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Im „Karrieresystem Hochschule“ punkten Wissenschaftler mit Spitzenforschung

Lehre interessiert nur Studenten

Wie macht man Karriere? Klar, dass das ein Thema für die Wirtschaftswissenschaften ist. Diesmal guckte sich die Tübinger Fakultät im eigenen Haus um und veranstaltete einen Workshop „Karrieresystem Hochschule“.

12.11.2012
  • WOLFGANG ALBERS

Tübingen. Als Nachwuchswissenschaftlerin hat Susanne Warning sich das mal ganz systematisch angeschaut: Welche Faktoren führen dazu, eine Berufung auf eine Professur zu bekommen? Als sie beim Bier mit zwei Kollegen darüber fachsimpelte, sagten die: „Als Frau hast du Vorteile. Du kriegst die Stelle eh.“ Seit dem 1. September ist Warning Professorin für Global Business an der Universität Augsburg. Und hat noch jede Menge Daten im Kopf über das, was die Karriere voranbringe. Eines sei aber klar: „Frau sein hilft nicht.“

Das sagte sie auf einer Podiumsdiskussion, die den Abschluss des Workshops „Karrieresystem Hochschule“ bildete. Die Tübinger Wirtschaftswissenschaftler hatten ihn organisiert, zwei Tage hatten sich die Teilnehmer über Fragen wie Nachwuchsgewinnung oder Anreize im Karrieresystem ausgetauscht.

Auf dem Podium war Warning die einzige Newcomerin im Karrieresystem Hochschule. Moderator war Oliver Fabel, Professor für Internationales Personalmanagement an der Uni Wien. Karriere gemacht hat auch Dieter Timmermann. Er war Professor für Bildungsplanung und Bildungsökonomie an der Uni Bielefeld, später ihr Rektor und ist derzeit Präsident des Deutschen Studentenwerkes. Auf dem Podium saß auch Axel Schlinghoff, der nach seiner Promotion, die deutsche und amerikanische Wissenschaftler verglich, ins Hochschulmanagement einstieg – als Leiter der Stabsstelle Organisationsentwicklung an der Uni Bonn.

Lauter Leute also, die es wissen müssen: Wie wird man Professor/in? In der öffentlichen Diskussion steht momentan die Qualität der Lehre besonders im Fokus. Aber nach den Erfahrungen der Insider spielt das kaum eine Rolle. „Das einzige Maß ist die Produktivität der Publikationen“, weiß Fabel. „Warum spielt die Lehre keine Rolle bei Berufungen?“ Die Rankings sind schuld, sagt Timmermann: „Die richten sich nach den Forschungsrankings. Deshalb verteilen die Uni-Leitungen ihre Finanzen auf die Forschung um, da spielt die Lehre keine Rolle.“ Stimmt, ergänzt Schlinghoff: „Ich habe noch keine Uni erlebt, die sagt: Ist doch egal, dass wir auf Platz 65 von 70 stehen – wir machen dafür eine gute Lehre.“

Das System schaffe keine Anreize, in der Karriereplanung mit Lehrkompetenzen zu kommen, sagt Oliver Fabel: „Die Lehre interessiert außer den Studenten niemand.“ Die Konsequenz sei bei Berufungsgesprächen: „Jeder will die Lehre wegverhandeln. Die meisten Wissenschaftler wollen gar nicht lehren.“Was den Zwischenruf einer Zuhörerin provozierte: „Haben die dann nicht den falschen Beruf ergriffen? Der heißt doch Hochschullehrer!“ Auch Schlinghoff ist nicht glücklich mit der Praxis: „Wenn wir nur super Forscher berufen, setzen wir aufs falsche Pferd – wir verlieren am Ende die Studenten.“

Immerhin: Warning berichtet, bei ihren Bewerbungen werde man auch zu Lehr-Evaluationen aufgefordert: „Die Messbarkeit ist aber schwierig. Lehrevaluationen sind in Tübingen anders als in Bonn oder Augsburg.“ Kein Problem für Fabel: „Wir haben genug Daten, wir müssen sie nur abrufen.“ Etwa aus der Sozialversicherung: Da muss man genau angeben, wann und wo man studiert hat. Gleichzeitig wird der Verdienst eines ganzen Lebens erfasst.

„Wir können also nachrechnen, welche Lehre den Absolventen mehr oder weniger Einkommen gebracht hat.“ Für die jüngeren Lehrenden wollte Warning die Situationsanalyse nicht so düster stehen lassen: „Ich finde, die Lehre ist schon besser geworden.“ Aber nicht einfacher: „Die Studenten müssen heute anders angesprochen werden. Meine ersten zwei Vorlesungstermine brauche ich dafür, ihnen klarzumachen, dass ich das nicht lustig finde, wenn alle das Handy anhaben und sich Nachrichten zuschicken. Da wird der Fortschritt der Lehre durch das Verhalten der Studenten wieder aufgefressen.“

Der klassische Weg zur Professur führt über Promotion und Habilitation. Viele erreichen das Ziel nicht. Nach Untersuchungen sind fünf Jahre nach ihrer Promotion weniger als 20 Prozent an der Universität. Von den Habilitierten werden weniger als 50 Prozent Profs. Die Karriere-Risiken, so Oliver Fabel, „sind also schon erheblich“. Was hilft, ist Ranklotzen: „Ich habe auch deshalb mehr gearbeitet, weil ich wusste, ein Vertrag läuft bald aus“, erzählte Susanne Warning. „Da zeigt sich, wer wirklich überzeugt von der Sache ist“, meinte eine Teilnehmerin dazu. Kommentar Dieter Timmermann. „Einer kam durch.“ Noch eine statistische Erkenntnis: Kinder sind kein Karriere-Hindernis, Heiraten dagegen trennt die Geschlechter: Die Chancen der Männer steigen dadurch, die der Frauen sinken.

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12.11.2012, 12:00 Uhr

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