aber auch bei Projekten an den Schulen der Umgebung. „Eine witzige Sache“, erzählt er. „90 Prozent der Schüler in Projekten und AGs sind Jungs – aber 90 Prozent der Erwachsenen sind Frauen.“

Das Trommeln ist für Amfo mehr als Folklore. Sicher, ein Stück Heimat holt sich der gebürtige Ghanaer schon zurück mit den rund 30 Instrumenten, die in seiner Wohnung stehen. Aber gerade das Trommeln mit Jugendlichen bietet für ihn weit mehr: „Der Rhythmus hat wirklich eine ‚heilende‘ Funktion“, so Amfo und zählt auf: „Jeder kann Trommeln. Es gibt keine Voraussetzungen. Es geht um Konzentration. Um Zusammenspiel. Um Bewegung. Und um Spaß natürlich.“ Über die Begeisterung der großen und kleinen Schwaben für Djembes und Palogos ist Amfo noch immer überrascht: „Ich habe mal eine AG extra am Freitag angeboten, weil ich dachte: Da kommen wenig Leute, die können dann in kleiner Gruppe trommeln. Am Ende kamen zwanzig Schüler.“

Kwabena Amfo liebt sein Dußlingen – und hilft in Ghana
Wie viel Engagement passt in einen 24-Stunden-Tag? Kwabena Amfo reizt offenbar gerade die Grenzen aus. Der in Ghana ausgebildete Englisch- und Sportlehrer arbeitet als pädagogischer Assistent in Mössingen, macht Projekte in der Schulsozialarbeit, leitet einen deutsch-ghanaischen Verein und schwört auf die fördernde Wirkung des Trommelspiels auf Kinder und Erwachsene.Bild: Bauer

Kwabena Amfo liebt sein Dußlingen – und hilft in Ghana

Kwabena Amfo ist Erster Vorsitzender des Vereins „Crystal“, der von Deutschland aus Projekte in Ghana unterstützt – und in der Region Tübingen Informationsarbeit leistet und Freiwillige vermittelt. „Crystal“ hilft bei Praktika in Ghana, etwa in Schulen, Krankenhäusern, Kindergärten oder Behinderteneinrichtungen, berät aber auch Touristen von hier, damit diese Ghana nicht nur eindimensional erleben. „Crystal“ fördert Umwelt-AGs an ghanaischen Schulen, Sommercamps etwa zum Klimawandel, Sportangebote und Material für Schülerinnen und Schüler – so etwa auch Laptops für die örtlichen Schulen. Derzeit sucht der Verein vor allem Material für die Sportprojekte: Tornetze, Trikots oder gebrauchte Bälle – zudem einen Kinderrollstuhl für einen zehnjährigen Ghanaer. Im Internet: www.crystal-ghana.org.

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10.08.2012, 12:00 Uhr

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