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Buch

Lenin in La La Land

Slavoj Zizek, der Starphilosoph der Neuesten Linken, verkündet den inneren Zerfall des Kapitalismus.

21.03.2019

Von Georg Leisten

Wird heute 70: Slavoj Zizek. Foto: Roger Askew/The Oxford Union/REX/Shutterstock

Kennen Sie den? Sagt ein Arzt zum Patienten: „Die schlechte Nachricht ist, dass Sie unheilbar an Krebs erkrankt sind. Die gute Nachricht: Sie leiden gleichzeitig an Alzheimer und werden die schlechte bald vergessen haben.“

Slavoj Zizek, der an diesem 21. März seinen 70. Geburtstag feiert, gehört nicht zuletzt deswegen zu den bekanntesten Vertretern seiner Zunft, weil er das Leben nicht nur mit Kant und Platon erklärt. Was die Gegenwart umtreibt, verrät dem Philosophen auch die Alltagskultur. Ob nun Hollywoodfilme, Kriminalromane oder ein Arzt-Witz wie oben. Der makabre Spaß über die doppelt fatale Diagnose ist laut Zizek eine zynische Metapher des Neoliberalismus. Denn der verkaufe schlechte Nachrichten regelmäßig als gute. Etwa, indem gekürzte Sozialleistungen als Wahlfreiheit oder als gestärkte Verantwortung des Einzelnen angepriesen werden.

Die Videos, in denen Zizek sich eine marxistisch-psychoanalytische Weltkritik aus dem Bart schüttelt, werden auf Youtube hunderttausendfach geklickt. Schließlich ist der Slowene schon rein äußerlich eine markante Erscheinung. Mit verschwitzten T-Shirts, fettigen Haaren und Bierbauch inszeniert er sich gern als proletarisches Enfant Terrible unter akademischen Kultur-Linken. Die seien mittlerweile in einen „Opportunismus mit Prinzipien“ verfallen, politisches Engagement interessiere sie nicht mehr. Zizek dagegen hat es zumindest mal versucht. In den 90ern kandidierte er bei den slowenischen Präsidentschaftswahlen und errang das, was man einen Achtungserfolg nennt.

In seinem gerade erschienenen Buch „Wie ein Dieb bei Tageslicht“ zitiert der Stardenker der Neuesten Linken den Schwaben Georg Wilhelm Friedrich Hegel, für den der Begriff der „Idee“ auch die Macht zu ihrer Umsetzung enthalten solle. Dabei ist Zizek durchaus bewusst, dass die jüngsten Versuche, zur sozialistischen Tat zu schreiten, gescheitert sind. Tsipras betreibt in Griechenland knallharte Sparpolitik, Chávez installierte in Venezuela ein autoritäres Regime.

Trotzdem, so der Prophet aus Ljubljana, sei es auch um den Kapitalismus nicht gut gestellt. Er zerfalle von innen. Je weiter sich die Wirtschaft (durch Digitalisierung und Personaleinsparung) optimiert, umso mehr gefährdet sie sich. „Ist ein System, das 80 Prozent der Menschen irrelevant und nutzlos macht, nicht selbst irrelevant und nutzlos?“ Als Symptom für die inneren Widersprüche des Kapitalismus wertet Zizek die Aufweichung alter ideologischer Grenzen. Sozialdemokraten haben in Deutschland Hartz IV durchgeboxt, während rechtsnationale Parteien in Polen und Italien oder auch Donald Trump von Arbeitern bejubelt werden. In allen Winkeln dieser verkehrten Welt entdecken Zizeks Tiefenbohrungen ein großes Paradoxon. Selbst im Kino. Das Popcorn-Epos „La La Land“ mit Emma Stone offenbare Lenins Modell der Entscheidung für eine große gesellschaftliche Sache.

Klingt wie ein neuer Witz. Ist es vielleicht auch. Angesichts eines US-Präsidenten, der wie seine eigene Parodie agiert, rät Zizek: „Wir sollten uns nicht davor scheuen, diesen humoresken Aspekt selbst in unseren fürchterlichsten Erfahrungen zu erkennen.“ Viele von Zizeks assoziativ verknüpften Thesen sind für das normale Leserhirn zu gedankenschnell geschrieben, so dass man am Ende nicht alles verstanden hat. Aber man hat sich zumindest prima amüsiert.

Info Slavoj Zizek: Wie ein Dieb bei Tageslicht. Fischer, 286 Seiten, 19 Euro.

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Erstellt:
21. März 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
21. März 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. März 2019, 06:00 Uhr

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