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Land mit zwei Gesichtern

23.12.2016
  • MARTIN GEHLEN

Tunis. Wo das Auge hinblickt, ist staubige Einöde. Wie viele Städtchen in Süden Tunesiens ist auch Tataouine ein trostloser Flecken am Rande der Wüste. Einst diente die Gegend als Kulisse für den Film „Krieg der Sterne“. Hier soll der 24-jährige Anis Ben Othman Amri geboren worden sein. Seine Eltern und Geschwister werden von tunesischen Ermittlern verhört, die Familie ist weggezogen. 40 Prozent der 100 000 Einwohner von Tataouine sind arbeitslos, Hoffnungen auf ein besseres Leben nach dem Arabischen Frühling 2011 sind zerstoben. Der Wüstentourismus, einst wichtige Einkommensquelle, ist zerstört.

Stattdessen hat die Nähe zu Libyen die Stadt zu einer Hochburg der Dschihadisten gemacht. In der abgelegenen Region tummeln sich IS-Kämpfer, Waffen- und Menschenschmuggler. Vor sieben Monaten starben vier Polizisten, als sie während einer Razzia in einen Hinterhalt gerieten. Im März versuchte in der 120 Kilometer entfernten Grenzstadt Ben Gardane ein Kommando aus 100 Dschihadisten, ein Mini-Kalifat auf tunesischem Boden zu errichten. Bei tagelangen Gefechten starben Dutzende Soldaten und Extremisten, die anderen entkamen nach Libyen.

Tunesien hat ein Doppelgesicht. Zum einen ist die Nation die Wiege des Arabischen Frühlings und das einzige arabische Land, das den Sprung aus der Diktatur in eine Demokratie geschafft hat. Zum anderen ist der kleine Staat ein Hotspot des Dschihadismus. Kein anderer arabischer Staat stellt – gemessen an der Bevölkerungszahl – mehr ausländische Kämpfer in den Reihen des „Islamischen Staates“. Mehr als 3000 Tunesier sind nach Syrien und in den Irak gezogen, um für den selbsternannten Kalifen Abu Bakr Al-Baghdadi zu kämpfen. Weitere 500 gingen über die Grenze ins Nachbarland Libyen, um dort beim Aufbau des IS-Kalifats in Sirte dabei zu sein. 12 000 radikalisierte junge Männer und Frauen konnte die tunesische Polizei nach eigenen Angaben an der Ausreise hindern.

2015 kamen bei drei großen IS-Attentaten in Tunis und Sousse mehr als 60 Menschen ums Leben. Seitdem scheint es, hat die Polizei die Lage besser im Griff, auch weil mit europäischer Hilfe 168 der 520 Kilometer langen Grenze zu Libyen mit Betonmauern, Sandwällen und Gräben nun besser gesichert sind. Doch nicht nur frustrierte junge Arbeitslose aus vergessenen Winkeln Tunesiens wie Tataouine lassen sich vom IS anwerben. Erstaunlich viele Dschihadisten stammen auch aus Mittelklassefamilien, waren Studenten, angestellt im öffentlichen Dienst oder hatten gut bezahlte Berufe im Privatsektor – darunter sind Söhne von Professoren, Offizieren und hohen Beamten.

In jüngster Zeit jedoch scheint sich das Blatt für das „Islamische Kalifat“ zu wenden, so dass immer mehr Kämpfer in ihre Heimat zurückkehren. Erst Anfang Dezember gelang es libyschen Regierungsmilizen nach monatelangen Gefechten, die Terrormiliz aus Sirte zu vertreiben, dem Geburtsort des 2011 gestürzten libyschen Diktators Gaddafi. Bis zu 5000 Kämpfer sollen sich laut US-Verteidigungsministerium in der IS-Hochphase in der Küstenstadt aufgehalten haben. Bei den Kämpfen gestorben, verwundet oder festgenommen wurden lediglich 500. Der Rest ist spurlos verschwunden. Und viele dieser kampferprobten Extremisten könnten demnächst wieder in ihrer Heimat auftauchen – für den tunesischen Islamisten-Forscher Hadi Yahmed einer der größten Gefahren für die junge Demokratie. geh

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23.12.2016, 06:00 Uhr

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