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Leitartikel

Langsames Umdenken

Landwirtschafts- oder Verbraucherpolitik dürfte die wenigsten Besucher der Grünen Woche in Berlin interessieren, die sich noch bis Sonntag zu Zehntausenden in den Messehallen unterm Funkturm drängen. Bei Ihnen zählen der Genuss und die Vielzahl heimischer oder exotischer Lebensmittel.

24.01.2017
  • DIETER KELLER

Doch die Messe bietet jedes Jahr Anlass für eine Positionsbestimmung aller Beteiligten. Dass sich viel bewegt, dafür ist der Deutsche Bauernverband das beste Beispiel. Noch vor wenigen Jahren meinte sein Präsident Joachim Rukwied, an der Tierhaltung müsse nichts Grundlegendes geändert werden. Jetzt spricht der Landwirt aus Eberstadt bei Heilbronn plötzlich davon, Produktionsverfahren und Haltungsbedingungen müssten verbessert werden. Ein erstaunlicher Schwenk, der nur durch die anhaltenden öffentlichen Diskussionen über die industrielle Landwirtschaft zu erklären ist. Auch der Bauernverband braucht gesellschaftliche Akzeptanz. Wobei zwischen lautem Nachdenken und tatsächlichen Änderungen in den Tierställen und auf den Feldern noch ein weiter Weg ist.

Ein Umdenken ist auch bei Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt zu beobachten. Der CSU-Politiker setzte lange auf freiwillige Initiativen zu mehr Tierwohl. Erst jetzt, nach drei Jahren im Amt, stellte er anlässlich der Grünen Woche ein staatliches Tierschutzlabel vor. Bis erste Produkte zu kaufen sind, dauert es allerdings noch ein bis zwei Jahre.

Ob dann die Verbraucher tatsächlich bereit sind, mehr Geld für mehr Tierwohl – und damit ein besseres Gewissen – zu bezahlen, ist die spannende Frage. In Umfragen bekunden sie das zumindest. Doch ob sie das in der Praxis tatsächlich tun, weiß keiner. Dass es klappen kann, haben die Eier gezeigt. Seit auf jedem einzelnen zu sehen ist, wie es produziert wurde, sind Käfigeier praktisch aus den Läden verschwunden.

Die Eier sind allerdings ein Musterbeispiel dafür, dass damit nicht alle Probleme gelöst sind. Denn die Hälfte der Eier wird in verarbeiteter Form verkauft, ob in Kuchen, Rührei im Hotel oder anderen Formen. Wie diese produziert wurden, danach kräht kein Hahn. Immer wieder wird gefordert, eine ähnliche Kennzeichnung auch bei Fleisch verpflichtend einzuführen. Aber abgesehen davon, dass dies beim einzelnen Schnitzel vom Metzger schwierig ist – das könnte nur die EU einführen, und das dauert viele Jahre. Zudem wäre auch dann offen, wie etwa das Fleisch in der Gastronomie oder im Export produziert wurde.

Dass öffentlicher Druck wirkt, zeigen Beispiele wie das Kastrieren von Ferkeln oder das Schnäbelkürzen bei Legehennen: Ausgerechnet der Discounter Aldi ging da mit gutem Beispiel voran und schrieb seinen Lieferanten vorzeitig den Verzicht vor. Verbraucher, die auf solche Dinge achten, können viel bewegen, auch wenn der Fortschritt eine Schnecke ist. Das wird insbesondere Tierschützer frustrieren. Aber letztlich müssen alle mitgenommen werden, von den Landwirten bis zu den Verbrauchern, und die müssen auch bereit – und in der Lage – sein, mehr zu bezahlen.

leitartikel@swp.de

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24.01.2017, 06:00 Uhr

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