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Bücher

Lacher und BeifalI im Krematorium

Die Stuttgarter Kriminächte finden in außergewöhnlichen Locations statt. Der Tatort-Schauspieler und Gefängnisarzt Joe Bausch stellt sein neues Werk vor.

18.03.2019

Von Nadja Otterbach

Mit seinen Geschichten aus dem Knast unterhält Joe Bausch auf dem Pragfriedhof das Publikum. Foto: Ferdinando Iannone

Schon das Ankommen ist gruselig. Es ist dunkel, nur Kerzen leuchten den Besuchern den langen Weg vom Friedhofstor zur Feierhalle im Krematorium – mitten auf dem Pragfriedhof. Von den Gräbern ringsum sieht man nur die Silhouetten. Schnell verschwinden die meisten in der Halle, wo die 220 Plätze rasch besetzt sind.

Die Zuschauer sind wegen eines Mannes gekommen, den sie aus dem Kölner „Tatort“ kennen. Joe Bausch spielt den Rechtsmediziner Joseph Roth. Im wirklichen Leben ist der 65-Jährige Arzt und Autor. Mehr als 30 Jahre arbeitete er als Gefängnisarzt in der Justizvollzugsanstalt Werl. Kümmerte sich um Mörder, Vergewaltiger, Betrüger. Und sammelte ihre Geschichten, um daraus ein Buch zu machen. „Gangsterblues“ heißt es und ist nach „Knast“ sein zweites literarisches Werk. Bei den 10. Stuttgarter Kriminächten stellt er es nun vor.

Dass er an einem Ort liest, an dem normalerweise getrauert wird und an dem täglich Leichen eingeäschert werden, wundert hier niemanden. Die Kriminächte sind bekannt für außergewöhnlichen Locations. Das Krematorium ist ein bewährter Veranstaltungsort, ein Dauerbrenner quasi, wie Stephan Raab, einer der drei Geschäftsführer des Vereins Stuttgarter Kriminächte, augenzwinkernd sagt.

Das Publikum sitzt drinnen und wartet. Joe Bausch steht draußen und raucht. Er ist in Plauderlaune. 240 Mal hat er im Vorjahr gelesen, zwischen Gräbern noch nie. „Normalerweise gehe ich ungern auf Friedhöfe, weil das für einen Arzt ja eine Niederlage bedeutet. Aber ich finde es spannend, hier zu sein, wo meine fiktiven Leichen sind.“ Er zieht an seiner Zigarette und verrät, dass er am Mittag das gemacht hat, „was samstags alle Stuttgarter machen“. In der Markthalle war er, im Schlossgarten und bei Breuninger. Seit drei Monaten ist Bausch in Rente. Den „Tatort“ dreht er trotzdem weiter, als Arzt arbeitet er nur noch, „wenn ich Bock habe“.

Es wird Zeit. In der Halle ist es totenstill – noch. Drei Kerzen brennen auf der Kanzel. Joe Bausch legt sein Buch auf einem Stehtisch ab und legt los. Ohne Pause. Fast zwei Stunden lang. Er liest wenig, redet viel. Die Geschichten über die Inhaftierten sind wahr, aber so verfremdet, dass keiner von ihnen identifizierbar ist. „Außerdem sind wahre Verbrechen häufig banal. Jeder Krimi ist spannender.“ Bausch ist locker und lustig. Ohne eine Miene zu verziehen, haut er eine Pointe nach der anderen raus, das Publikum lacht, applaudiert. Bausch erzählt von seinem Leben. Wie es ist, wenn einem 900 Schwerverbrecher weismachen wollen, dass sie unschuldig sind, um später zu beichten, dass sie noch viel mehr begangen haben als das, wofür sie einsitzen.

Er plaudert über Udo, dem einer im JVA-Kraftraum eine 20-Kilo-Hantel wie eine Axt in die Weichteile rammte. Über den dienstältesten Knacki Paul, der Zirkusartist war, bevor er als „gelernter Einbrecher“ Karriere machte und das Leben hinter Gittern eigentlich ganz okay findet.

Unterhaltsam und witzig sei Bausch, werden die Krimifans aus dem Publikum später sagen. Angelika Wohlgemuth und ihre Freundinnen aus dem Remstal sind beeindruckt, weil Bausch nie aufgehört hat, Verbrecher als Menschen zu sehen.

Diese Lesung war erst der Anfang der Kriminächte. Bis 29. März finden weitere Veranstaltungen statt. Spannend wird's etwa in der ehemaligen Villa des Ministerpräsidenten auf der Solitude, in der Pathologie oder im Hotel Silber. Neben Lesungen gibt es Theaterstücke, improvisierte Krimis, Live-Hörspiele und Kabaretts. Viele Events sind bereits ausverkauft.

Stephan Raab freut sich über die gute Resonanz und betont, dass die Macher auch im zehnten Jahr der Kriminächte auf Qualität setzen. Dass sie einen guten Riecher haben, bewiesen sie mit Bernhard Aichner. Als sie ihn das erste Mal einluden, kannte ihn niemand. Heute ist er ein Bestseller-Autor. „Die Stuttgarter lieben ihn.“ Am 28. März liest er im Friedrichsbau Varieté.

Nur für wenige Veranstaltungen gibt es noch Karten

Viele Krimi-Lesungen sind ausverkauft. Karten gibt es noch für die Lesung von Christine Lehmann am 20. März in der Cannstatter Bibliothek. Ebenso für Christoph Nix am 23. März im WeltRaum des IFA und für Katarzyna Bonda am 24. März in der ehemaligen Kirche Humbase. Das Programm gibt’s auf www.stuttgarter-kriminaechte.de .

Die Kriminächte enden am 29. März im Wilhelma-Theater mit der Auszeichnung von vier Autoren. Ausgezeichnet werden mit dem Krimipreis Mechtild Borrmann für „Grenzgänger“. Der Wirtschaftskrimipreis geht an Wolfgang Schorlau für „Der große Plan“. Den Preis für einen Debütkrimi erhält Susanne Saygin für „Feinde“. André Georgi erhält den Politikkrimipreis für „Die letzte Terroristin“.

Kurzweil für 6- bis 14-Jährige bieten die Kinder-Krimi-Wochen ab 27. März. ⇥nad

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Erstellt:
18. März 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
18. März 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. März 2019, 06:00 Uhr

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