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Mit dem Oscar-Winner in Paris auf dem roten Teppich

Leonardo DiCaprio lud die Tübingerin Ingrid Haas zur Filmpremiere von „The Revenant“ ein

09.04.2016
  • Von Sabine Lohr

Paris, Mitte Januar. Vor dem Kino Grand Rex, in dem an diesem Abend die Premiere zu „The Revenant“ zu sehen sein wird, haben sich hinter Absperrgittern mehrere hundert Menschen versammelt. Es herrscht angespannte Ruhe. Bis der große Star aus einer schwarzen Limousine steigt. Leonardo DiCaprio wird mit Kreischen begrüßt und mit einem Blitzlichtgewitter aus hunderten Handys. Lächelnd schreitet er auf dem roten Teppich das Gitter ab, gibt da und dort ein Autogramm, lässt sich sogar mit einem der Schaulustigen für ein Selfie ablichten.

Im Schlepptau hat der Hollywoodstar an diesem Abend eine Blondine. Ingrid Haas heißt sie, lebt im Tübinger Luise-Poloni-Heim und ist 95 Jahre alt. Sie geht hinter DiCaprio, Arm in Arm mit ihrem Enkel Lukas Haas. Der ist der beste Freund von Leonardo DiCaprio. Die beiden seien wirklich sehr, sehr eng befreundet, sagt sie. Nicht nur, dass sie im selben Haus wohnen, sondern „sie machen alles zusammen. Sie sind wie Brüder.“ Nur sei Lukas hübscher als Leo. „Der Lukas ist ein ganz, ganz schöner Kerl“, sagt Ingrid Haas stolz und lacht.

Lukas Haas und Leonardo DiCaprio kennen sich, seit sie Kinder sind. Lukas nämlich ist ebenfalls Schauspieler – auch in „The Revenant“ spielt er mit. Sein bekanntester Film ist „Der einzige Zeuge“. Acht Jahre alt war Lukas Haas bei den Dreharbeiten damals. Er spielt den Amish-Jungen Samuel. Hauptdarsteller war Harrison Ford. Wie Lukas aber den anderthalb Jahre älteren Leonardo DiCaprio kennengelernt hat, weiß Ingrid Haas nicht. „Darüber reden wir in der Familie gar nicht, das ist einfach so, dass die beiden enge Freunde sind – und es war immer so“, sagt Andreas Haas. Er ist der Onkel von Lukas – und Leiter des Fachbereichs Hochbau der Stadtverwaltung Tübingen. „Vielleicht“, sinniert Ingrid Haas, „spielt ja auch die Familienkonstellation eine Rolle. Leonardos Mutter ist ja auch Deutsche.“ Lukas‘ Mutter ist Amerikanerin, eine Opernsängerin und Schauspielerin, die in Berlin Ingrid Haas‘ ältesten Sohn Berthold kennengelernt hat – einen Designer. Die beiden zogen nach Kalifornien, wo Lukas geboren wurde.

Der wünschte sich jetzt, noch einmal eine Reise mit seiner Oma machen zu können. „War das so?“ fragt Ingrid Haas ihren Sohn Andreas. „Jaja, der wollte das. Lukas mag seine Oma wirklich sehr.“ Weil das so ist und „der Leo vor zwei Jahren ja seine geliebte Oma verloren hat“, wie Ingrid Haas weiß, haben die beiden sie einfach eingeladen. Zusammen mit ihrer Tochter Rebekka ist die lebhafte Frau zum Treffpunkt nach Rom gereist. DiCaprio hatte dort ein ganzes Hotel gemietet, in dem seine Gäste und die ganze Crew – zusammen rund 60 Leute – untergebracht waren. Viel weiß Ingrid Haas nicht mehr, aber an die lange Tafel, die fürs Abendessen aufgebaut war, erinnert sie sich noch gut. „Alle, die ganzen 60 Leute, saßen an dieser Tafel.“ Und Ingrid Haas mitten drin. Neben ihr Lukas und Rebekka, ihr gegenüber Leonardo DiCaprio und seine Mutter Irmelin. Nett unterhalten habe man sich, auf deutsch, denn DiCaprio spricht gut deutsch. „Und Lukas ja sowieso.“ Ach ja, und das Essen! „Vom Feinsten, das ging stundenlang.“ Aber sehr, sehr nett sei es gewesen, sie habe sich prima unterhalten.

Ja, und wie ist er jetzt so, der Leo? „Das ist ein ganz arg Netter“, findet Haas. „Ein ganz normaler Kerle, so wie mein Lukas halt auch.“ Aber er sei eben immer arg abgeschirmt. Schließlich könne DiCaprio ja nicht einfach so auf die Straße gehen. Alles müsse deshalb mit einem großen Aufwand organisiert werden, im Hotel seien keine anderen Gäste als die Filmcrew gewesen, und schon der Weg vom Hotelausgang ins Auto müsse abgesperrt sein. Immer seien Bodyguards da. „Der hat da seine zwei eigenen Leute, die immer auf ihn aufpassen.“

Die Bodyguards waren für Ingrid Haas neu. „Ansonsten war das ja nichts Besonderes, ich war das ja durch meinen Mann gewöhnt, den ganzen Trubel und so.“ Ihr Mann – das war Siegfried Haas, der Rottweiler Maler und Bildhauer. Er hat unter anderem das Innere der St. Petrus- Kirche in Lustnau gestaltet. Auch die Skulptur im Garten des Luise-Poloni-Heims ist von ihm. Vor fünf Jahren ist er gestorben, mit 89 Jahren.

Aber zurück nach Rom. Nach dem Frühstück dort wurde die ganze Crew in Limousinen gepackt und zum Flughafen gefahren. Und dann erlebte Ingrid Haas den schönsten Flug ihres Lebens – in DiCaprios Privatflugzeug, in der kleinen, familiären Gruppe mit Leonardo DiCaprio und seiner Mutter, Lukas und Rebekka Haas sowie dem Regisseur des Films Alejandro González Iñárritu. „Hach, da waren so Sessel und alles war ganz bequem und geräumig. Und einmal sind die beiden Kerle hinterm Vorhang verschwunden, da mussten sie vielleicht mal pinkeln.“

In Paris standen schon die Tesla-Limousinen bereit, um die Fluggäste zum Hotel zu bringen. Ein sehr schönes Zimmer habe sie dort gehabt, sagt Ingrid Haas. Und Andreas Haas erzählt, dass auch seine Schwester Rebekka schwer beeindruckt gewesen sei. „Sie ist Filmemacherin und mit einem Schauspieler verheiratet. Die sind oft in richtig guten Hotels. Aus Paris schrieb sie, dass sie in so einem Hotel noch nie gewesen ist.“ San Régis heißt der barock ausgestattete Fünf-Sterne-Prachtbau in der Champs Elysées, den Ingrid Haas schlicht als „sehr schön“ bezeichnet.

Am Abend fuhr sie dann in einer der 20 Limousinen im Konvoi zum Kino, schritt an Lukas‘ Arm auf dem roten Teppich hinter Leo und wunderte sich über das Geschrei. „Mensch, die schreien doch nicht meinetwegen“, habe sie gedacht. Rebekka Haas filmte mit ihrem Handy und schickte die Videos an ihren Bruder. Der zeigt die kurzen Sequenzen – DiCaprio im hellen Anzug, lächelnd, dahinter Lukas mit seiner Oma, die etwas angespannt aussieht. Er hat sogar ein Foto von Leonardo DiCaprio und seiner Mutter. Aber das rückt er nicht heraus, denn DiCaprio wolle nicht, dass diese Bilder veröffentlicht werden.

Im Kino saß Ingrid Haas neben ihrer Tochter und versuchte, dem Film zu folgen. „Der war auf Englisch, aber das verstehe ich nicht“, sagt sie. Das sei aber egal gewesen, denn die Bilder hätten sich ihr auch so erschlossen. „The Revenant“ sei ein sehr guter Film, „aber ich kann nicht sagen, dass ich nicht schon gleich gute Filme gesehen habe.“ Immerhin hat DiCaprio für seine Leistung in diesem Fall aber den Oscar bekommen. „Ja“, sagt Ingrid Haas und lacht. „Das hab ich auch erst von meiner Tochter erfahren, dass er schon so lange auf einen Oscar gewartet hat.“ Dann winkt sie ab und erzählt, dass das Publikum geklatscht hat, als Leonardo Di Caprio das Kino betrat. „Und bei Lukas haben sie auch geklatscht.“

Was nach der Vorstellung geschah, weiß Haas nicht mehr. „Wahrscheinlich gab es eine Party, aber ich glaube, Rebekka und ich sind zurück ins Hotel.“ Lukas und sein allerbester Freund reisten am nächsten Morgen ab, Ingrid Haas und ihre Tochter blieben noch einen Tag in Paris und flogen dann nach Istanbul, wo Rebekka Haas lebt.

War diese ganze Reise nicht anstrengend? „Ach“, sagt die lebhafte 95-Jährige, „weiß ich nicht. Sie war einfach schön.“ Körperlich jedenfalls sei alles kein Problem gewesen. „Ich mache ja immer noch Yoga.“ Und auch den Rummel sei sie gewöhnt. „Vielleicht wird man so, wenn man acht Kinder hat“, sagt sie und zuckt die Schultern.

Ihren kalifornischen Enkel sieht Ingrid Haas voraussichtlich nächstes Jahr wieder, wenn er nach Rottweil kommt. Alle vier bis fünf Jahre trifft sich dort die weit verstreute Familie – und Lukas kommt immer dazu. „Er kommt gern nach Rottweil“, sagt Ingrid Haas. Auch „der Leo“ habe schon oft mal mitkommen wollen. Einmal habe es fast geklappt, dann aber doch wieder nicht. „Man muss halt sehr viel organisieren“, gibt Andreas Haas zu bedenken. „Aber wenn er kommen will, machen wir das.“

Ob die beiden Brüder von Lukas, die Zwillinge Simon und Nikolai Haas, dann auch mitkommen, ist ungewiss. Denn auch sie sind dauernd beschäftigt. „Die werden noch sehr berühmt oder sind es schon“, sagt Andreas Haas. Designer sind die beiden, für Möbel mit bronzenen Schnörkelfüßen und Fell, Gefäße, die aussehen wie Meeresbewohner, bunte Skulpturen aus kleinen Perlen, Kleidungsstücke und Schmuck für Versace. Auch das „Fleischkleid“, in dem Lady Gaga 2010 bei der Verleihung des MTV Video Music Award für Aufsehen sorgte, haben die Zwillinge gestaltet – es besteht aus rohem Rindfleisch.

Eine richtige Künstlerfamilie also sind die kalifornischen Haas‘. Aber auch einige der anderen sieben Kinder von Ingrid Haas haben eine künstlerische Karriere gemacht. Da gibt es Filmemacher und Sänger, Designer, Komponisten und Musiker. Fast scheint es, als sei Andreas Haas als Leiter des Tübinger Fachbereichs Hochbau und Gebäudemanagement etwas aus der Haas’schen Art geschlagen. Ist er aber nicht. Auch er hat eine Künstler-Karriere hinter sich. Er hat in den 1970er-Jahren zusammen mit seinen Brüdern Clemens und Konrad die Band „Steinwolke“ gegründet, zu der später noch sein Adoptiv-Bruder Dominic Dias und der Leonberger Uli Schmid stießen. Bekannt wurde die Gruppe mit dem Neue-Deutsche-Welle-Lied „Katherine“– der Hit war so erfolgreich, dass die Gruppe eine ganze Weile von ihrer Musik leben konnte. 1985 stieg Andreas Haas aus und studierte Architektur.

„Seine Frau hat die Yoga-Kurse in Rottweil übernommen, die ich gegeben habe. Das freut mich so arg“, sagt Ingrid Haas. Dann denkt sie wieder zurück an Paris und findet: „Wenn ich’s im Nachhinein überlege, war es doch etwas Besonderes. Aber dort hab ich das nicht so empfunden.“

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09.04.2016, 01:01 Uhr

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