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Lebensretter im Miniformat

OVESCO entwickelte einen Blutungssensor, der bald Leben retten soll: Er ist nicht viel größer als eine Vitaminkapsel und wird ebenso einfach geschluckt. Trifft er aber auf Blut, meldet er sich via elektronischem Sender innerhalb von Sekunden. Die lebensnotwendige Behandlung kann sofort eingeleitet werden, denn bei akuten Magen-Darm-Blutungen ist Eile geboten.

13.08.2012

Der Geruch von Isopropanol ist fast stechend: Wer den Reinraum der Firma Ovesco mit sterilen Kitteln und Hauben betritt mag kaum glauben, dass er sich im ehemaligen Feuerwehrhaus in Lustnau befindet. Hier in der Pfrondorferstraße 4 werden medizintechnische Instrumente produziert, die in den angrenzenden Lagerräumen fertig verpackt und gestapelt darauf warten, in über 40 Länder der Welt verschickt zu werden. Im nachbarschaftlichen Holzbau haben vor einem halben Jahr noch Studenten gewohnt. Jetzt ist hier ein Forschungslabor: Hier laufen die Testreihen zu den neuesten Erfindungen. „In den vergangenen Jahren ist die Firma Ovesco so schnell gewachsen, dass wir immer auf der Suche nach neuen Räumlichkeiten waren“, erklärt Dr. Sebastian Schostek, Entwicklungsleiter für diagnostische Systeme. Der zentrale Firmensitz von Ovesco ist im repräsentativen Backsteingebäude der alten Brauerei in der Dorfackerstraße 26 zu finden.

Die neueste Erfindung

Zu den jüngsten Erfindungen der Firma Ovesco gehört der Blutungssensor. „Die Entwicklung ist fast abgeschlossen. In allen vorklinischen Studien hat sich der Blutungssensor sehr gut bewährt“, sagt Schostek. Für Anfang nächsten Jahres ist die klinische Anwendung der Prototypserie geplant. Dann soll der Blutungssensor im Notarztkoffer mitfahren und Patienten mit Verdacht auf akute Magenblutungen oral verabreicht werden: Trifft er auf Blut im oberen Verdauungstrakt, gibt er innerhalb von Sekunden die entsprechenden Signale. „Akute Blutungen im Magen-Darm-Trakt sind äußerst heimtückisch. Sie treten im Jahr bei rund einem von 1000 Menschen auf. In einem Gebiet wie dem Landkreis Tübingen sind jährlich etwa 270 Menschen von diesen Blutungen betroffen, die häufig durch Magengeschwüre oder Krampfadern in der Speiseröhre ausgelöst werden. Die Sterberate kann je nach Schweregrad bei über zehn Prozent liegen. Dabei könnten viele Patienten gerettet werden – vorausgesetzt der Arzt stellt sofort die richtige Diagnose und der Patient wird unverzüglich behandelt“, erklärt Schostek. Zum Beispiel mit den im Hause Ovesco entwickelten endoskopischen Clipsystemen. Das Problem dabei: Bisher ist der direkte Nachweis von Blut im Magen nur mit einer Magensonde möglich – diese Untersuchung ist unangenehm und kann eine halbe Stunde dauern. Kostbare Zeit für das Leben des Patienten. Ein Schnelltest, wie ihn der neue Blutungssensor ermöglicht, gibt hingegen innerhalb von Sekunden Gewissheit und damit die Möglichkeit zum schnellen Handeln.
Dabei sieht die Kapsel rein äußerlich mehr als unscheinbar aus: Entscheidend ist hier das Innenleben mit Leuchtdioden, Batterien und Software. Wird die Kapsel mit einem magnetischen Schalter aktiviert, sendet ein LED-Sender Lichtsignale aus, ein gegenüberliegender Sensor misst das ankommende Licht. Jetzt kommt die spezielle Eigenschaft von Hämoglobin ins Spiel, die UV-Licht absorbiert und rotes Licht ungehindert durchlässt. Die Folge: Trifft die Kapsel im Magen auf Blut kommt beim Sensor ausschließlich rotes Licht an. Mikroprozessoren verarbeiten die Signale und geben dem Notarzt sofortige Rückmeldung über Funk.
Die Tatsache, dass es sich beim Blutungssensor um das kleinste batteriebetriebene Implantat handelt, stellt nicht nur hohe Ansprüche an die Entwicklungsingenieure, sondern auch an die Produktionsmaschinen. Um die komplexen Abläufe zu optimieren, begleitet die Tübinger Firma Weptronic die Fertigungsprozesse. „Die Miniaturisierung der Elektronik erfordert genaueste Maschinen auf dem neuesten Stand der Technik. Allerhöchste Qualität – made in Germany ist die Voraussetzung“, erklärt Inhaber Werner Puth.

Formel 1 der Endoskopie

Internationale Erfolge feierte das Medizintechnik-Unternehmen Ovesco bereits mit den neuen Clipsystemen für endoskopische Operationen im Verdauungstrakt: Ihr „Over-The-Scope-Clip“, kurz OTSC, funktioniert wie eine Mini-Bärenfalle und verschließt Verletzungen und schwere Blutungen im Verdauungstrakt ganz ohne Naht – und das in einer Rekordzeit von weniger als fünf Minuten. „Im Bereich der Endoskopie hat die Firma Ovesco eine Formel-1-Fahrt hinter sich gelegt. Aufgrund der Leistungsfähigkeit unserer Produkte waren bereits im dritten Jahr nach der Markteinführung über 50 Prozent der Krankenhäuser in Deutschland unsere Kunden“, so Schostek.

Auf Erfolgskurs

Die Ovesco startete in der Unternehmensgruppe der novineon GmbH und ist heute eine unabhängige Medizintechnikfirma. Der Geschäftsführer der novineon ist der experimentelle Chirurg Marc Schurr. 2001 leitete er den Forschungs- und Entwicklungsbereich an der Sektion für minimalinvasive Chirurgie des Uni-Klinikums Tübingen und unterrichtet als Professor für experimentelle Medizin und Medizintechnik an der Steinbeis Universität Berlin. Mit Partnern an seiner Seite baute er zeitgleich mehrere Medizintechnikunternehmen unter dem Dach der novineon-Gruppe in Lustnau auf und führte sie auf Erfolgskurs: 45 Mitarbeiter, darunter Ingenieure und Ärzte, arbeiten in den Lustnauer Büros, Labors und Produktionsstätten. Allein im vergangenen Jahr stellte Ovesco fünf neue Ingenieure ein. Für das Jahr 2012 geht Ovesco von einer Umsatzerwartung von fünf Millionen Euro aus. Auch dank der neugegründeten Tochter in den USA würde sich der Umsatz zum Vorjahr dann verdreifachen.
Einen strategisch wichtigen Schritt, um weitere Märkte zu erschließen, ging das Medizintechnik-Unternehmen mit der jüngsten Umstrukturierung: So hat Ovesco Technologien und Unternehmensbereiche der novineon-Gruppe im Bereich der Robotik, drahtlosen Endoskopie und telemetrischen Sensorik übernommen. Dazu gehört auch das von der EU subventionierte Vector-Projekt, das mit 17 weltweiten Partnern und einem Budget von über 10 Millionen Euro an der aktiven Kapselendoskopie forschte.

Neue Therapien vor Durchbruch

Im Rahmen dieses Projektes wurde ein pillengroßer Endoskopie-Roboter entwickelt, der sich von außen ferngesteuert durch den Verdauungstrakt leiten lässt. „Die Untersuchung mit dem Endoskopie-Roboter wird in Zukunft eine Alternative zur Darmspiegelung, wie wir sie heute kennen, darstellen“, sagt Schostek. Das Ziel ist eine völlig schmerzfreie, unkomplizierte Darmspiegelung ohne Risiko, so dass mehr Menschen als bisher diese wichtige Vorsorgeuntersuchung nutzen.
Auch der implantierbare Blutungssensor wurde im Rahmen des Vector-Projektes entwickelt: Bei Risikopatienten, zum Beispiel nach einer endoskopischen Blutstillung, wird das Implantat an der Magenwand angebracht und wacht dort in der kritischen Zeit über den Heilungsprozess. Kommt es erneut zu einer Blutung, funkt das System sofort Alarm.
„Es geht uns immer um Durchbruchsinnovationen, um echte innovative Therapien und Technologien, die einen bedeutenden Mehrwert für das medizinische Fachpersonal oder die Patienten haben“, so Schostek. Die strategischen Zukunftspläne von Ovesco richten sich auf das Erkennen und Behandeln von Magen- und Darmkrankheiten. Entwicklungsleiter Schostek sieht hier noch viel Raum für neue Produkte und Verbesserungen: „Wir stoßen immer weiter in den Verdauungstrakt vor.“

Lebensretter im Miniformat
Starkes Team um kleinen Sensor mit Geschäftsführer Prof. Marc Schurr (oben) und Sebastian Schostek (2. Reihe re.)

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13.08.2012, 12:00 Uhr

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