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Leiden im „Horror-Haus“
Angelika W. verbirgt ihr Gesicht vor den Fotografen. Foto: dpa
Prozess gegen Paar aus Höxter beginnt

Leiden im „Horror-Haus“

Im Prozess um die tödlichen Misshandlungen in Höxter erzählt die Angeklagte von der brutalen Welt mit ihrem Ex-Mann. Fragen bleiben offen.

17.11.2016
  • DPA

Paderborn. Ruhig, manchmal fast ausschweifend antwortet Angelika W. (47) auf die Fragen, die Richter und Anwälte ihr stellen. Es ist der zweite Verhandlungstag im Mordprozess um die Misshandlungen im „Horror-Haus“ von Höxter – und die Angeklagte vermittelt mit ihrer eigenen Leidensgeschichte im Landgericht Paderborn einen Eindruck davon, was Frauen hinter den Wänden erlitten haben sollen.

Jahrelang sollen W. und ihr mitangeklagter Ex-Mann Wilfried dort gemeinsam Frauen gequält haben. Das Duo hatte seine Opfer per Kontaktanzeige in die ostwestfälische Ortschaft Höxter-Bosseborn gelockt. Zwei Frauen aus Niedersachsen überlebten das Martyrium nicht, eine Frau aus Magdeburg entkam.

Doch bevor das Gericht sich den Anklagevorwürfen – zweifacher Mord durch Unterlassen und wiederholte Körperverletzung – widmet, steht das Leben der Angeklagten im Mittelpunkt. Es war nach den Schilderungen der 47-Jährigen seit 1999 an der Seite von Wilfried W. ebenfalls das Leben eines Opfers.

Angelika W. wächst auf einem Bauernhof im Ruhrgebiet auf. Gewalt erfährt sie dort nicht. Es gibt keine engen Freundschaften. Ihr körperlicher Kontakt zu Männern beschränkt sich auf eine Affäre zu einem verheirateten Erntehelfer.

Dann lernt die gelernte Gärtnerin über eine Kontaktanzeige Wilfried W. kennen: Was am ersten Tag wie Verliebtheit aussieht, schlägt schon in den Tagen danach um. Wilfried W. habe sie gezwungen, ihm bei seinem Putzjob zu helfen, sie bei Nichtigkeiten angeschrien, geschlagen. Trotzdem heiratet Angelika W. ihn zwei Monate später.

Nach ihren Schilderungen greift nach und nach ein System aus Dominanz, Gewalt und Unterwerfung: Wenn sie nicht tut, was er sagt, bestraft er sie. Faustschläge und Tritte, nach denen sie blaue Flecken und Veilchen davonträgt. „Ich habe verdammt viel aushalten gelernt.“

Dauernd habe er ihre Brüste blutig gebissen, sagt die 47-Jährige. „Tittenbeißen“ habe er diese Strafe genannt. Er habe sie in Decken und Bettzeug gewickelt, sich auf sie gestemmt, bis ihr unter Todesangst die Luft wegblieb. Einmal habe er ihr beim Essen eine Gabel in den Oberschenkel gerammt, einmal ihre Hand auf die heiße Herdplatte gedrückt.

Später verbrühte er Angelika W. nach ihren Angaben mit heißem Wasser so schwer, dass sie offene, eitrige Wunden davontrug. Trotz quälender Schmerzen ging sie nicht zum Arzt. Weshalb nicht? Sie habe ihren Mann nicht in Bedrängnis bringen wollen.

Warum nahm sie nicht Reißaus? Warum wehrte sie sich nicht?

Ihr Mann habe ihr klar gemacht, dass die Strafen Folge ihres Fehlverhaltens waren: „Wenn ihnen jemand wieder und wieder erklärt, dass sie selbst schuld sind, dann glauben sie das irgendwann“, sagt sie. Es sei wie ein Katz-und-Maus-Spiel gewesen: „Je schneller die Maus läuft, desto schneller läuft die Katze.“

Also habe sie in 17 Jahren gelernt, auszuhalten statt die Katze durch Schreie oder Wegzucken zu reizen. Pausen von den Quälereien habe sie nur erlebt, als andere Frauen ins Haus kamen.

Wilfried W. folgt all dem aufmerksam. In ihm scheint es zu arbeiten: Er schüttelt gelegentlich den Kopf, presst die Lippen aufeinander, fasst sich immer wieder nervös ins Gesicht. Anders als Angelika W. hat er bislang geschwiegen. Seine Anwälte betonen, er sei nicht die Triebfeder hinter den Misshandlungen gewesen, sondern lediglich Zeuge ihrer Übergriffe auf die Frauen.

Bei der Polizei hatte sich Angelika W. selbst, aber auch ihren Ex-Mann schwer belastet. Die Frage, wer welche Rolle spielte und wie aus dem mutmaßlichen Opfer Angelika W. eine mutmaßliche Täterin wurde, wird im Prozess noch gestellt werden müssen. Doch selbst nach ihren bisherigen Antworten bleibt es Prozessbeteiligten ein Rätsel, was sie zu Wilfried W. trieb und warum sie trotz Scheidung und einem Trennungsversuch wieder zu ihm zurückkam. dpa

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17.11.2016, 06:00 Uhr

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