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Mit dem Leben auf die Bühne

Langzeitarbeitslose entwickelten ein eigenes Stück

Langzeitarbeitslose haben in einem Projekt des Jobcenters ein Theaterstück entwickelt. Am Donnerstag hatten die „Hartzbreaker“ ihre gefeierte Premiere.

08.12.2012
  • Matthias Reichert

Reutlingen. Sie machten aus Neugier mit, um eine feste Tagesstruktur zu schaffen, um eine berufliche Perspektive zu entwickeln und etwas Neues dazu zu lernen. „Ich möchte wieder auf eigenen Füßen stehen“, sagt ein Teilnehmer. Ein Dutzend Langzeitarbeitslose haben bei einem Theaterprojekt des Jobcenters ein eigenes Stück entwickelt. Am Donnerstag war die Premiere bei den LAG-Theaterpädagogen in der Hepp straße.

„Wenn ich ein Vöglein wär’. . .“ lautet der Titel. Am Anfang zitiert Thomas Geratwa Shakespeare: „Die ganze Welt ist eine Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler.“ Geratwa arbeitet sich in fünf Minuten mit sichtlicher Spielfreude durch die sieben Lebensalter. Es folgt ein Potpourri von Alltags-Szenen. Warten ist das verbindende Element. Alle sitzen ringsum auf Stühlen. Laufen umher, zoffen sich, machen Musik, rezitieren Gedichte, etwa Hesses „Im Nebel“. Nebel heißt rückwärts gelesen Leben, sagen sie. Natalie Poschin tanzt mit verbundenen Augen zu Bachs Air Ballett.

Die meisten Teilnehmer sind über 40 Jahre alt, manche stecken in schwierigen Lebenssituationen. Das Projekt soll ihnen Mut machen und schlummernde Fähigkeiten reaktivieren. Auf der Bühne thematisieren sie eigene Erfahrungen. So hetzt sich Bernadette Tinz als gestresste Mutter im Multitasking mit einem Kleiderhaufen bei der Schlüsselsuche ab, bis sie sich am Boden wälzt. „Ich war 18, als mein Sohn auf die Welt kam, und alle meine Träume waren futsch“, sagt sie an anderer Stelle.

Es ist ein Projekt des Reutlinger Jobcenters, das damit positive Erfahrungen aus anderen Städten aufgreift. In Pforzheim gab es unter den Teilnehmern eine 50-prozentige Vermittlungsquote. Realisiert wird es hier vom Reutlinger Bildungsträger Deutsche Angestellten-Akademie (DAA) in Kooperation mit erfahrenen Theaterpädagogen. Die Regisseure Janina Fahrner und Peter Höfermayer haben ganze Arbeit geleistet. Eingangs balgen sich die Akteure unter einer großen Plane, was ihnen die Scheu vor dem Publikum nimmt. An die hundert Leute schauten am Freitag zu, danach applaudierten sie stehend.

„Das war keine einfache Geschichte“, sagt Höfermayer hinterher. „So kennen wir das nicht. Man kämpft nicht nur an der Theaterfront, sondern auch mit den persönlichen Problemen. Das bringen sie alles mit und können es nicht ablegen wie professionelle Schauspieler. Das Leben steht mit auf der Bühne.“ Die Akteure bringen aber auch eigene Stärken ein. So spielt Rainer Dorn, der Senior der Truppe, im Arztkittel Akkordeon und singt dazu. Mit derbem Humor verschluckt er eine imaginäre Fliege, die alle nervt.

Sie thematisieren auch das Leben auf Hartz IV. Ein fiktives Fernseh-Interview im Kasperletheater mit Namenspatron Peter Hartz scheitert daran, dass der Arbeitslosigkeits-Sanierer ins Gefängnis muss. Dorn liest aus einer Zeitschrift Hartz-Sätze vor: 7,64 Euro im Monat für Schuhe. Sie lachen sich schier kaputt. In einer weiteren Szene mimt Murat Karagülle den Bittsteller in der Arbeitsagentur. Sachbearbeiter Geratwa erwacht vom Büroschlaf und bedauert: Umziehen darf man nur, wenn man Arbeit hat. Ein witziges Wortgefecht entspinnt sich, das trefflich mit dem Begriff „Stellen“ spielt.

Diese Hartzbreaker müssen keinen Vergleich mit einem professionellen Theater scheuen. Sie kabbeln sich, mimen eine Schulklasse von anno dazumal mit autoritärer Lehrerin. Tinz verliest einen zum Schreien komischen Liebesbrief ans Arbeitsamt. Eine wird am Ende aus dem Warteraum entlassen – die übrigen wünschen ihr das Beste und müssen weiter ausharren. Aber alle sind sich hinterher einig: „Das war das Beste, was das Jobcenter je angeboten hat.“

Langzeitarbeitslose entwickelten ein eigenes Stück
Zum Schreien komisch? Rainer Dorn verliest aktuelle Hartz-IV-Sätze.Bild: DAA

„Für uns war das total irre, was die Teilnehmer bewerkstelligen können“, freut sich DAA-Chefin Jutta Nikelski über die gelungene Premiere. „Faszinierend, was passiert, wenn dieser Raum geöffnet ist.“ Die Mitwirkenden hätten große Freiheiten gehabt und konnten sich selbst zur Teilnahme entscheiden. Nur drei sprangen im Lauf des Projekts ab. Es folgen nun weitere Proben und Aufführungen, die nächste am Sonntag um 20 Uhr in der Heppstraße 99. Danach gibt es bis März intensives Coaching. „Das verläuft ganz individuell“, sagt Nikelski. „Da ist sehr viel an Wünschen, Selbstbewusstsein und Vorstellungen entwickelt worden. Wir schauen, ob wir was einfädeln können, was in der Berufswelt möglich ist. Berufliche und persönliche Perspektiven liegen nicht wie ein offenes Buch vor einem. Da muss man individuell schauen.“

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08.12.2012, 12:00 Uhr

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