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Leben mit den Erdbeben um die Tübinger Partnerstadt Perugia
Tübingens Partnerstadt Perugia, Hauptstadt der italienischen Region Umbrien. Archivbild: Stadt Perugia
Alltag auf schwankendem Grund

Leben mit den Erdbeben um die Tübinger Partnerstadt Perugia

Trotz der Gefahr ist in Perugia die „Fiera dei Morti“ mit über 500 Beschickern.

05.11.2016
  • Elsbeth Gut Bozzetti

Amatrice liegt in Luftlinie 91 Kilometer südwestlich von Perugia. Dort und im nahegelegenen Accumuli hat am 24. August ein heftiges Erdbeben 300 Menschen das Leben gekostet und die historischen Städtchen und umliegende Ortschaften in riesige Schuttberge verwandelt. Seither ist die Erde entlang des Apennin nicht mehr zur Ruhe gekommen.

Nach dem heftigen Beben am Abend des 26. Oktober war das von Sonntagmorgen 30. Oktober mit einer Stärke von 6,5 das stärkste seit 1980. Sein Epizentrum lag um das Städtchen Norcia und den Piano grande di Castelluccio, in Luftlinie keine 70 Kilometer südöstlich von Perugia.

Norcia, Geburtsort des Heiligen Benedikt, Gründer des nach ihm benannten Ordens und seiner Zwillingsschwester, der Heiligen Scolastica, ist ein Wallfahrtsort: Die einen suchen bei den dortigen Ordensbrüdern geistigen Zuspruch, die anderen haben eher leibliche Labsal im Sinn. Denn Norcia ist berühmt für seine Schinken und generell das fleischverarbeitende Gewerbe, was die italienische Sprache mit dem Wort norcineria, das allgemein die Produkte des Metzgereihandwerks bezeichnet, zum Ausdruck bringt. Wie in Norcia leben viele vom Beben betroffene Ortschaften in den Höhenlagen um die Monti Sibillini teils von Tourismus, teils von Landwirtschaft. Im Umland von Norcia sind rund 800 landwirtschaftliche Familienbetriebe zum Teil seit Generationen angesiedelt. Vor allem Viehzucht wird in großem Stil betrieben; Schinken, Salami, Linsen und Käse aus dieser Gegend tragen herkunftsgeschützte Gütesiegel, die sie als Exzellenzprodukte auszeichnen.

Die Menschen leben vom Land und sind sehr stark damit verbunden, keiner der Viehzüchter will seine Tierherden verlassen. Viele widersetzen sich den Anordnungen der Autoritäten und biwakieren in Autos, sie wollen ausharren bei ihrem Vieh, ihrem Land, in ihrer Gemeinschaft, ihren Bergen.

Während immer mehr abgelegene Dörfer unbewohnbar werden – wegen steigender Einsturzgefahr der Häuser oder Schäden an Straßen, Brücken, Zufahrtswegen –, sind Zivilschutz, Feuerwehr, Polizei und Militärkräfte sehr effizient im Dauereinsatz. Gemeinschaftszelte, Wohncontainer, Feldküchen werden errichtet, viele ältere Menschen in sichere Unterkünfte an der Küste ausquartiert. Überall werden öffentliche Gebäude auf ihre statische Sicherheit überprüft, Kunstwerke präventiv in Sicherheit gebracht,

Obwohl relativ nah an den Epizentren der nicht aufhörenden Beben gibt es aus Tübingens Partnerschaft Perugia keine relevanten Schäden zu vermelden. Man spürt zwar auch hier jede Erdbewegung und erlebt jedes Mal aufs Neue bange Minuten des Schreckens, dennoch geht der Alltag, soweit möglich auf schwankendem Grund, mehr oder weniger seinen gewohnten Gang.

Nicht zuletzt aus psychologischen Überlegungen haben die Verantwortlichen nicht gezögert, die Fiera dei morti abzuhalten. Man wollte die angespannte, leidgeprüfte Seele der Menschen nicht auch noch durch den Wegfall dieses jährlichen Höhepunktes im kollektiven Erleben verunsichern. Denn die Fiera dei Morti – wörtlich: Jahrmarkt der Toten – ist der seit Jahrhunderten größte Jahrmarkt der Region. Der Name verweist auf die Feiertage Allerheiligen und Allerseelen, an denen der Toten gedacht und vom 1. November an mehrere Tage Markt gehalten wird. Der riesige Markt mit über 500 Beschickern bietet von der Socke über Küchengeräte bis zum ultimativen Modehit alles, was an Nützlichem und Unnützem weltweit produziert wird.

Ein wichtiger Teil ist traditionsgemäß das reich sortierte Angebot an regionalen Landwirtschafts-Erzeugnissen und kulinarischen Spitzenprodukten, in dem sich der ländliche Charakter dieser Region nicht ohne Stolz spiegelt und wiedererkennt. Eine Vorstellung von Qualität und Reichhaltigkeit dieses Angebots haben die Tübinger ja durch den Umbrisch Provenzalischen Markt.

Das Sahnehäubchen im bunten Angebot der Fiera sei, versichert Daniela Borghesi vom städtischen Kulturbüro, die Beteiligung von Vertretern aus Perugias Partnerstädten. Dieses Jahr wird Tübingen vom Hotel Krone repräsentiert, das ein deftig schwäbisches Vesper mit Bauernbrot, Leberkäse, Fassbier und Kirschwasser anbietet.

Der Besucherstrom am Eröffnungstag war bei strahlendem Sonnenschein unerwartet groß, doch Unbeschwertheit und Feierlaune angesichts der Ereignisse waren eher gedämpft. Aus Gründen der Sicherheit wurden Veranstaltungen in geschlossenen Räumen abgesagt und die Rocca Paolina geschlossen.

Die Erfahrung, auch in unserer hochtechnologisierten Welt den Naturgewalten ausgeliefert zu sein, weckt uralte Ängste,
rüttelt an oberflächlichen Gewissheiten. Existenzfragen drängen sich auf. Nerven liegen blank. Es ist nicht einfach, Alltag zu leben auf schwankendem Grund.

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05.11.2016, 01:00 Uhr

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