Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Leben im Hochgefühl
Tonny Ector, Eric van de Lest und Leon Steuns (von links), die „Slampampers“ aus den Niederlanden, bestaunen die elegante Show der Hula-Hoop-Künstlerin Marina Skulditskaya Foto: Helmut Ulrich
Premiere im Friedrichsbau

Leben im Hochgefühl

Das Friedrichsbau-Varieté feiert mit seiner Produktion „Swingtime“ die goldenen Zwanziger. Das Trio „Slampampers“ liefert dazu den passenden Soundtrack.

05.11.2016
  • RAIMUND WEIBLE

Stuttgart. Der Abend endet magisch. Wie kann es auch anders sein, wenn Raúl Alegria den Schlusspunkt setzt. Der Zauberer aus Spanien, der sich zuvor als kraftstrotzender Entfesselungskünstler präsentiert hat, zeigt sich von seiner poetisch-romantischen Seite. Er zerlegt im Handumdrehen ein zuvor ins Wasser getauchtes Papiertaschentuch in lauter kleine Fetzen und lässt über das versammelte Ensemble einen Konfetti-Regen niedergehen.

Stimmungsvolles Finale einer schwungvollen Vorstellung im Friedrichsbau-Varieté, das mit „Swingtime“ an seine eigene Glanzzeit zwischen 1920 und dem Hitler-Regime erinnert. Zusammengehalten wird die Show durch die niederländische Kapelle „The Slampampers“. Eine glückliche Wahl: Das Trio liefert nicht nur den perfekten Sound für die von Ralph Sun konzipierte Show, sondern überzeugt auch durch seine Entertainer-Qualitäten. Die drei schrägen Typen in braun-karierten Vintage-Anzügen verkörpern die pure Lebenslust des Swing. Ein Leben im Hochgefühl mit „Pretty Girls, a Cadillac and some Money“, so die „Slampampers“ im Originalton.

Ein Schuss Erotik

Die Musiker hält nichts auf ihrem Platz auf der linken Seite des Theaters – sie wirbeln über die Bühne. Besonders beweglich Saxofonist Leon Steuns, der für seine Slapstick-Einlagen Beifall einheimst. Steuns und Kontrabassist Tonny Ector moderieren mal auf Deutsch, mal auf Englisch. Steuns hat den Schalk im Nacken und bringt mit seiner lausbubenhaften Art die Zuschauer sogar dazu, „Stille Nacht, Heilige Nacht“ zu singen. Der Saxofonist flirtet mit den Künstlerinnen, so mit Rita Lynch, einer schwarzhaarigen italienischen Schönheit, die viel nackte Haut zeigt.

Erotik gehört zum Swing der goldenen 1920er Jahre. Gewagte Auftritte wie von Rita Lynch gab es schon damals im Friedrichsbau-Varieté. Eher lieb- als aufreizend zeigt sich in „Swingtime“ Maria Skulditskaya. Die Hula-Hoop-Künstlerin bewegt die Beine im Charleston-Stil und malt tolle Bilder mit ihren bis zu fünf Reifen in die Luft. Einen davon bringt sie mit dem Dutt in Schwingung.

Spannung erzeugt Magier Raúl Alegria. Einmal lässt er sich von einem Mann aus dem Publikum seine Hände mit einer Kette fesseln und so gebunden in eine Kiste sperren. Ein andermal wird er in der Zwangsjacke kopfüber an die Decke gezogen. Wie einst sein großer Vorgänger Houdini befreit sich Alegria aber innerhalb von Sekunden.

Wofür das Bühnenbild, die Fassade eines schäbigen Hauses, gut ist, zeigt sich beim Auftritt des Trios Batut. Die Trampolinkünstler Tetiana Tarasiuk, Denys Vrazhkin und Vitaly Fronyuk aus der Ukraine waren Europameister ihrer Sportart und wirken wie von der Schwerkraft befreit. In einer ausgeklügelten Choreografie hüpfen sie gleichzeitig in die Fenster des Hauses, begegnen sich in der Luft in nur wenigen Zentimeter Entfernung, ohne sich zu berühren. Und schließlich laufen sie die Wände hoch. Bei Dmytro Kharlov halten die Zuschauer den Atem an. Er balanciert perfekt auf der Rola Bola, dem Brett auf einem Zylinder. Zum Schluss gelingt es dem Mann mit dem Moustache und dem strengen Scheitel, das Gleichgewicht auf einer Wippe zu halten, die auf zwei Rollen und drei Zylindern ruht: Stark.

Anissa Elakel mit ihrer Handstand-Akrobatik und Lena Smaha, die mit Bällen und Keulen jongliert, komplettieren die Show. Und die „Slampampers“ erinnern kurz vor dem Ende mit ihrem Song „We come in Peace“ an die politisch-gesellschaftliche Komponente der Swing-Ära – eine Zeit der Liberalität und Libertinage, der Weltoffenheit.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

05.11.2016, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball