Kreis Freudenstadt · Kreislaufwirtschaft

Lebensstoff aus Abfallprodukt

Eine noch zu bauende Klärschlammverwertungsanlage in Böblingen gewinnt Phosphor zurück, das aus Kommunen im Landkreis kommt.

14.01.2021

Von Dunja Bernhard

Klärschlamm ist ein Abfallprodukt. Doch er enthält noch zahlreiche mehr oder weniger wertvolle Stoffe. Archivbild: Angelika Brieschke

Im vergangenen Jahr stand auffällig häufig das Thema „Klärschlammentsorgung“ auf den Tagesordnungen der Gemeinderatssitzungen in den Landkreisen Freudenstadt und Rottweil.

Das optisch und geruchlich eher unappetitliche Produkt soll künftig noch mehr als bisher sozusagen ausgeschlachtet werden. So sieht es eine Novellierung der Klärschlammverordnung von 2017 vor. Deshalb wird auf dem Grundstück des Zweckverbands Restmüllheizkraftwerk Böblingen (RBB) eine Klärschlammverwertungsanlage entstehen.

Lange Zeit wurden Klärschlämme direkt als Düngemittel in der Landwirtschaft genutzt und so die mühsam aus den Abwässern entfernten Schadstoffe, wie Schwermetalle, Medikamente und Rückstände von Mikroplastik, über die landwirtschaftliche Ausbringung des Klärschlamms wieder in der Umwelt verteilt. Die Wiederverwendung entsprach dem Gedanken der Kreislaufwirtschaft. Dieser soll beibehalten werden,
aber höherwertig und umweltfreundlicher.

Mit der bodenbezogenen Verwertung des Klärschlamms soll spätestens 2032 Schluss sein. Nur Anlagen, die Wasser von weniger als 50000 Nutzern klären, bleibt der Weg der landwirtschaftlichen oder landbaulichen Verwertung offen. Das Umweltbundesamt spricht sich jedoch für einen völligen Verzicht auf die direkte bodenbezogene Verwertung von Klärschlamm aus. Bei größeren Anlagen muss spätesten ab 2032 aus Klärschlamm, der mehr als 20Gramm Phosphor pro Kilogramm Trockenmasse enthält, sowie aus der Asche der Klärschlammverbrennung Phosphor zurückgewonnen werden. Die Finanzierung der Phosphorrückgewinnung wird wohl auf die Abwassergebühr umgelegt werden. Auf die Verbrauchen kommt nach derzeitigem Stand aber voraussichtlich nur eine geringfügige Erhöhung der Abwassergebühr zu.

Für Lebewesen essenziell

Phosphor ist für alle Lebewesen unabdingbar. Phosphatverbindungen sind Bestandteil der Erbinformation und somit in jeder Zelle, das chemische Element kommt in Knochen und Zähnen vor. Die in der Natur vorhandenen Vorkommen sind jedoch endlich. Baden-Württemberg hat schon 2012 eine Phosphor-Rückgewinnungsstrategie auf dem Weg gebracht, um die Versorgung mit dem lebensnotwendigen Stoff auf lange Sicht sicherzustellen.

Die größte sekundäre Rohstoffquelle für Phosphor ist der Klärschlamm. Phosphor ist ein wichtiger Düngerbestandteil. Aus dem gedüngten Boden gelangt der lebensnotwendige Stoff über die Wurzeln der Pflanzen in die Nahrungskette. Ungedüngter, landwirtschaftlich genutzter Boden würde einen geringeren Ertrag erbringen und schließlich auslaugen.

Gemeinsame Anlage

Aus den Landkreisen Freudenstadt und Rottweil haben sich zahlreiche Kommunen mit ihren Eigenbetrieben sowie Zweckverbände dem im November gegründeten Zweckverband Klärschlammverwertung Böblingen angeschlossen. Er hat 65 Mitglieder. Diese ursprünglich schon für den Sommer vorgesehene konstituierende Sitzung war der Grund, warum kommunale Gremien das Thema Klärschlamm auf dem Tisch hatten. Sie mussten über einen Beitritt abstimmen. 2027 soll die neue Klärschlammverwertungsanlage in Böblingen in Betrieb gehen. Bei voller Auslastung könnte sie jährlich 37000 Megawattstunden Fernwärme und 6000 Megawattstunden Strom aus 120000 Tonnen entwässertem Klärschlamm produzieren. Aus der Asche, die beim Verbrennen des Klärschlamms entsteht, wird Phosphor zurückgewonnen und zwar zu über 80 Prozent.

Der Zweckverband Klärschlammverwertung Böblingen gibt an, dass der Import von Phosphor durch die Aufbereitung von Klärschlamm insgesamt um bis zu 50 Prozent verringert werden könnte.

Phosphat ist neben Kali und Stickstoff einer der wichtigsten Nährstoffe in der Landwirtschaft. Er kann nicht durch andere Stoffe ersetzt werden und ist damit unverzichtbar für die weltweite Pflanzenproduktion.

Etwa 82 Prozent der weltweiten Phosphatproduktion werden als Düngemittel eingesetzt, 2018 waren es rund 216Millionen Tonnen pro Jahr.

Phosphatdüngemittel werden zum Großteil aus dem mineralischen Rohstoff Phosphat hergestellt. Die natürlichen Phosphatvorkommen reichen nach neueren Schätzungen noch für 300 Jahre.

Der Preis des Rohphosphat, das vor allem in China, Algerien, Syrien, Südafrika und Marokko vorkommt, hatte sich 2007/2008 kurzfristig verzehnfacht. Deutschland muss, wie die anderen Länder der EU, Phosphor importieren.

2014 nahm die Europäische Union Phosphatgestein in ihre Liste kritischer Rohstoffe auf.

Bei der Abwasserreinigung fallen jährlich etwa 240000 Tonnen Klärschlamm (Trockenmasse) an, wovon über 90Prozent verbrannt werden. In der Landwirtschaft werden etwa 2 Prozent und im Landschaftsbau etwa 7 Prozent verwertet.

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Erstellt:
14. Januar 2021, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
14. Januar 2021, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. Januar 2021, 01:00 Uhr

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