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Täter aus Tübingen

Leichenteile eines NS-Wissenschaftsmordes im Regal eines Uni-Instituts in Strasbourg

Am Wochenende wurde in Strasbourg bekannt, dass im Gerichtsmedizinischen Institut der dortigen Universität Leichenpartikel eines NS-Opfers aufbewahrt waren. Magen- und Darminhaltsreste und vermutlich auch fünf Hautstücke stammen von einem Mann, an dessen Tod der Tübinger Anthropologe Hans Fleischhacker mitverantwortlich war.

20.07.2015
  • Hans-Joachim Lang

Strasbourg/Tübingen. Noch vor wenigen Wochen beteuerte die Université de Strasbourg, dass in ihren Mauern keine Präparate vorhanden seien, die auf die deutsche Besatzung während des Zweiten Weltkriegs zurückgehen. Im Herbst 1941 hatten die deutschen Nationalsozialisten anstelle der örtlichen französischen Universität, die zwei Jahre zuvor nach Clermont-Ferrand evakuiert worden war, eine „Reichsuniversität Straßburg“ gegründet. Deren Sitz war dann im Spätjahr 1944 nach Tübingen verlegt worden, wo diese Institution zum Kriegsende erlosch.

Leichenteile eines NS-Wissenschaftsmordes im Regal eines Uni-Instituts in Strasbourg
Eines von drei Glasgefäßen, die jetzt im Gerichtsmedizinischen Institut der Université de Strasbourg entdeckt wurden und Partikel eines von 86 jüdischen NS-Opfern enthalten. Die Beschriftung aus dem Jahr 1946 verweist auf die Autopsie No. 13 und erwähnt die KZ-Nummer 107969. Der Name des Opfers, der Berliner Jude Max Menachem Taffel, war zur Zeit der Beschriftung des Etiketts, nicht bekannt. In dem Gefäß sind Kartoffelstückchen aus Taffels Magen enthalten.

Nach Tübingen ist seinerzeit auch der Anatomie-Professor August Hirt gekommen, der von Straßburg aus veranlasst hatte, dass im Sommer 1943 im elsässischen KZ Natzweiler/Struthof 86 jüdische Frauen und Männer ermordet wurden, weil er an seinem Institut eine rassistische Skelettsammlung errichten wollte. Während August Hirt Anfang 1945 in seinem Tübinger Aufenthaltsort, dem Tropenmedizinischen Institut, seinen Lügenteppich webte, hatten französische Ermittler begonnen, die zunächst noch undurchsichtigen Vorgänge im KZ Natzweiler und an der Reichsuniversität aufzuklären. Dazu gehörte auch die Autopsie der im Anatomiekeller konservierten Leichen und Leichenteile der 86 NS-Opfer durch französische Gerichtsmediziner.

Der französische Arzt und Medizinhistoriker Raphaël Toledano, der sich – wie der Verfasser dieses Artikels – seit vielen Jahren mit der Aufklärung dieses NS-Verbrechens beschäftigt, fand vor einiger Zeit einen Brief aus dem Jahr 1952, in dem der an der Autopsie beteiligte Gerichtsmediziner Camille Simonin dokumentierte, dass er kleine Reste aus der Untersuchung in einige Glasgefäße gefüllt habe und in einem öffentlich nicht zugänglichen Raum des Gerichtsmedizinischen Instituts aufbewahre. Nachfragen Toledanos beim vorigen Direktor des Instituts nach diesen Behältnissen blieben ergebnislos, erst der kürzliche Wechsel in der Institutsleitung brachten den Durchbruch. Zusammen mit dem neuen Direktor Jean-Sébastian Raul durfte der Forscher in das Instituts-„Museum“ – und schon nach wenigen Minuten war man fündig geworden.

Leichenteile eines NS-Wissenschaftsmordes im Regal eines Uni-Instituts in Strasbourg
Max Menachem Taffel 1946 auf dem Seziertisch französischer Gerichtsmediziner. Auf seinem linken Unterarm ist die KZ-Nummer aus dem Lager Auschwitz zu erkennen.

Auf einem der drei Glaskörper steht auf einem Etikett „Expertise du Struthof“, darunter „Autopsie no. 13“ sowie „homme no. mtr. 107 969“. Es verweist auf ein bestimmtes Autopsie-Protokoll und eine Nummer, von der man heute weiß, dass sie eine KZ-Nummer aus Auschwitz war. Namentlich war der betreffende Mann („homme“) damals nicht bekannt. Im Glas enthalten waren Stückchen von Kartoffelschalen, die dem Magen des Toten entnommen worden waren. Ein weiteres Gefäß enthält aus dem Darm entnommene Kartoffelschalen und ein drittes birgt fünf Hautstücke ohne Identitätszuweisung. Mit Hilfe eines DNA-Tests, so Wissenschaftler aus Strasbourg, ließe sich feststellen, ob alle drei Stoffe von der selben Person sind.

Leichenteile eines NS-Wissenschaftsmordes im Regal eines Uni-Instituts in Strasbourg
Raphaël Toledano

Mit der Häftlingsnummer 107 969 war der Berliner Jude Max Menachem Taffel in Auschwitz gekennzeichnet worden. Zwei Anthropologen hatten ihn zusammen mit 85 weiteren Opfern in Auschwitz selektiert. Einer der beiden Anthropologen, war der SS-Obersturmführer Hans Fleischhacker aus Tübingen. Über seine Aktivitäten im Dritten Reich informierte eine zweimonatige Ausstellung hiesiger Medizinethiker, die Ende Juni in den Räumen des Uni-Museums im Tübinger Schloss zu Ende gegangen ist.

Die Université de Strasbourg hat sich in der Vergangenheit aus Sorge, mit der Reichsuniversität Straßburg verwechselt zu werden, mehrfach der Vergangenheitsaufarbeitung der in ihren Mauern verübten Verbrechen entzogen. So war lange nicht bekannt, dass auch die Autopsieprotokolle dort aufbewahrt wurden. Der Verfasser hat vor zwölf Jahren Kopien davon in der Zentralen Stelle in Ludwigsburg eingesehen. Aus ihnen gehen auch Einzelheiten der Autopsie Nummer 13 hervor. Demnach gehört sie sie zu einem 1,66 Meter großen Mann, auf dessen rechten Unterarm die Nummer 107 569 eintätowiert war und in dessen Verdauungsorganen Reste von gekochtem Gemüse und Kartoffelschalen analysiert worden waren.

Der Medizinhistoriker Raphaël Toledano zeigte Ende April zusammen mit Emmanuel Heyd im Kino Museum als deutsche Erstaufführung den gemeinsam gedrehten Dokumentarfilm „Le nom des 86“, der in Interviews die Hintergründe des Verbrechens deutscher NS-Wissenschaftler berichtet. 29 jüdische Frauen und 57 jüdische Männer wurden Opfer. Geplant war eine Skelettsammlung von Juden an der Reichsuniversität Straßburg. Hans-Joachim Lang identifizierte die Opfer in seinem 2004 publizierten Buch „Die Namen der Nummern“.

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20.07.2015, 12:00 Uhr

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