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Eine Klinik, zwei Moscheen: Das türkische Lager Harram beherbergt 14 000 Flüchtlinge

Leben im Wartezustand

Tausende syrische Flüchtlinge leben im Lager Harran. Ihre Heimat liegt nur wenige Kilometer entfernt, aber an eine Rückkehr ist nicht zu denken.

01.10.2016
  • GERD HÖHLER

Harran. Zwei Etagenbetten, eine kleine Nasszelle, eine Kochgelegenheit, eine Sitzecke, an der Wand ein Fernseher mit Satellitenanschluss – so lebt Ahmet mit seiner Frau und seinen beiden Kindern. Das Zuhause der vierköpfigen syrischen Familie ist ein kleiner Wohncontainer im Flüchtlingslager Harran. „Es ist eng, aber es geht“, sagt der 38-jährige Ahmet. Vor fast drei Jahren floh die Familie vor dem Bürgerkrieg aus ihrer Heimat. In der Türkei fand sie Zuflucht. „Wir brauchen nicht viel – unser größter Luxus ist der Frieden“, sagt Ahmet.

Das Lager befindet sich 35 Kilometer südlich der Millionenstadt Sanliurfa und 18 Kilometer vor der syrischen Grenze. Es ist eines von 25 Flüchtlingslagern der staatlichen türkischen Hilfsorganisation AFAD, die vergleichbar ist mit dem Technischen Hilfswerk in Deutschland. Etwa 2,7 Millionen syrische Flüchtlinge hat die Türkei seit Beginn des Bürgerkriegs 2011 aufgenommen. Die Mehrzahl von ihnen ist inzwischen irgendwo im Land sesshaft geworden. Rund 270 000 leben in den staatlichen Lagern entlang der syrischen Grenze.

Das Lager Harran beherbergt fast 14 000 Flüchtlinge auf einem 310 Hektar großem Areal, berichtet Mahmut Sönmez, der Leiter des Camps. So bedrückend auch die Lebenssituation der Menschen ist, die hier mehrheitlich seit mehr als drei Jahren hausen, so beeindruckend ist die Organisation.

Die Türkei als ein Land, das immer wieder von verheerenden Erdbebenkatastrophen mit hunderttausenden Obdachlosen heimgesucht wurde, hat große Erfahrung mit dem Bau und Betrieb solcher Lager. Es gibt eine Klinik, zwei Moscheen, Kindergärten und Vorschulklassen, eine Grund-, Mittel- und Oberschule, an denen fast 4800 Kinder und Jugendliche unterrichtet werden. Eine kleine Gruppe behinderter Kinder besucht eine separate Klasse. Immerhin 85 Schüler haben in Harran bereits die Hochschulreife erlangt und studieren nun irgendwo im Land. Rund 4000 Flüchtlinge arbeiten in Betrieben oder in der Landwirtschaft außerhalb des Lagers. Alle Bewohner bekommen vom Staat eine Geldkarte, mit der sie für umgerechnet 30 Euro im Monat im Supermarkt des Flüchtlingslagers einkaufen können.

Umgerechnet rund 20 Milliarden Euro hat sich die Türkei die Aufnahme und Versorgung der syrischen Flüchtlinge bisher kosten lassen, rechnet die Regierung in Ankara vor. Die Schutzsuchenden sind aber keineswegs nur eine Last. Sie nehmen nicht nur staatliche Sozialleistungen in Anspruch, sondern spielen für die türkische Wirtschaft eine zunehmend bedeutende Rolle – als Konsumenten, aber auch als Investoren.

Nach offiziellen Angaben wurden in den ersten sieben Monaten dieses Jahres in der Türkei 2786 Firmen mit ausländischer Kapitalbeteiligung gegründet. Davon entfielen 1102 auf syrische Geschäftsleute. Ein syrischer Flüchtling gibt zwar nur durchschnittlich 346 Lira (103 Euro) pro Monat aus. Aber unter dem Strich beläuft sich die Kaufkraft der Syrer immerhin auf 0,6 Prozent des türkischen Bruttoinlandsprodukts (BIP). In Regionen mit hohem Flüchtlingsanteil macht sich die hohe Nachfrage durch eine Inflationsrate bemerkbar, die deutlich über dem nationalen Durchschnitt liegt.

„Die Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge ist unsere wichtigste Aufgabe“, sagt Nihat Cifti, der Oberbürgermeister von Sanliurfa. Seine Stadt hat 1,8 Millionen Einwohner, etwa ein Viertel davon sind syrische Flüchtlinge. „Das Durchschnittsalter in Sanliurfa beträgt 19,2 Jahre“, berichtet Cifti. „Hier leben seit Jahrhunderten Türken, Turkmenen, Araber und Assyrer friedlich zusammen, das erleichtert die Integration“, sagt der Kommunalpolitiker.

Aber natürlich gibt es auch Schwierigkeiten. Für die einheimische Bevölkerung sind nicht nur die Teuerung bei Lebensmitteln, steigende Mieten, strapazierte kommunale Dienstleistungen und die Überlastung der Infrastruktur ein Problem. Der Wettbewerb um die Arbeitsplätze nimmt zu. Syrische Flüchtlinge verdingen sich oft für die Hälfte oder ein Drittel des staatlich festgesetzten Mindestlohns von umgerechnet 397 Euro. Um Schwarzarbeit und Lohndumping zu bekämpfen, hat die Regierung nun die Möglichkeit geschaffen, dass Flüchtlinge nach sechs Monaten eine Arbeitserlaubnis erhalten können. In der EU hofft man, dass dadurch mehr syrische Flüchtlinge einen Anreiz haben, in der Türkei zu bleiben, statt nach Europa zu kommen. In der türkischen Bevölkerung ist die Regelung allerdings unbeliebt. In einer Umfrage äußerten 54 Prozent der Befragten die Ansicht, dass „die Syrer uns Jobs wegnehmen“.

„Unser Hauptziel ist es, den jungen Flüchtlinge eine Schul- und Berufsausbildung zu ermöglichen und somit eine Zukunftsperspektive zu geben“, sagt Lager-Leiter Sönmez. „Dazu gehören auch Pläne der Regierung, den Flüchtlingen eine unbürokratische Einbürgerung zu ermöglichen“, so Sönmez.

Viele Flüchtlinge harren aber vor allem deshalb in den Lagern an der Grenze aus, weil sie auf Frieden in Syrien hoffen. „Die meisten wollen in ihre Heimat zurück“, glaubt Sönmez. Auch Ahmet will mit seiner Frau und seinen Kindern weder in der Türkei Wurzeln schlagen, noch zieht es ihn nach Europa. „Wir warten darauf, dass der Krieg zu Ende geht, dann gehen wir zurück, Inschallah“, sagt Ahmet. Er weiß: „Das kann noch lange dauern – aber wir haben Geduld.“

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01.10.2016, 06:00 Uhr

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