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Von Grenzen und Vertrauen

Landesinnenminister Heribert Rech sprach über Jugendkriminalität

Eltern müssen ihren Kindern Grenzen setzen, bevor es das Gericht tut. Innenminister Heribert Rech forderte dies, als er am Mittwochabend über Jugendkriminalität sprach. Aber Eltern sollen ihre Kinder auch durch Vertrauen stärken.

10.09.2010
  • Gert Fleischer

Der kleine Saal im „Martinshof“ war voll, gut 50 Leute, davon etwa 15 junge Frauen und Männer von der Jungen Union. Das Keckste an diesem Abend war der Klaps, den der Rottenburger JU-Vorsitzender Bernhard Glökler dem Gastreferenten auf die Schulter gab: Den baden-württembergischen Innenminister hatte die JU eingeladen, damit er über das „brandaktuelle Thema Jugendkriminalität“ rede.

Landesinnenminister Heribert Rech sprach über Jugendkriminalität

Vorn saß die CDU-Prominenz, auch Lisa Federle aus Tübingen war da. Die Polizei war gut vertreten mit dem Leiter der Tübinger Polizeidirektion Thomas Züfle und dem Chef des Rottenburger Polizeireviers, Hans-Peter Tausch. „Am Ende wird alles der Polizei vor die Füße geworfen. Oder vor die Schule.“ Damit war Rech schon bei einem Grund, der junge Menschen auf Abwege führen kann: Mangelnde Erziehung zu Hause, Eltern, die sich aus der Verantwortung stehlen. Er sei kein Pessimist, was die Entwicklung und die Perspektiven der Jugendlichen angeht, sagte Rech. Die Jugendkriminalität sei in den vergangenen beiden Jahren rückläufig nach allerdings starkem Anstieg zuvor. Die Schwierigkeiten seien qualitativer Art: „Die Brutalität nimmt zu, die Respektlosigkeit gegenüber dem Staat und seinen Repräsentanten.“ Häufig sei Alkohol im Spiel, Alkohol sei „ein Gewalt-Katalysator“.

Dann widmete sich Rech den Problemfeldern und schickte vorweg: „Verwechseln Sie mich nicht mit dem Thilo Sarrazin, aber die Dinge müssen beim Namen genannt werden!“ Das tat er sogleich: „Die Kriminalitätsbelastung nicht-deutscher Täter ist seit Jahren drei mal so hoch.“ Das solle aber „nicht Stigma sein, sondern Verpflichtung für uns, zu helfen“. Einem französischen Kollegen habe er vor Jahren, als es in den Pariser Vorstädten immer wieder brannte, gesagt: „Ein Staat kann seine jungen Menschen nicht zur Ordnung rufen, wenn diese Ordnung keine Perspektiven bietet.“ Bevor Rech in Gefahr geriet, mit Gregor Gysi verwechselt zu werden, schränkte er gleich ein: „Der sozialpolitische Aspekt gilt für uns nicht.“ Denn die Jugendarbeitslosigkeit sei im Land so niedrig wie seit Jahren nicht.

80 Prozent der Gewalttaten stammten von Wiederholungstätern, und jeder Dritte dieser Kriminellen habe unter Alkoholeinfluss gestanden. Das Verkaufsverbot von Alkohol an Tankstellen zwischen 22 und 5 Uhr sei deshalb ein richtiger Schritt gewesen.

Jugendkriminalität, erläuterte der Innenminister, sei „in der Mehrzahl der Fälle ein episodenhaftes Problem“, sie lasse mit dem Reifer-Werden wieder nach. Bei einem kleinen Teil der jungen Leute aber verfestige sie sich und werde zum „massiven gesellschaftlichen Problem“. Ursachen für Gewalt gebe es viele, oft sei es ein ganzes Bündel: Streit im Elternhaus, Schulschwänzen, unstrukturiertes Freizeitverhalten, Killerspiele, „Gewalt legitimierende Männlichkeitsnormen bei Migranten“. Jedes dritte Kind, das im Elternhaus Gewalt erfahren habe, übe später selbst Gewalt aus. Doppelt so viele Migranten-Kinder als deutsche würden Opfer häuslicher Gewalt. Rech erzählte von seinem Besuch in einem Stuttgarter Polizeirevier. Wenn Polizisten Eltern anriefen, weil sie deren Kind alkoholisiert aufgegriffen hatten, hörten sie am Telefon: „Was, schon wieder betrunken? Der soll sehen, wie er heim kommt.“ Während Tausch heftig nickt, sagt Rech: „Damit ist das Problem beschrieben.“

Es gelte, Kindern Lebenskompetenz zu vermitteln. „Kinder brauchen das Gefühl, etwas wert zu sein. Es gibt kein Kind, das nichts kann. Man muss seine Fähigkeiten wecken und sie stärken.“ Erwachsene sollten Jugendlichen Vertrauen schenken, sie Verantwortung übernehmen lassen. So entstehe Selbstvertrauen.

Aber Rech ist für Konsequenz. Das Jugendstrafrecht wolle er nicht verschärfen, aber bei Heranwachsenden, besonders bei Wiederholungstätern müsse viel öfter das Erwachsenenstrafrecht angewandt werden, forderte er. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass 70 Prozent nicht richtig ticken – da müsste man ja die Volljährigkeit mit 18 wieder abschaffen.“

Damit nicht erst das Gericht Grenzen setzt, sollten es zuvor die Eltern tun. Jenen Familien, die damit überfordert sind, „müssen wir helfen“. Es sei jugendtypisch, Grenzen zu verletzen. Rech: „Ich bin auch abgehauen mit 13 – nach Spanien.“ Das Geld vom Weißen Sonntag nahm er mit. Nach fast zehn Wochen kam er wieder – mit einer hölzernen Madonna im Arm. Strafe gab es nicht. Rech: „Meine Mutter war froh, dass ich wieder da war.“

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10.09.2010, 12:00 Uhr

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