Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Die andere Welt

„L’Autre Monde“ im Vielklang-Sommer

120 Zuhörer erlebten am Donnerstag in der Jakobuskirche ein radikales Experiment: italienische Barockmusik in direkter Konfrontation mit Werken heutiger italienischer Zeitgenossen. Und tatsächlich waren die Komponisten um 1600 genauso revolutionär wie ihre Nachfahren der Neuen Musik.

11.08.2014
  • Achim Stricker

Tübingen. Ein leiser Beginn. Auf der Theorbe, einer Basslaute, reißt Simon Linné ein paar präludierende Töne an, die nahtlos übergehen in eine Toccata von Michelangelo Galilei. Auch am Ende des Stücks sind die Werkgrenzen geöffnet: Gleich schließen sich die ersten Töne von Giulio Caccinis Arie „A quei sospir ardenti“ an. Andreas Küppers setzt sich ans Cembalo und stimmt ein, Johannes Bergers Barockcello fädelt sich ebenfalls ein in die Generalbass-Gruppe. Nun tritt Sopranistin Alice Foccroulle hinzu, Prégardien-Schülerin und Mitglied in Herreweghes Collegium Vocale Gent. Ihre auf dem Ton bebenden „Caccini-Triller“ sind makellos, ihr anmutiges Timbre ein wenig kühl, mitunter fest.

Und dann hört man plötzlich Neue Musik: Alessandro Solbiatis „La rosa profunda“ (1995). Stellenweise klingt Barock an – Bach oder Vivaldi –, aber Alt-Querflöte und Violine dekonstruieren die Klangzitate, zersplittern sie in ersticktes Pizzicato, pfeifendes Atemgeräusch. Delphine Roche wechselt auf die Querflöte, nähert sich der Violine klanglich immer mehr an, steigt schließlich auf der Piccoloflöte zusammen mit Cécile Dorchênes Geige in die höchste Lage empor. Schon hakt sich wieder das Cembalo ein mit Domenico Bellis Barockarie „Ardo“.

Das europäisch besetzte Ensemble „L’Autre monde“ wurde 2010 an der Frankfurter Musikhochschule gegründet. Ein Glücksgriff für den Vielklang-Sommer, der wiederum genau der richtige Ort für solche spannenden und innovativen Programmkonzeptionen ist. Wobei die Neue Musik und deren schlicht geniale Interpretation interessanter und origineller war als die Barockmusik. Absolut aufeinander eingespielt waren Roche und Dorchêne bei Franco Donatonis „Ciglio II“ (1993): Ineinander gewürfelte Klang-Bruchstücke ergaben immer neue Anordnungen und Strukturabläufe. Musizierten die beiden (Roche auf der Traversflöte) mit der Generalbass-Gruppe, so stimmten Balance und Zugriff nicht immer überein, etwa bei Andrea Falconieris „La Folia“ oder Antonio Bertalis „Ciaconna“. Letzteres eine launige Barock’n’Roll-Version mit schmissigem Violin-Portamento und übermütigem Cembalo-Glissando.

Überwältigend zwei Solo-Werke des 1947 geborenen Salvatore Sciarrino, beide im Chorraum gespielt: „Capriccio II“ (1976) auf mehreren Violin-Saiten gleichzeitig, Tremoli und Triller, Obertöne, die mit leichter Bogenführung aus den Saiten flirrten, ungreifbare Luftspiegelungen, ein himmelblauer Flügelschlag aus jenseitigen Welten. Ebenso noch nie gehörte Klänge in „All’aure in una lontananza“ (1977): Die Querflöte ließ wieder und wieder einen Einzelton erscheinen, wie ein Naturphänomen in der Stille. Eine unendliche Vielfalt in einem einzigen Ton, der schließlich zu floralen Ornamenten anwuchs und immer fantastischere Figurationen in die Luft malte, ein klingendes Imaginäres.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

11.08.2014, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball