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Ein Bier auf das Miteinander

Landkreis testet Einbeziehung junger Behinderter

In der Schule greift langsam die Einbeziehung von Behinderten. Aber auch in der Freizeit sollen die Barrieren fallen. Ein Testfeld für die Inklusion ist Ammerbuch.

22.06.2012
  • Mario Beisswenger

Ammerbuch. Manchmal scheitert die Inklusion am Bier. Wenn es um die Einbeziehung von Behinderten in den Alltag von Nicht-Behinderten geht, ist von Barrieren die Rede. Rollifahrer zum Beispiel erleben das täglich. In Ammerbuch geht es in einem kleinen Punkt auch um ein Glas Bier.

Der Landkreis lässt gerade untersuchen, wie Jugendliche mit Behinderung besser integriert werden können. Als Mittler zwischen ihren Bedürfnissen und dem Angebot von Vereinen, Kirchen oder freien Trägern agiert die Lebenshilfe. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von Harald Sickinger von der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg.

Sickinger erzählt von einem Jugendlichen, der als Epileptiker keinen Alkohol trinken darf. Gleichzeitig gehört für den kurz vor der Volljährigkeit Stehenden Biertrinken einfach zum Erwachsenwerden dazu. Die Lösung dafür ist alkoholfreies Bier. Nur: Wenn der Jugendclub das nicht anbietet, dann geht das halt nicht mit der Inklusion. Mit einer kleinen Änderung des Einkaufszettels ist die Barriere beseitigt.

So einfach lassen sich Hürden auf dem Weg zur Inklusion nicht immer überwinden, weiß Jens Fäsing, einer der Geschäftsführer der Lebenshilfe. Einbeziehung von Behinderten scheitert oft daran, dass in Institutionen die Befürchtung herrscht, sich mit Inklusion zu überfordern, nicht zu wissen wie viel Hilfe jemand braucht oder wie Transportfragen zu klären sind.

Da will die Lebenshilfe helfen. „Es geht darum, sich das Know-how dafür anzueignen“, sagt Fäsing. Seine Einrichtung hilft, wenn es Fragen gibt, kann auch anfangs Mitarbeiter stellen, wenn es mehr Assistenz-Bedarf gibt oder nicht klar ist, was an Pflege auf einen zukommt. Ziel soll aber sein, dass die Lebenshilfe nicht dauerhaft aushilft. „Wir wollen uns auch wieder zurückziehen.“

Für Ute Schwarzkopf-Binder, Sozialplanerin beim Landkreis, ist der Kern des Projekts, herauszufinden, wo Entwicklungsmöglichkeiten für Teilhabe sind. Das Projekt ist Bestandteil der größer angelegten Planung des Kreises. Ein anderer Baustein ist zum Beispiel die Verbesserung des Nahverkehrs für Behinderte.

Gesucht werden Brückenköpfe

Für Schwarzkopf-Binder ist das Projekt wichtig, um Schlüsselpersonen ausfindig zu machen, die als Brückenkopf für weitere Inklusion dienen können. In Ammerbuch haben die Beteiligten da schnell Johannes Kraus, den Jugendreferenten der Gemeinde, ausgemacht. Er leitet die offene Jugendarbeit an und genau nach den offenen Angeboten fragten die Jugendlichen mit Behinderung stark. „Die Interessen gehen in den offenen Bereich. Die wollen nicht alle in die Vereine. Es geht auch einfach ums Weggehen“, sagt Sickinger.

Alle Beteiligten weisen drauf hin, dass Inklusion mehr ist, als Behinderten zu helfen, ein reicheres Leben zu führen. Sie verändert auch die Institutionen selbst, die sich um Teilhabe kümmern. „Das stützt alle, auch Nicht-Behinderte in ihrem Leben“, sagt Monika Wiedmaier, die für die Lebenshilfe die Arbeit vor Ort koordiniert. Sickinger hat schon beobachtet, dass es Nicht-Behinderte genießen, auch mal durchzuschnaufen, wenn der Leistungsdruck wegfällt.

Manchmal reiche es auch, wenn eine Jugendliche im Rollstuhl dabei ist, damit eine Jugendgruppe konzentriert arbeiten kann. Damit käme Behinderten regelrecht die Aufgabe zu, für eine bessere Gruppendynamik zu sorgen. Die Bedürfnisse behinderter Jugendlicher deckten oft einen Bedarf auf, den alle anderen auch haben. In Ammerbuch ging es in dem einen Beispiel nicht nur ums Bier, sondern auch um die Öffnungszeiten. Einen am Nachmittag offenen Jugendclub hätten wohl alle ganz gern.

Ein Integrations-Problem hat Sickinger während seiner wissenschaftlichen Begleitung schon ausgemacht. Nicht nur Vereine oder Kirchengemeinde fühlten sich bei ersten Anfragen leicht überfordert, wenn sie Behinderte aufnehmen sollen. Die Jugendliche mit Assistenzbedarf haben das Problem, überhaupt ihre Wünsche zu äußern. „Viele sind gar nicht gewohnt, dass sie gefragt werden.“

Info: Wer Fragen zum Thema oder Angebote hat, kann sich an Monika Wiedmaier wenden. Telefon 0 70 71/ 94 40 60, monika.wiedmaier@Lebenshilfe-tuebingen.de

Neue Wege zur Inklusion versucht der Kommunalverband für Jugend und Soziales im Land zu gehen. Er fördert für zwei Jahre bis Ende 2012 auch ein Projekt im Kreis.

Die Tübinger Lebenshilfe, die sich seit langem für die Einbeziehung von Behinderten engagiert, will dabei Mittler sein zwischen Anbietern im Jugendbereich und den Behinderten.

Als Testfeld, um herauszufinden was möglich ist an Alltags-Inklusion, wurden Rottenburg und Ammerbuch ausgewählt. In Ammerbuch hat die Lebenshilfe die Bedürfnisse von einem guten Dutzend Jugendlicher zusammengetragen.

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22.06.2012, 12:00 Uhr

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