Übergriffe

Leid verarbeiten oder Leben zerstören

Wer sexuelle Gewalt erlebt, fühlt sich oft hilflos. Doch immer mehr Betroffene trauen sich, Vorwürfe über soziale Medien zu verbreiten. Das kann gravierende Folgen haben, besonders wenn die Anschuldigungen fragwürdig sind. Zwei Beispiele.

26.04.2021

Von DANIEL WYDRA

Wenn Frauen sexuelle Übergriffe im Internet öffentlich machen, werden sie oft beleidigt. Foto: ©woocat/shutterstock.com

Ines Anioli hat gerne über Sex geredet. Fast drei Jahre lang hat sie in ihrem Podcast über ihren Geschlechtsverkehr geplaudert und Tipps gegeben, wie er am meisten Spaß macht. Bis sie im April 2019 von einer „toxischen Beziehung“ berichtete: „Er hat mich gepackt und angefangen, mich im Bett herumzuwirbeln. Da habe ich ein bisschen Angst bekommen.“ Anioli kann sich zunächst losreißen. „Doch irgendwann hat er mich auf das Bett gedrückt, meine Hose runtergezogen und angefangen, an mir rumzuspielen. Dann hat er zum Glück aufgehört, aber gesagt: Boah, ich wollte dich jetzt einfach vergewaltigen.“ Vier Monate später ist der Podcast „Besser als Sex“ Geschichte. Anioli verarbeitet die erlittene sexuelle Gewalt inzwischen in einem anderen Podcast, sie nennt ihn „Me-Time“.

Obwohl sie ihn öffentlich nicht genannt hat, taucht im April 2021 auf Twitter ein Name zum angeblichen Fast-Vergewaltiger auf. Es soll sich um einen in Deutschland bekannten Comedian handeln. Die Kommentatoren bilden zwei Lager: Die einen bestehen darauf, dass zunächst die Unschuldsvermutung gilt. Die anderen bestreiten das nicht, betonen aber, dass Opfer sexueller Gewalt nicht mundtot gemacht werden dürfen. Die Diskussion verläuft überwiegend sachlich, es gibt aber auch herabwürdigende Kommentare.

Ein Verfahren gegen den Comedian wurde längst eingestellt.

Auch ein Erzieher aus Koblenz wurde vom Vorwurf des sexuellen Übergriffs entlastet – seinen Beruf kann er aber nicht mehr ausüben. Im Oktober 2020 hat ihm eine Mutter vorgeworfen, ihre Tochter in der Kita sexuell missbraucht zu haben. In einem Youtube-Video. Dass die Vorwürfe schon damals weitgehend entkräftet sind, nützt dem Erzieher nichts: Er bekommt Morddrohungen, die Polizei rät ihm, seine Heimat zu verlassen.

Das Video ist nicht mehr online – es wurde auf Arabisch mit deutschem Untertitel veröffentlicht. Der Erzieher ist in psychiatrischer Behandlung. Wenn er Eltern mit Kindern begegnet, wechselt er die Straßenseite.

Die Polizei vermutet, dass die Mutter tatsächlich geglaubt hat, ihr Kind sei missbraucht worden. „Wenn sie denkt, dass ihrem Kind sexuelle Gewalt widerfahren ist, kann man davon ausgehen, dass sie in einem emotionalen Ausnahmezustand war“, sagt Deborah Hellmann, Psychologin an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen. Im anderen Fall geht sie davon aus, dass Ines Anioli verzweifelt und eventuell desillusioniert war.

„Sie sitzen es einfach aus, bis es Ruhe gibt. Aber die wird es nicht geben“, schreibt eine Kommentatorin auf Twitter. Andere sehen den Comedian einer Hetzjagd ausgesetzt. „Es entsteht eine Kettenreaktion, mitunter werden Persönlichkeitsrechte verletzt“, sagt Jessica Heesen, Medienethikerin an der Uni Tübingen. Im Internet würden überwiegend Frauen beschimpft. „Ihr Recht auf freie Meinungsäußerung wird unterlaufen.“

Wenn hunderte Nutzer kontroverse Fälle diskutieren, interessiert das Journalisten. „Medien sollten sich zurückhalten, aber das ist unrealistisch, weil es ein öffentliches Interesse gibt“, sagt Medienethiker Christian Schicha von der Uni Erlangen-Nürnberg. Reporter und Redakteurinnen sollten sich nicht an Online-Debatten beteiligen. „Gerüchte im Internet haben schon oft Leben ruiniert, selbst wenn die Betroffenen unschuldig waren.“

„Die MeToo-Bewegung wäre nicht möglich gewesen, wenn immer sofort die Unschuldsvermutung betont worden wäre“, sagt dagegen Jessica Heesen. Deborah Hellmann findet, dass ein Kommentar zu einem Vorwurf nicht zwingend die Persönlichkeitsrechte des Beschuldigten verletzt. „Wenn er beleidigt wird und die Vorwürfe haltlos sind, kann er sich zum Beispiel mit einer Unterlassungsklage wehren.“ Was bei hunderten Kommentaren eher eine theoretische Option ist.

Die Expertinnen sind sich einig, dass viele Frauen ihre Vorwürfe öffentlich machen, damit andere nicht zu Opfern werden. Betroffene könnten gut Erfahrungen austauschen, findet Heesen. „Man kann annehmen, dass es Betroffenen hilft zu wissen, dass sie nicht alleine sind und die Bestätigung bekommen, dass sie keinerlei Schuld trifft“, sagt Hellmann. Falsche Anschuldigungen wie im Fall des Erziehers toleriert sie aber nicht. Soziale Netzwerke müssten solche Inhalte besser überwachen und löschen.

Hunderte Menschen hatten den Erzieher beleidigt und bedroht, gegen mehr als 130 wird ermittelt. Eine finanzielle Entschädigung bekommt der Mann trotzdem nicht – weil gegen die Familie des kleinen Mädchens nicht ermittelt wird. Ines Anioli macht weiterhin Podcasts. Sie redet nicht mehr so offen über Sex, erzählt stattdessen von Blind Dates, Reittherapien und therapeutischen Boxstunden.

Prof. Dr. Deborah F. Hellmann, Dipl.-Psych.Foto: privat Foto: privat

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Erstellt:
26. April 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
26. April 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. April 2021, 06:00 Uhr

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