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Chronisch unterfinanziert

Landrat Reumann und Klinikchefin Korte über Planwirtschaft im Gesundheitswesen

Zwei Mitteilungen erschreckten im Juli den Kreistag: Die Kreiskliniken schlossen das Jahr 2011 mit einem Defizit von 8,1 Millionen Euro ab, lautete die erste. Die zweite: Selbst gut geführte Kreiskrankenhäuser können kein ausgeglichenes Ergebnis mehr erwirtschaften. Warum das nicht mehr möglich ist, war Gegenstand eines Gesprächs mit Landrat Thomas Reumann und Klinikchefin Rafaela Korte.

19.09.2012
  • Bernd Ulrich Steinhilber

Reutlingen. Krankenhausfinanzierung ist eine komplexe Angelegenheit. „Ein Brief mit sieben Siegeln“, hört man zuweilen – vor allem aber eine Gratwanderung zwischen den durch Bund und Land gesetzten Rahmenbedingungen einerseits und hausgemachten Entscheidungen andererseits. Letztere verantwortet der Landkreis als Krankenhausträger, indes er den Rahmenbedingungen machtlos gegenübersteht. Dass Krankenhäuser Millionendefizite einfahren, konnte man gestern in unserer Zeitung am Beispiel von Isny und Leutkirch lesen. Dort stehen die Zeichen auf Schließung. Zwar ist das in Reutlingen nicht der Fall. Dennoch tut man sich auch hier sehr schwer damit, die Kliniken auf Kurs zu halten.

Als Vorsitzender der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft (BWKHG) spricht Reumann von „gefährdeter Substanz“ und geht so weit zu sagen, dass es sich bei der Krankenhauspolitik von Bund und Land um einen staatlich verordneten Personalstellenabbau handelt – mit Sicherheit aber um Planwirtschaft. „Die Unterfinanzierung betrifft alle“, sagte er im Gespräch mit dem TAGBLATT: große Häuser, kleine Häuser, öffentliche und private. Von 235 kommunal und privat geführten Krankenhäusern im Land beteiligten sich über 70 Prozent an den Umfragen der BWKHG, die zweimal jährlich einen Indikator zur finanziellen und personellen Ausstattung veröffentlicht.

Danach liegt die Zahl derjenigen Häuser, die keinen Gewinn erwirtschaften, bei 60 Prozent. 42 Prozent fahren ein negatives Ergebnis ein, lediglich 17,2 Prozent schließen mit einem ausgeglichenen Ergebnis ab. Vor allem hat sich die Situation bei den großen Kliniken mit mehr als 600 Betten „erschreckend verschlechtert“ – die Zahl mit positiven Ergebnissen ist halbiert. 48 Prozent schließen mit einem negativen Ergebnis ab, insgesamt 69 Prozent machen keinen Gewinn.

Kompliziertes System mit Casemix-Punkten

Wenigstens hat das für Investitionen zuständige Land seinen Beitrag 2011 auf 50 Millionen Euro erhöht und für 2012 noch einmal 45 Millionen Euro draufgesattelt. Dabei, so Korte und Reumann, könne es aber nicht bleiben. Bei einem Investitionsstau von einer Milliarde Euro müssten mindestens 150 Millionen Euro jährlich für Investitionen aufgeboten werden – 600 Millionen Euro noch in der laufenden Legislatur.

Wie teuer dem Landkreis als Träger von drei Häusern die Kliniken kommen, zeigt sich schon an der Liste der Investitionen. Rund 230 Millionen Euro wurden in den letzten zehn Jahren ausgegeben: 100 Millionen für den Funktionsbau, 30 Millionen für das Bettenhaus West, 33 Millionen für das Bettenhaus Süd, 35 Millionen für den Münsinger Neubau und zwei Millionen für die Altersmedizin in Bad Urach – rund die Hälfte davon Kreismittel. Reumann: „Das ist die Hausnummer.“ Daneben muss sich die Klinikverwaltung mit dem vom Bund verantworteten Abrechnungssystem der Fallpauschalen auseinandersetzen, die seit 2004 verbindlich sind. Statt alle aus der Behandlung resultierenden Kosten, wie das früher der Fall war, werden mit den Krankenkassen die Pauschalen nach einem komplizierten System ausgehandelt und in so genannten Casemix-Punkten abgerechnet. Für die ihnen zugestandenen 25 000 Casemix-Punkte bekommen die Reutlinger Kreiskliniken den vollen Preis für ihre Leistungen. Für eine Blinddarmoperation sind das 0,7 (Schweregrad) mal 3050 (Preis), also 2135 Euro. Dabei ist der Schweregrad bundesweit einheitlich, der Preis aber abhängig vom „Landesbasisfallwert“, der im Süden um zehn Prozent höher liegt.

Richtig pikant wird es für die Kliniken, wenn sie mehr Fälle behandeln. Bei 27 000 Casemix-Punkten etwa werden als Mehrerlösausgleich 65 Prozent der zusätzlichen Leistungen abgezogen. „Das heißt, wir haben für 35 Prozent gearbeitet“, rechnet Korte vor. Schließt die Klinik allerdings mit nur 23 000 Casemix-Punkten ab, erhält sie von den Kassen einen Mindererlösausgleich von 30 Prozent. Handeln die Kassen allerdings mit der Klinik weitere Casemix-Punkte aus, stellen sie einen Mehrmengenabschlag von 30 Prozent in Rechnung.

Pro Fall ein Erlös, das schafft Anreize, den Patienten schnell zu entlassen. Und tatsächlich prüfen die Kassen genau, ob die Liegezeit zu lange oder zu kurz war und verrechnen Langliegerzuschläge und Kurzliegerabschläge. Speziell ausgebildete Fachkräfte sind ausschließlich damit beschäftigt, Aufnahme und Verlauf zu codieren. Wird zu wenig angesetzt, verliert die Klinik Geld, zu viel, setzen sich die Klinken dem Vorwurf der Falschabrechnung aus.

Tatsächlich sind die Krankenhäuser unterfinanziert, was die eingangs zitierten Zahlen belegen. Erschwert wird die Krankenhausfinanzierung zudem durch die Bewertung von Tarifsteigerungen. Von 2,93 Millionen Euro tariflicher Mehrkosten 2012 in Reutlingen werden gerade mal 1,2 Millionen von den Krankenkassen refinanziert. Für die fehlenden 1,7 Millionen Euro sollen die Kliniken wirtschaftliche Potenziale heben.

In der Wirtschaftskrise, resümiert Reumann, ging es den Kassen schlecht. Trotz eines Plus’ von 20 Milliarden Euro wurden den Kliniken in Baden-Württemberg noch 2011 rund 50 Millionen als Opfer abverlangt. Weitere 65 Millionen Euro Sonderopfer sind 2012 fällig. „Dagegen sind wir Sturm gelaufen – vergeblich.“ Es blieb dabei, obwohl im Land die Krankenhauskosten pro Einwohner 717 Euro betragen – bundesweit aber 803. „Wir verfügen im Land über ein effizientes System“, sagt Reumann, zumal in den vergangenen zehn Jahren 20 von 317 Kliniken geschlossen und 6000 Betten abgebaut wurden. Landrat Thomas Reumanns ernüchterndes Fazit: „Jetzt ist die Zitrone ausgepresst.“

Landrat Reumann und Klinikchefin Korte über Planwirtschaft im Gesundheitswesen
In das Klinikum auf dem Reutlinger Steinenberg wurde in den vergangenen Jahren viel investiert. Für den laufenden Betrieb ist es aber deutlich unterfinanziert. Insgesamt erwirtschafteten die Kreiskliniken 2011 im operativen Geschäft einen Fehlbetrag von 8,1 Millionen Euro. Luftbild: Grohe

„Auch der Kreis muss seine Hausaufgaben machen“, sagt Reumann. Ein Konsolidierungspaket von 2,1 Millionen Euro sei geschnürt, es müsse auch an der Personalstruktur gearbeitet werden. Dabei setzt die Klinik auf Fluktuation, die aber keine schnellen Resultate bringen dürfte. Die Personalkostenquote in Reutlingen beträgt 73,53 Prozent, im Land zwischen 65 bis 70 Prozent.

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19.09.2012, 12:00 Uhr

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