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Viele fliehen im Herbst

Landesflüchtlingsrat will Erstaufnahme von Asylsuchenden möglichst dezentral

Das Land braucht mehr Plätze zur Erstaufnahme von Flüchtlingen. Als Standort ist auch Tübingen im Gespräch – neben Ellwangen und Freiburg. Im Gemeindehaus Lamm ging es am Dienstag darum, was in einer Erstaufnahmestelle geschieht und wie sie ausgestattet sein muss.

27.11.2014
  • Renate Angstmann-Koch

Tübingen. Ungefähr 35 Interessierte kamen. Der Landesflüchtlingsrat begrüßt, dass es weitere Aufnahmestellen geben soll, sagte dessen Geschäftsführer Andreas Linder. Er würde jedoch kleinere, dezentrale Aufnahmestellen etwa in jedem Kreis bevorzugen. Er halte auch die Unterscheidung zwischen vorläufiger Unterbringung beim Kreis und Anschlussunterbringung in den Gemeinden nicht für sinnvoll.

In Karlsruhe fehlt es an vielem – auch an Sportplätzen. Das berichtete Beate Deckwart-Boller vom Diakonischen Werk, Sozialpädagogin bei der unabhängigen Sozial- und Verfahrensberatung in der Landeserstaufnahmestelle. Die Einrichtung ist überfüllt. Alle freien Flächen wurden bebaut – und frühere Sozialräume dazu genutzt, weitere Matratzen auszulegen. Mit Ausnahme eines kleinen Kindergartens mit dreißig Plätzen. In ihn gehen Kinder und Jugendliche zwischen vier und 17 Jahren in zwei Schichten. Die in der Einrichtung so beengt untergebrachten Flüchtlinge freuen sich riesig, wenn der KSC sie ins Stadion einlädt oder Sportler einen Freizeitkick für sie organisieren.

Asylsuchende sind verpflichtet, zwischen sechs Wochen und drei Monaten in der Erstaufnahmestelle zu bleiben. Das berichtete der Grünen-Landtagsabgeordnete Daniel Lede Abal, der zu dem Abend eingeladen hatte. In dieser Zeit stellen die Flüchtlinge ihren Asylantrag. Sie werden medizinisch untersucht und sollen persönlich angehört werden. Von Menschen ab 14 Jahren machen die Behörden Fotos und nehmen ihre Fingerabdrücke, um im Ausland abzugleichen, ob sie anderswo schon einmal Asyl beantragt haben.

Kinder und Jugendliche, die allein unterwegs sind, sollen gar nicht erst in die Erstaufnahmestelle kommen. Die Jugendämter müssen sie in Obhut nehmen. Sie werden auch nicht über das Asylbewerberleistungsgesetz versorgt, sondern haben Anspruch auf Jugendhilfe.

Das Land will die Sozial- und Verfahrensberatung ausbauen und Netzwerke ehrenamtlicher Unterstützer fördern – auch in den Landkreisen, auf die Asylsuchende verteilt werden. Sie bleiben bis zu zwei Jahre in der „vorläufigen Unterbringung“ bis ihr Verfahren abgeschlossen ist. Danach sind die Gemeinden zuständig. Vorgesehen ist ein Schlüssel von einem Sozialberater für hundert Flüchtlinge.

In Karlsruhe gibt es erst seit einem Jahr eine unabhängige Beratung mit rechnerisch 3,6 Stellen für 2000 Flüchtlinge. Zu ihren Aufgaben gehört herauszufinden, ob jemand besonders schutzbedürftig ist – etwa traumatisiert, krank oder behindert. Aber auch sehr alte Menschen und Schwangere gehören zu einer Personengruppe, die nicht in einem großen Lager sondern in Wohnungen untergebracht werden sollen.

Deckwart-Boller zufolge hilft es Flüchtlingen sehr, wenn Ehrenamtliche sie zum Arzt begleiten, übersetzen, mit ihnen die ersten deutschen Worte üben oder auch nur zuhören. In der Diskussion spielte eine große Rolle, wie ein besonderes Schutzbedürfnis von Menschen erkannt werden kann. In Karlsruhe, sagte Andreas Linder, gelinge das oft nicht.

Landesflüchtlingsrat will Erstaufnahme von Asylsuchenden möglichst dezentral
An der Bahnlinie nach Hechingen entstehen derzeit Wohnungen für rund hundert Flüchtlinge. Auf der Wiese neben dem Landratsamt könnte zusätzlich eine Erstaufnahmestelle des Landes für 500 bis 1000 Asylsuchende gebaut werden. Die Entscheidung ist noch nicht gefallen – unter anderem, weil sich die Stadt Tübingen und das Land darüber einigen müssen, wie lang die Erstaufnahmestelle dort bleiben soll. Der Stadt gehen Baubürgermeister Cord Soehlke zufolge 2022 die Wohnbauflächen aus. Daher soll das Gebiet Saiben jenseits der Bahn erschlossen werden. Bei der Planung spielen auch diese Flächen eine Rolle. Unklar ist bisher, ob der Saiben besser über die Konrad-Adenauer-Straße oder die Wilhelm-Keil-Straße erschlossen würde. Die Zufahrt muss auf jeden Fall den Bahndamm unterqueren. Bild:Sommer

Im Jahr 2013 kamen 127 000 Asylsuchende nach Deutschland. 2014 waren es bis Oktober bereits 158 000. Allein die Zahl der Flüchtlinge aus Syrien hat sich mehr als verdoppelt. Baden-Württemberg nimmt in diesem Jahr nach einer aktuellen Schätzung ungefähr 26 000 Menschen auf.
Besonders viele kommen erfahrungsgemäß im Herbst. Das Land will
eine Erstaufnahmekapazität von 4000 bis 4500 Plätzen schaffen.

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27.11.2014, 12:00 Uhr

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