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Mit Engelszungen

Läuft nicht im dunklen Herbst

Kühle Luft strömt durch die Lungenflügel, wohlige Wärme strömt durch die Muskeln, Dampfschwaden steigen vom eigenen Körper in den Abendhimmel. Eigentlich ist der Übergang in den Winter wunderbar zum Joggen geeignet. Blöd ist nur, dass auf meinen üblichen Strecken die Lichter ausgehen. Meine bevorzugte Route auf der großen Runde über die Rindenschrotbahn im Markwasen musste ich schon Ende September streichen.

06.11.2015

Von Maik Wilke

Denn die Bahn wird aus Naturschutzgründen von erhellendem Kunstlicht verschont. Auf den Trimm-dich-Pfad im Wald scheint nicht einmal das schwache Mondlicht durchs Geäst. Nach Feierabend um 19 Uhr hier noch meine Runden zu drehen, bedeutet eine zu große Umknick-Gefahr. Der Vorschlag meines Chefs, ich solle eine Stirnlampe anziehen, läuft bei mir ins Leere.

Der Vorschlag meiner Mitbewohner, ich könne doch ins Fitnessstudio, weckt dagegen Interesse. Die athletischen Frauen und Männer auf den Werbeplakaten verheißen jedenfalls großen Erfolg beim Body-Shaping. Noch ein Vorteil: Im Studio ist es warm. Keine lange Hose, kein dicker Pullover. Handschuhe und Mütze können ebenfalls im Schrank bleiben. Also hin, das Probetraining ist sogar kostenlos. Doch bei den Laufbändern angekommen, verpufft meine Illusion der tollen Trainings-Atmosphäre.

Die Jogger stehen sich beim Warten auf ein freies Gerät bereits auf den Füßen. Beim Spinning werden die Räder im Akkord gewechselt. Schnell wird klar, dass ein Studio für mich ein No-Go ist. Schließlich laufe ich ja auch, um abzuschalten, um für mich zu sein.

Also wieder ab ins Freie. Auf meine Ausweichroute: Zunächst durch die Oststadt, dann entlang der B 313 Richtung Eningen. Keine schöne Strecke, dafür kann ich meinen Run direkt von der Haustür beginnen. Vorbei am Scheibengipfeltunnel geht es zu vereinzelten Schrebergärten. Unter den Straßenlaternen tauche ich von Licht zu Licht. Das Tempo ist gut, ich fühle mich fit.

An einer Bank mache ich meine übliche 5-Minuten-Pause. Dehnen ist angesagt. Aber ein plötzliches Zucken beendet meine Stretching-Übung. Doch es zuckt nicht im Muskel – die Laterne über meinem Kopf flackert für ein paar Sekunden, dann wird es dunkel. Um mich herum nahezu pure Finsternis. Lediglich meine giftgrünen Laufschuhe reflektieren einige Photone. Und dann auch noch der Super-Gau: Meinem Ipod geht vor mir die Puste aus. Nun fühle ich mich doch etwas einsam hier. Im Dunkeln, umzingelt von düsteren Gärten und dichtem Gebüsch. Das Dehnen beende ich kurzerhand und lege einen ungeplanten Zwischensprint zur nächsten, lichtspendenden Laterne ein. Gut, dass es nur 200 Meter sind – bei meinem Antritt 26,52 Sekunden.

Ausgepowert ziehe ich zu Hause die verschwitzten Kleider aus und schleuder sie in die Wäschetonne. Wenn das im Winter so weiter geht, verzichte ich auf den Sport und esse eben nur noch Salat. Oder vielleicht gebe ich der Stirnlampe doch mal eine Chance.

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Erstellt:
6. November 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
6. November 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. November 2015, 12:00 Uhr

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