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Neuer Weg zum Doktor

Landeshochschulgesetz soll Hochschulen für angewandte Wissenschaften befristet Promotionsrecht

„Nicht als Sieg über die Universitäten, sondern als Anerkennung für unsere gute Arbeit“ wertet es Bastian Kaiser, Rektor der Rottenburger Hochschule für Forstwirtschaft, dass im Entwurf des neuen Landeshochschulgesetzes eine Experimentierklausel aufgenommen wurde. Sie soll den Hochschulen für angewandte Wissenschaft den Zugang zu eigenem Promotionsrecht schaffen.

23.01.2014

Von Gert Fleischer

Rottenburg. Wer einen Doktortitel erlangen will, muss dafür an die Universität gehen. Das ist der althergebrachte Grundsatz. Wer nicht direkt an einem Lehrstuhl promoviert, weil er an einem wissenschaftlichen Institut arbeitet wie der Max-Planck-Gesellschaft, benötigt eine Kooperation seines Instituts mit einer Uni. Wie die Max-Planck-Institute haben auch die Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW) kein Promotionsrecht. HAW – so heißen jetzt die früheren Fachhochschulen. Trotzdem können auch HAW-Absolventen den Doktortitel erwerben, wenn sie einen Universitätsprofessor finden, der sie betreut. Etwa ein Prozent aller Promotionen kommen so zustande.

Die HAW – Bastian Kaiser ist der Sprecher der 21 staatlichen und 3 kirchlichen HAW in Baden-Württemberg – drängen seit einigen Jahren auf ein eigenes Promotionsrecht, das ohne Anbindung an die Unis auskommt. Nach und nach wurden sie mehr gehört. Annette Schavan, acht Jahre lang Bundesministerin für Bildung und Forschung (voriges Jahr trat sie nach der Aberkennung ihres Doktorgrads wegen angeblicher Plagiate zurück) sagte laut „academix.de“ im Herbst 2012 der „Osnabrücker Zeitung“: „Es soll künftig auch möglich sein, den Doktortitel tatsächlich an einer Fachhochschule zu erwerben.“ Das sei „keine Revolution, sondern eine Evolution“.

Horst Hippler: Promotion auf die billige Art

Der Rektor der Hochschule Ulm, Achim Bubenzer, setzt sich seit Jahren für einen Zugang der HAW zum Promotionsrecht ein. Vor zwei Wochen konfrontierte ihn die Ulmer Lokalausgabe der „Südwest Presse“ mit einer Aussage von Horst Hippler, dem Präsidenten der Hochschulrektorenkonferenz. Der habe gesagt, „es kann nicht sein, Promotion und Forschung auf die billige Art zu bekommen“. Bubenzer dazu: „Das ist eine Diffamierung, keiner unserer Doktoranden ist je auf billige Art und Weise promoviert worden. Aber wir kennen Herrn Hippler ja. Er verteidigt mit dem Promotionsrecht ein Privileg der Universitäten, und wer gibt schon gerne ein Privileg auf?“

Diese wenigen Äußerungen belegen die Brisanz, die in diesem Thema steckt. Im ersten Entwurf zur Novelle des Landeshochschulgesetzes (LHG) stand von der Möglichkeit zum eigenständigen Promotionsrecht der Hochschulen für angewandte Wissenschaft noch nichts. Bubenzer kritisierte, dass die Kooperationen oft „holprig“ liefen (das Promotionsrecht liegt nicht allgemein bei den Universitäten, sondern bei deren Fakultäten). „Mit einer Öffnungsklausel“, so Bubenzer weiter, „könnte sich Baden-Württemberg an die Spitze der Bewegung setzen.“

Jetzt scheint diese Öffnung da. In der Fraktionsanhörung zur Novellierung des LHG am Dienstag in Stuttgart erklärten die Regierungsfraktionen Grüne und SPD, sie hätten „viele der Rückmeldungen im Anhörungsverfahren und Dialogprozess berücksichtigt“. Das schrieb Bastian Kaiser in seiner Funktion als Vorsitzender der HAW-Rektorenkonferenz in einer Pressemitteilung.

Bastian Kaiser: Die Qualität ist vorhanden

Er attestierte „deutlich pragmatischere Lösungen“, um sogleich auf den Kern aus Sicht der HAW zu kommen: „Die Rektorenkonferenz der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften begrüßt ausdrücklich die im überarbeiteten Gesetzesentwurf vorgesehene Experimentierklausel, die ein qualitätsgesichertes und befristetes Promotionsrecht für geeignete HAW-Verbünde ermöglicht. Damit setzt die Hochschulpolitik in Baden-Württemberg bundesweit Maßstäbe.“

Die Befristung auf fünf Jahre war das politische Angebot der HAW, damit das Promotionsrecht der Hochschulen im Gesetzestext wenigstens „angelegt“ ist. So bleibt – falls das LHG so verabschiedet würde – dieser epochale Einschnitt zurücknehmbar. Kaiser freute sich gestern im Gespräch mit dem TAGBLATT, dass die „sehr intensive Arbeit“ Früchte trägt. Er gab sich überzeugt, dass die HAW ihre Bewährungszeit meistern. Die Qualität der Lehre und auch der Absolventen sei hinreichend.

Es gehe nicht darum, erläuterte Kaiser, dass jede HAW selbst Leute promoviert, dass jeder Professor oder jede Professorin Doktorarbeiten vergeben kann; „das können wir als kleine Hochschule gar nicht leisten – was übrigens auch für die eine oder andere kleine Uni gilt.“ Aber die HAW können Verbünde bilden, Zentren für angewandte Forschung, die sich räumlich beispielsweise an einer Hochschule befinden, deren Professoren aber von mehreren Hochschulen kommen. So stellten es laut Kaiser die hochschulpolitischen Sprecher der Regierungsfraktionen, Kai Schmidt-Eisenlohr (Grüne) und Martin Rivoir (SPD) auch dar. Ziel sei es vielmehr, „die herausragenden Forschungsleistungen der forschungsstärksten HAW-Professorinnen und -Professoren, deren Arbeit und Kompetenz durch ein zeitlich befristetes Promotionsrecht für qualitätsgesicherte HAW-Einrichtungen zu unterstützen“. Das nütze auf Sicht auch der mittelständischen Industrie, die im gesamten Land ein wichtiger Forschungspartner der HAW ist.

Die Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg im Schadenweiler Hof wächst. Das neue Seminargebäude wurde im Herbst fertig. Bild: Fleischer

„Wir sind zufrieden“, sagte Rektor Bastian Kaiser gestern über die befristete Experimentierklausel, die den ehemaligen Fachhochschulen Zugang zum Promotionsrecht bringen soll. Sein Ulmer Kollege Achim Bubenzer meint: „Damit wird Baden-Württemberg an die Spitze der hochschulpolitischen Entwicklung in Deutschland gestellt.“ Spitze ist dann auch Hessen, denn dort steht ein sehr ähnlich gestricktes Promotionsrecht für Fachhochschulen im Koalitionsvertrag der neuen schwarz-grünen Landesregierung.

Mancher Universitätsprofessor sieht es anders. Die „Frankfurter Allgemeine“ zitierte gestern den Konstanzer Rektor Ulrich Rüdiger. Der sehe „keine plausiblen Gründe dafür, das Promotionsrecht als Alleinstellungsmerkmal der Universitäten zu verwässern“. Der Rektor der Ulmer Universität Karl Joachim Ebeling sieht in der Experimentierklausel „eine Missachtung der ausgewiesenen Reputation der Universitäten“.

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Erstellt:
23. Januar 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
23. Januar 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. Januar 2014, 12:00 Uhr

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