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Lehrer auf Zeit
An der Tafel sind alle Lehrer gleich. Foto:© fotolia.com Foto: © fotolia.com
Schule

Lehrer auf Zeit

Jedes Jahr stellt das Land Lehrkräfte mit Zeitverträgen an und entlässt sie zu Beginn der Sommerferien wieder. Ein Ulmer hat das sieben Jahre mitgemacht.

08.04.2017
  • BEATE ROSE

Ulm. Bildung – unser höchstes Gut. Dem stimmt Alexander Ludwig (Name von der Redaktion geändert) zwar zu, gleichzeitig weiß er, wie das Land Baden-Württemberg mit den Quereinsteigern unter den Lehrern verfährt. Die bekommen unter Umständen einen Vertretungsvertrag nach dem anderen. Die angestellten Lehrer verdienen rund ein Drittel weniger als ihre Kollegen mit Beamtenstatus, ganz zu schweigen von Vergünstigungen wie einer privaten Krankenversicherung.

Die geringere Bezahlung war nicht mal Ludwigs Hauptproblem. Was ihm mehr ausgemacht hat, war die unsichere Art der Beschäftigung. Denn die Verträge sind so formuliert, dass die Vertretungslehrer recht kurzfristig entlassen werden können, wie Ludwig sagt. Die Verträge sind „befristet bis zur Rückkehr“ etwa des erkrankten Lehrers, aber „längstens gültig bis zum letzten Schultag des laufenden Schuljahres“. So zitiert aus den Verträgen Doro Moritz, die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Die Verträge enden pünktlich mit dem letzten Tag des Schuljahres vor den großen Ferien.

„In Baden-Württemberg ist das traditionell ein Mittwoch. Immer am Mittwoch war ich früh noch in der Schule und bin von dort zum Arbeitsamt“, erzählt Ludwig. Er empfindet das als „Armutszeugnis für ein Bundesland, das stolz ist auf seine Bildung“. Die Landesregierung biete Leuten wie ihm keine Rückendeckung. GEW-Chefin Moritz spricht von einer Fürsorgepflicht, die das Land gegenüber den Vertretungslehrern nicht wahrnimmt.

Mit ihnen soll nach Willen der baden-württembergischen Landesregierung so weiter verfahren werden. Das hat kürzlich im Landtag die Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) deutlich gemacht. Die SPD hatte den Antrag gestellt, Lehrer mit befristeten Verträgen und fertig ausgebildete Referendare in den Sommerferien weiterzubeschäftigen. Eisenmann lehnte das ab, da es finanzpolitisch nicht zu stemmen sei. Deswegen werden dieses Jahr wieder landesweit rund 3000 befristet beschäftigte Lehrer mit den großen Ferien in die Arbeitslosigkeit geschickt.

Was sie ärgert: Andere Länder zahlen ihren Vertretungslehrern die Urlaubszeit, etwa Hessen und Nordrhein-Westfalen. Für sie „der richtige Weg, um Lehrer zu binden“. Denn mittlerweile klagen viele Schulen über Lehrermangel. Wer unter den Bedingungen als Vertretungslehrer gearbeitet habe, wechsle häufig den Job.

Ludwig hat das, angefangen mit Anfang 30, sieben Jahre lang mitgemacht. Seine Motivation, warum er dabei geblieben ist: „Ich habe gemerkt, dass ich jungen Leuten gerne etwas beibringe.“ Doch an Familie sei unter solchen Arbeitsbedingungen nicht zu denken gewesen, zumal Vertretungslehrer unbegrenzt mit Vertretungsverträgen beschäftigt werden können – „bis zur Rente“.

Ludwig will nicht in der Zeitung lesen, was er studiert hat, weil er so leicht erkennbar sei. Es waren Studiengänge, die er als „Orchideenfächer“ bezeichnet. Die hatte er mit dem ersten Staatsexamen abgeschlossen, aber kein Referendariat angehängt, er ist im Behördendeutsch ein „Nicht-Erfüller“. Doch nach Lehrern in diesen Fächern wurde damals an Ulmer Gymnasien gesucht, egal ob mit oder ohne Referendariat. Ludwig nahm an. Arbeitsverträge liefen „mal über vier Wochen, mal zwei Jahre“.

Brigitte Röder, geschäftsführende Schulleiterin der Ulmer Gymnasien, findet das insofern verständlich, da „der Vertretungslehrauftrag immer für einen bestimmten Fall ist“. Denn: „Ärzte schreiben kaum jemanden für ein Jahr krank, sondern zunächst für vier Wochen.“ Wie umfassend der Lehrauftrag ist, ist für den Vertretungslehrer ebenfalls stets verschieden. Ludwig berichtet von Lehraufträgen mit 18 Wochenstunden, „da war ich gut beschäftigt“, aber auch von jenen mit vier Wochenstunden. „Für das Geld hätte ich gescheiter Regale eingeräumt.“ Oft können die Vertretungslehrer jedoch keine nebenberufliche Arbeit annehmen, weil sie als Quereinsteiger erstmal den Unterricht vorbereiten müssen.

Die Sommerferien über bangen die Vertretungslehrer, ob sie an ihrer „alten“ Schule wieder einen Vertrag bekommen. Schulleiterin Röder verdeutlicht: „Wir dürfen erst am Anfang des Schuljahres Vertretungslehrer beim Regierungspräsidium beantragen.“ Lehrer würden nicht „auf Halde“ eingestellt.

So hat Ludwig erlebt, dass es in einem Schuljahr für ihn keinen Bedarf an seiner Stammschule gab. In dem Jahr wechselte er als Telefonist in die Marketingabteilung einer Ulmer Firma. Alles Gründe, weswegen Ludwig im Lehrerzimmer nicht von jedem als vollwertiger Kollege akzeptiert war. Gleichwohl betont er, dass er auch „wahnsinnig unterstützende Kollegen“ erlebt hat.

Für GEW-Chefin Moritz ist der Umgang des Landes mit den Vertretungslehrern „völlig indiskutabel“. Ludwig hat vor allem die Wertschätzung gefehlt. Deswegen hat er inzwischen seine Stelle gewechselt, ist mittlerweile bei einem privaten Bildungsträger mit unbefristetem Vertrag beschäftigt. „Jetzt kann ich mich voll aufs Unterrichten konzentrieren.“

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08.04.2017, 06:00 Uhr

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