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Landgericht Duisburg lehnt Strafprozess zu Loveparade-Unglück ab
Kurz vor dem Unglück am 24. Juli 2010: Loveparade-Besucher stehen dicht gedrängt an einem Tunnelausgang in Duisburg. Foto: dpa
Keine Schuldigen zu finden?

Landgericht Duisburg lehnt Strafprozess zu Loveparade-Unglück ab

Der Tod von 21 Menschen bei der Loveparade-Katastrophe in Duisburg vor knapp sechs Jahren bleibt womöglich ohne strafrechtliche Folgen. Das Landgericht hat die Eröffnung eines Strafprozesses abgelehnt.

06.04.2016
  • DPA

Duisburg. Am 24. Juli 2010 starben bei der Loveparade in Duisburg 21 Menschen. 652 wurden verletzt. Die Staatsanwaltschaft Duisburg hatte am 10. Februar 2014 Anklage gegen zehn Beteiligte erhoben. Das Landgericht Duisburg ließ die Klage nun nicht zu. Bestätigt das Oberlandesgericht die Entscheidung, gibt es keinen Strafprozess.

Wie viele Menschen waren mit den Ermittlungen befasst? Mehr als 100. Gut dreieinhalb Jahre dauerten die Ermittlungen. 96 Polizeibeamte vernahmen 3409 Zeugen und sichteten Videomaterial in einer Gesamtlänge von 963 Stunden. Fünf Staatsanwälte und ein Abteilungsleiter waren mit dem Fall befasst.

Wer war angeklagt und warum? Sechs Mitarbeiter der Stadt Duisburg und vier Mitarbeiter des Veranstalters Lopavent, einer Tochtergesellschaft des Fitnessketten-Unternehmers Rainer Schaller ("McFit"), die einige Jahre zuvor die Rechte an der Loveparade erworben hatte. Allen zehn warf die Staatsanwaltschaft fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung vor.

Welche Fehler sollen die zehn gemacht haben? Die vier damals leitenden Beschäftigten des Unternehmens sollen ein ungeeignetes Zu- und Abgangssystem für die Veranstaltung geplant haben, die auf dem Gelände des ehemaligen Duisburger Güterbahnhofs stattfand. Die Besucher sollten vor allem über diese Rampe auf das Gelände - und über die gleiche Rampe auch wieder runter. Diese Rampe soll zu eng gewesen sein. Drei Sachbearbeiter des Bauamtes sollen die Genehmigung für bauliche Maßnahmen wie die Einzäunung erteilt haben, ohne dass die formellen und inhaltlichen Voraussetzungen dafür vorlagen.

Warum wurde kein Polizist angeklagt? Ein Sachverständiger hatte festgestellt, dass Polizeimaßnahmen nicht die Unglücks-Ursache waren. Auch hatten nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft die leitenden Beamten keine Maßnahmen unterlassen, mit denen der Ausgang des Geschehens hätte abgewendet werden können. "Die drohende Gefahr von Todesfällen (. . .) war nicht bereits am frühen Nachmittag, sondern erst zu einem späteren Zeitpunkt erkennbar, als es (. . .) nicht mehr möglich war, das Geschehen aufzuhalten", hieß es.

Wie reagieren Opfer-Vertreter? Schockiert und empört. Der Nebenklage-Anwalt Gerhart Baum, dessen Kanzlei zahlreiche Hinterbliebene des Unglücks vertritt, kritisierte die Entscheidung scharf und sprach von einer "Bankrotterklärung der Justiz". "Das ist ein Justizskandal, nach fünfeinhalb Jahren Ermittlungen zu so einem Ergebnis zu kommen", sagt der Düsseldorfer Anwalt Julius Reiter, der rund 100 Betroffene vertritt. Seine Mandanten seien durch die Gerichts-Entscheidung extrem traumatisiert beziehungsweise re-traumatisiert.

Die Aufarbeitung von Reichenhall und Eschede

Strafrecht Anders als bei der Loveparade-Tragödie war menschliches Versagen bei anderen Unfällen strafrechtlich nachzuweisen.

Transrapid-Unglück Bei dem Unfall auf einer Teststrecke im Emsland im September 2006 starben 23 Menschen. Das Landgericht Osnabrück verurteilte zwei Fahrdienstleiter zu Bewährungsstrafen. Die Männer hatten die Fahrt des Transrapid freigegeben, ohne zuvor einen Werkstattwagen von der Strecke zu nehmen.

Bad Reichenhall Dort stürzte im Januar 2006 unter den Schneemassen eine Eissporthalle ein. Bilanz: 15 Tote. Mängel bei Planung und Bau waren die Ursache. Wegen fahrlässiger Tötung verurteilte das Landgericht Traunstein den Konstrukteur des Hallendachs 2008 zu eineinhalb Jahren Haft auf Bewährung.

Überlingen Das Flugzeugunglück von Überlingen im Juli 2002 riss 71 Menschen in den Tod. Drei Mitarbeiter der Schweizer Flugsicherung Skyguide wurden wegen fahrlässiger Tötung zu jeweils einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt, ein vierter zu einer Geldstrafe. Eine Passagiermaschine und eine Fracht-Boeing waren kollidiert.

Eschede Die niedersächsische Stadt steht für das schwerste Zugunglück in der Geschichte der Bundesrepublik. 101 Menschen starben, als im Juni 1998 nach dem Bruch eines Radreifens mehrere Waggons eines ICE gegen eine Straßenbrücke prallten. Fünf Jahre später stellte das Lüneburger Landgericht das Verfahren gegen drei verantwortliche Ingenieure gegen Geldbußen ein, da sie aus Sicht der Richter keine schwere Schuld traf. dpa

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06.04.2016, 06:00 Uhr

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