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Städtetag: Passgenauen Weg zum Abi ebnen

Land regelt erstmals Wechsel von der Gemeinschaftsschule auf das Gymnasium

Mangels Oberstufenangeboten werden die meisten Gemeinschaftsschüler, die das Abi machen wollen, aufs Gymnasium wechseln müssen. Die Modalitäten dafür hat das Land nun geregelt. Sie klingen teils skurril.

18.11.2015
  • ROLAND MUSCHEL

Stuttgart Die Konstanzer Gebhardschule ist eine der wenigen Gemeinschaftsschulen im Land, die von der Größe her 2017 die Einrichtung einer dreijährigen Oberstufe ab dem Schuljahr 2018/2019 beantragen kann. Da in ihrem Fall zudem der Schulträger mitspielt, wird sie ihren Schülern den Weg zum Abitur anbieten können. So gut wie alle anderen Gemeinschaftsschulen dürften indes an den Voraussetzungen scheitern: Das baden-württembergische Schulgesetz knüpft die Einrichtung einer Oberstufe an den Willen des Schulträger und daran, dass "für Klassenstufe 11 auf der Grundlage der Schülerzahl in Klassenstufe 9 die Mindestschülerzahl von 60 langfristig prognostiziert werden kann".

Das Gros der zum Schuljahr 2012/2013 von Grün-Rot eingeführten Gemeinschaftsschulen, deren 42 Pionierklassen kommendes Schuljahr die Klassenstufe 9 erreichen, ist viel zu klein, um diese Hürde nehmen zu können. "Von der Größe her kommen einige wenige in Frage. Aus heutiger Sicht dürfte aber nur ein Schulträger 2017 den Antrag auf eine Oberstufe stellen", sagt der Bildungsexperte des Städtetags Baden-Württemberg, Norbert Brugger.

Die kommunalen Schulträger drängen das Land daher, nun die Weichen für die sich abzeichnende Entwicklung zu stellen. "Für alle Schüler von Gemeinschaftsschulen, die Abitur machen wollen und nicht in die Konstanzer Oberstufe gehen werden, muss ein transparenter und passgenauer Weg zum Abitur geebnet werden", fordert Brugger. "Da es kein flächendeckendes Abitur-Angebot an Gemeinschaftsschulen geben wird, bleiben nur Kooperationen mit beruflichen und allgemein bildenden Gymnasien." Diese sollten für Wechsler spezielle Angebote oder Züge vorhalten, empfiehlt der Städtetag, da die "Lernkulturen" sehr verschieden seien.

Der Städtetag hatte sich früh für die Entwicklung zu einem "Zwei-Säulen-System" ausgesprochen, mit dem Gymnasium und einer zweiten Schulart "auf Augenhöhe". Das deckt sich mit dem spätestens 2013 propagierten Ziel der grün-roten Landesregierung. Anders als geplant, konstatiert der Städtetag indes, befinde sich das Land momentan keineswegs auf dem Weg zu einem Zwei-Säulen-System. Vielmehr sei die Gemeinschaftsschule als zusätzliche Schulart entstanden - neben Realschule und Werkrealschule/Hauptschule. "Aus dem instabilen dreigliedrigen ist dadurch ein instabiles vier-/fünfgliedriges Schulsystem entstanden", heißt es in einem Positionspapier des Verbands.

Tatsächlich scheint unklar, wohin die Reise gehen soll. Nachdem der anfängliche Reformeifer der Regierung in Umfragen von vielen Bürgern kritisch gesehen wurde und die Schulpolitik schnell als Achillesferse der Koalition galt, ist Grün-Rot inzwischen bemüht, allen Schulformen "Stärkung" zuzusagen.

Die als "Schule für alle" propagierte Gemeinschaftsschule hat starken Zulauf, aber schon jetzt das Problem, dass nur etwa zehn Prozent der Schüler beim Wechsel von der Grundschule eine Gymnasialempfehlung mitbringen. Fehlende Oberstufenzüge könnten den Trend noch verstärken. Brugger glaubt indes, dass Kooperationen mit Gymnasien das Vertrauen in die Gemeinschaftsschule stärken könnten. Die jetzige Entwicklung jedenfalls passt nicht ins Konzept der Landesregierung, wonach die Schülerschaft an den Gemeinschaftsschulen möglichst heterogen sein soll.

Kultusminister Andreas Stoch (SPD), seit Januar 2013 im Amt, ist noch mit Vergangenheitsbewältigung beschäftigt. Gerade hat sein Ministerium den Schulen eine 50seitige Artikelverordnung zukommen lassen. Die nennt - drei Jahre nach der von Stochs geschasster Vorgängerin Gabriele Warminski-Leitheußer eingeführten Schulart - formal erstmals Kriterien für den Wechsel von Gemeinschaftsschulen auf Realschulen oder Gymnasien. Für einen Wechsel auf die nächsthöhere Klasse des Gymnasiums gibt es eine neue Wortkreation: die "fiktive Versetzungsentscheidung". Mit dieser Konstruktion versucht das Ministerium, den systemimmanenten Widerspruch zu lösen, den ein Wechsel von einer Schulart ohne Sitzenbleiben und weitgehend ohne Noten auf eine Schulart mit anderen Regeln und dem achtjährigen Weg zum Abitur mit sich bringt.

Im Wechselfall sollen Gemeinschaftsschüler nicht wie üblich innerhalb der drei Niveaustufen G, M und E bewertet werden, sondern für die "fiktive Versetzungsentscheidung" einheitlich auf der höchsten Niveaustufe E. Die Feststellung, ob ein Schüler an die nächsthöhere Stufe im Gymnasium versetzt werden kann, trifft "die Lerngruppenkonferenz der abgebenden Gemeinschaftsschule" - und nicht das aufnehmende Gymnasium.

Land regelt erstmals Wechsel von der Gemeinschaftsschule auf das Gymnasium
Hurra, Zeugnisse! Nichts wie ab aufs Gymnasium. Das Kultusministerium hat jetzt geregelt, wie das von der Gemeinschaftsschule aus geht. Foto: Thomas Kiehl

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18.11.2015, 12:00 Uhr

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