Horb · Coronademo

Lange Rede – wenig Dialog

Die Bewegung „Grundrechte Nordschwarzwald“ lud am Freitag zum Austausch ein und grenzte sich von Extremismus ab. Zum Thema „Impfen“ sprach mit Hans Tolzin dennoch ein Redner mit guten Kontakten ins rechte Milieu.

24.08.2020

Von Benjamin Breitmaier

Etwa 120 Personen kamen am Freitag dem Aufruf der Bewegung „Grundrechte Nordschwarzwald“ nach.Bild: Benjamin Breitmaier

1427 bestätigte Covid-19-Fälle meldete das Robert-Koch-Institut am vergangenen Freitag, 21. August. Seit Mitte Juli steigen die Zahlen wieder täglich. Die Berichte mehren sich, dass zahlreiche Menschen, die an Covid-19 erkrankt waren, Langzeitschäden davontragen. Zwei Tage zuvor, am 19. August, erklärte Finnland, aufgrund der Infektionszahlen die Reisefreiheit der Deutschen wieder einzuschränken.

An diesem 21. August 2020 sitzen mehr als 120 Personen auf den Rängen der Horber Turnierwiese und hören eineinhalb Stunden den Rednern zu. Es ist einer der heißesten Tage des Jahres, eine gewisse Trägheit liegt über dem Publikum. Sie kommen aus Horb, aus den Teilorten, aus umliegenden Gemeinden. Man trifft die Schulsekretärin neben dem Verkäufer, neben der Selbstständigen. Von der Energie, die noch einige Teilnehmer bei der Veranstaltung vor zwei Wochen bewegte, ist wenig zu spüren. Geladen zu dieser Ausübung des Grundrechts auf Versammlungsfreiheit hat erneut das Bündnis „Grundrechte Nordschwarzwald“ mit seinem Initiator Dietmar Urban. „Dialog“ steht in dieser Woche als Überschrift der Veranstaltung, wobei der „Dialog“ an dem Abend sich auf zwei Publikumsfragen und den kurzen Redebeitrag einer Teilnehmerin beschränkt. Nicht zu vergessen: Stadträtin Viviana Weschenmoser, die sich mit einem Schild am Rand der Veranstaltung positioniert. „Ich finde Corona-Verordnungen ganz ok. Was meinst du?“, steht darauf. Ans Publikum treten wird auch sie heute Abend nicht. Klaus Michael Rückert, Peter Rosenberger, Vertreter von Parteien aller Couleur – sie hatten im Vorfeld abgesagt. Die Zusammensetzung der gesetzten Redner bleibt darum die gleiche wie schon zwei Wochen zuvor.

Sechsfacher Kopp-Autor

Wieder mit dabei: Hans Tolzin, gelernter Molkereifachmann und selbsterklärter Wissenschafts-Journalist. Initiator Urban legt an diesem Abend wie zuvor Wert darauf, sich von jeder Art von Extremismus abzugrenzen, die Corona-Auflagen der Horber Stadtverwaltung werden mit einem Lächeln penibel eingehalten. Schon vor Tagen wurde die zur Veranstaltung gehörende Gruppe auf dem Whatsapp-Klon Telegram nach einigen zwielichtigen Beiträgen so umgestellt, dass nur noch Urban und seine Frau Dinge publizieren können. Wenige Stunden nach der Veranstaltung folgte bereits die Distanzierung von einer Person, die unter den Platanen für die Aktion „Referendum für die Verfassung von Deutschland“ ihr Reichsbürger-Gedankentum unter das Publikum brachte.

Die Abgrenzung scheint jedoch nicht für Tolzin zu gelten. Dabei hat der wissenschaftliche Laie gute Verbindungen nach rechts außen: Der Rechtsextremismusexperte Matthias Quent attestiert beispielsweise dem in Rottenburg ansässigen Kopp Verlag „klare Bezugspunkte ins rechte und rechtsradikale Milieu“. Der Verlag würde sich mit seinen verlegten Büchern „an der Delegitimierung der Demokratie beteiligen“. Der Blick auf das Verlagsprogramm offenbart ein Sammelbecken für Rechtspopulisten, Rechtsextreme und Verschwörungsmythiker. Sechs Bücher im Programm stammen von Tolzin.

In Horb referiert er knapp 40 Minuten über angebliche Gefahren von Impfstoffen. Neben zahlreichen weiteren Thesen, die – gelinde gesagt – schwer zu belegen sind, mutmaßt er beispielsweise, dass sich Wissenschaftler durch neue Technologien wie Genimpfungen erhoffen, das Verhalten von Menschen zu steuern.

Eine Behauptung sticht in seinem Vortrag heraus: Es gäbe für Impfstoffe keine Doppelblindstudien. Die Aussage ist vor allem im Hinblick auf die Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen nicht haltbar. Nur ein Beispiel: In der Juli-Ausgabe eines der renommiertesten Fachmagazine des Planeten – „The Lancet“ – findet sich ein Artikel über die Phase-2-Studie eines Corona-Impfstoffs mit folgendem Titel: „Immunogenicity and safety of a recombinant adenovirus type-5-vectored COVID-19 vaccine in healthy adults aged 18 years or older: a randomised, double-blind, placebo-controlled, phase 2 trial“. Randomisiert, doppelblind, placebo-kontrolliert. Der Studienaufbau von zahlreichen weiteren Tests für Covid-19-Impfstoffe ist ähnlich.

Werbung für Heilpflanzen

Erst vor wenigen Tagen publizierte der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer seine Teilnahme an einer Blindstudie zum Test eines neuen Impfstoffs.

Nach Tolzin betritt wie schon zwei Wochen zuvor der Horber Allgemeinmediziner und Homöopath Heinz Huber die Bühne. Wieder gibt Huber sich angesäuert: Schon vor zwei Wochen zeigte der Arzt wenig Verständnis dafür, dass er vom „Verband Sozialer Wettbewerb“ abgemahnt wurde, weil er eine wissenschaftlich ungeprüfte Prophylaxe für das noch wenig erforschte Sars-Cov-2-Virus empfahl – entgegen den Ratschlägen des eigenen Dachverbands.

Er spricht sich an diesem Freitag in Horb dafür aus, mehr Mittel für die Prophylaxe von Krankheiten aufzuwenden als für die Entwicklung von Impfstoffen. Der Stärkung des Immunsystems misst er eine essentielle Rolle zu.

Einen längeren Werbeblock gibt es für die Heilpflanze Artemisia annua, der Einjährige Beifuß, die wirksam bei der Behandlung von Malaria eingesetzt wird. „Wenn wir unser Immunsystem stärken wollen, müssen wir den einzelnen Menschen ansehen“, meint Huber.

Anschließend wechselt er von der Medizin zur Moralphilosophie und spricht darüber, wie wichtig es sei, zu verzeihen. „Das Gegenteil von Angst ist Vertrauen“, meint er abschließend und hofft, dass man auch aus der Krise Gutes lernen könne. Der Satz dürfte eine der wenigen Aussagen des Abends sein, die wohl bei allen Zuhörern Zustimmung findet.

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Erstellt:
24. August 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
24. August 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. August 2020, 01:00 Uhr

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