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Leitartikel · TERROR-ANGST: Mut statt Rückzug

Leitartikel · TERROR-ANGST: Mut statt Rückzug

28.11.2015
  • SWP

Von Antje Berg

Es war eine große Geste in einer grauenhaften Nacht: Viele Bewohner der französischen Hauptstadt boten per Twitter Menschen Schutz an, die sie nicht kannten - ohne sich ängstlich zu fragen, wer da wohl an der Tür klingeln könnte, während draußen der Terror tobte. Täglich kommen seither auf der Place de la République, bewacht von schwerbewaffneten Sicherheitskräften, Trauernde zusammen, um der 130 Opfer des 13. November zu gedenken, eine Rose niederzulegen und eine Kerze anzuzünden - obwohl dieser Ort im Moment zu den gefährlichsten in Paris zählt. Und der Franzose Antoine Leiris, dessen Frau im Kugelhagel des Musikklubs Bataclan starb, schleudert auf Facebook den feigen Attentätern entgegen: "Ihr wollt, dass ich Angst habe, ihr wollt, dass ich meinen Mitmenschen mit Misstrauen begegne, dass ich meine Freiheit für die Sicherheit opfere. Vergesst es!"

All diese Menschen trotzen der Angst. Und doch ist sie da, erinnert uns an die Vergänglichkeit unseres Lebens: Spürbar in Paris, in Brüssel und nach dem Terror-Alarm in Hannover auch hierzulande. Plötzlich fragt man sich, ob man in diesen Zeiten den Weihnachtsmarkt besuchen soll, das Stadion, das Konzert und ob man die nach Paris geplante Klassenfahrt nicht besser absagt.

Angst. Sie ist ein wichtiger Mechanismus, der vor Gefahren schützen kann. Sie schärft die Sinne. Erhöht die Aufmerksamkeit. Macht uns blitzschnell reaktionsbereit. Dass derzeit jedes herrenlose Gepäckstück einen Großeinsatz auslösen kann - wer will es den Verantwortlichen vorwerfen? Die Politik steht vor einem Dilemma: Ist sie übervorsichtig, dann nährt sie Unsicherheit, Spekulationen und damit die Angst. Tut sie zu wenig und es kommt zum Schlimmsten, geht für lange Zeit alles Vertrauen verloren.

Deshalb macht erhöhte Wachsamkeit, zeitlich begrenzt, durchaus einen Sinn. Anhaltende Angst aber spielt dem Feind in die Hände. Denn das ist das Ziel des Terrors: Unsere Gesellschaft zu spalten und zu lähmen. Die selbsternannten Scharfrichter mit ihren Kalaschnikows wollen jeden das Fürchten lehren, der nicht so lebt, wie sie es hasserfüllt predigen. Die Angst soll sich wie ein Schatten über unseren Alltag legen, in unser Bewusstsein sickern und unsere Lebensfreude trüben.

Genau das dürfen wir nicht zulassen. Denn der Tod durch Terror ist in Europa keineswegs eine allgegenwärtige Gefahr. Der Weg zur Arbeit, die Fahrt in den Urlaub und jedes zusätzliche Lebensjahr bergen ein weitaus größeres Risiko - durch Unfall oder Krankheit - das Leben zu verlieren. Makaber, aber wahr: Nach den Anschlägen des 11. September 2001 stieg in den USA die Zahl der Verkehrstoten sprunghaft, weil die Menschen aus Angst seltener ins Flugzeug stiegen und sich stattdessen hinters Steuer setzten.

Im schlimmsten Fall verändert die Angst unsere Gesellschaft - nicht nur, weil rigide Sicherheitspolitik immer auf Kosten der Freiheit geht. Sie führt auch zum unpolitischen Rückzug ins Private. Doch wer es nicht mehr wagt, Selbstbestimmung, Solidarität und Toleranz zu verteidigen, hat den Kampf gegen den Terror schon verloren.

Statt Angst ist jetzt Mut gefordert, der sich aus der Gewissheit speist, dass der Terror nicht obsiegen wird. In eben dieser Haltung schreibt der Franzose Antoine Leiris, der mit seinem 17 Monate alten Sohn weiterleben wird, an die Mörder seiner Frau: "Ich weiß, dass sie uns jeden Tag begleiten wird, und ich weiß, dass wir uns wiedersehen - in dem Paradies der freien Seelen, zu dem ihr niemals Zugang haben werdet."

Wir sollten dem Feind nicht in die Hände spielen

leitartikel@swp.de

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28.11.2015, 08:30 Uhr

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