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Die Milch bleibt auf der Strecke

Landwirte in der Region leiden unter Dumpingpreisen

Bundesweit gehen die Milchbauern auf die Straße. Mit einer Staffelfahrt nach München protestieren sie gegen den Preisverfall. Auch die Milchviehhalter im Kreis Tübingen leiden unter dem ruinösen Wettbewerb. Es gibt allerdings auch Ausnahmen.

30.08.2015
  • Uschi Hahn

Kreis Tübingen. Es könnte ein unangenehmer Vormittag werden für Horst Seehofer: Am morgigen Dienstag um 11 Uhr wollen Milchviehhalter aus ganz Deutschland vor der Staatskanzlei mit ihren Traktoren auffahren und lautstark gegen die Dumpingpreise protestieren. Je nach Region bekommen sie nur noch 26 Cent für ein Kilo Milch. Zu wenig, um als Landwirt zu überleben, sagt der Bund der Deutschen Milchviehhalter, der zu der bundesweiten Protestfahrt aufgerufen hat.

Auch Wilhelm Maier vom Lindenhof in Wolfenhausen wird in München mitprotestieren. Er ist sauer auf die Landwirtschaftspolitik, die in der EU und die in Deutschland. „Die Milchquote hätte nicht abgeschafft werden müssen, das kann man nicht alleine den Markt regeln lassen“, sagt er über die Kontingent-Regelung, die in Deutschland bis zum 1. April dieses Jahres eine Überproduktion verhindern sollte. Auch die Sanktionen gegen Russland, „werden auf dem Rücken der Landwirte ausgetragen“, sagt Maier. Nicht nur, dass mit der russischen Boykott-Antwort der Weltmarkt, auf dem sich jetzt auch die deutschen Milchbauern behaupten müssen, ein Stück kleiner wird. Maier sorgt sich auch, dass Russland als Antwort womöglich die Ausfuhr von Phosphordünger einschränkt.

Als der Landwirt Maier 1992 seinen Stall umbaute, den Kühen die Wahl ließ, ob sie sich unterm Dach oder im Freien aufhalten, war er ein Pionier. Bis zu 80 Milchkühe hielt er zu Hochzeiten auf dem Aussiedlerhof in Wolfenhausen. Heute sind es noch 60. Im Supermarkt wird der Liter Landliebe-Milch, für die auch Maier produziert für 1,09 Euro verkauft. Maier aber erhält einen Grundpreis von 29 Cent pro Kilo. Mit Qualitätsaufschlägen bekommt er von dem italienischen Milchkonzern Campina, der die Südmilch-Molkerei in Heilbronn aufgekauft hat, einen Bruttopreis von 34 Cent. Das sei noch nicht einmal kostendeckend, sagt Maier. So liege allein der Aufwand für genfreies Futtersoja bei 20 Cent je Liter Milch.

Maier überlegt jetzt, auf Direktvermarktung umzustellen. Dann will er nur noch Vorzugsmilch produzieren. Dafür muss er zwar noch höhere Hygienestandards einhalten. Aber er könnte seine eigenen Preise machen. Jedenfalls dann, wenn er Abnehmer findet. Schließlich sind die Kunden längst an Milch gewöhnt, die durch Hitzebehandlung und Mikrofilter länger haltbar gemacht wird. „Wir müssen ja die Leute wieder einlernen, wie eine natürliche Milch schmeckt“, sagt Maier über die Probleme der Direktvermarktung.

Ulrich Bechtle hat auf seinem Hof im Tübinger Weiler Waldhausen längst eine Milchtankstelle für Kunden, die Rohmilch direkt von der Kuh mögen. Das ist zwar ein „finanzielles Zubrot“ für den Landwirt. Fürs wirtschaftliche Überleben ist diese Nische aber zu klein. Bechtle beliefert den dänischen Milchkonzern Arla, in dem mit der Allgäuland-Molkerei auch das ehemalige Tübinger Milchwerk aufgegangen ist. Pro Kilo Milch, das seine 50 Kühe im 15 Jahre alten Laufstall geben, bekommt Bechtle 30,7 Cent bezahlt. Viel zuwenig wie er sagt. „Das geht an die Substanz.“

Als Biobauernnichts zu jammern

Bechtle begründet den Preisverfall auf dem Milchmarkt auch mit der Konzentration im Lebensmittelhandel. Die Molkereien hätten in ganz Deutschland nur noch zwei, drei große Abnehmer, sagt er. Die Folge sei ein Preisdiktat. So hat zum Beispiel der Aldikonzern kürzlich noch einmal die Preise für konventionelle Frischmilch um vier Cent gesenkt und verkauft sie jetzt für 55 Cent.

Dazu kommt der billige Transport. Die Arla-Laster fahren die Milch aus dem Kreis Tübingen nach Sonthofen oder Wörishofen, berichtet Bechtle. Das Gros wird dann von dort aus nicht als Frischmilch vermarktet, sondern wird in Form von viel länger haltbaren Produkten wie Butter, Käse oder als Milchpulver oft tausende Kilometer weit zum Endverbraucher gekarrt. „Die Autobahn“, so Bechtle, „ist das größte Lagerhaus Deutschlands.“

Auf kurze Transportwege setzen dagegen Thomas Schäfer und vier andere Bio-Landwirte aus dem Kreis Tübingen. Sie haben auf Schäfers Hof in Bodelshausen ihre eigene Molkerei gebaut. Ihre Tübinger Biomilch liefern sie nicht nur an kleine Bio-Läden im Landkreis und darüber hinaus. Auch in den Edeka-Märkten ist die Tübinger Frischmilch zu haben – für 1,59 Euro der Liter. Auch beim Rewe-Konzern ist die Milch aus Bodelshausen demnächst gelistet. Ob sie dort in die Regale kommt, „hängt auch von der Kunden-Nachfrage ab“, sagt Schäfer. Die fünf Bauern lassen dabei nicht mit sich handeln. „Wir verkaufen die Milch immer zum selben Preis“, sagt Schäfer. Wobei der Einzelhandel auch an dieser Milch nicht schlecht verdient. „Da bleiben schon 30 Cent und mehr hängen“, so Schäfer.

Längst noch nicht alle Milch der fünf Bauern landet im Tü-Bio-Beutel. Was sie darüber hinaus produzieren, geht bisher noch an den Arla-Konzern. Dennoch: Von der aktuellen Preismisere sind Schäfer und seine Kollegen als Bio-Landwirte nicht betroffen. Der Preis für die nach den strengen Bioland-Kriterien produzierte Milch ist schon länger von dem für konventionell erzeugte abgekoppelt. So erhält Schäfer 48 Cent pro Kilo Milch. „Wir haben bestimmt nichts zu Jammern“, sagt er deshalb zum aktuellen Milchbauern-Protest.

Landwirte in der Region leiden unter Dumpingpreisen
Täglich zwei Mal setzt Renate Bechtle am computergesteuerten Melkstand die Melkbecher an die Euter von 50 Kühen. Bild: Sommer

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30.08.2015, 12:00 Uhr

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