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Leitartikel Digitalpakt

Lernen mit Zukunft

Jetzt können sie also kommen, die Computer, Tablets und Programmier-Stunden für Deutschlands Schulen.

22.02.2019

Von ULRIKE SOSALLA

Ulm. Jahrelang hat die Debatte um den Digitalpakt die Bildungspolitik in Deutschland beschäftigt, denn es geht um viel: Es ist der Versuch, die Schüler fit zu machen für die Zukunft.

Aber ist es der richtige Weg, um diesen hohen Anspruch einzulösen? Natürlich brauchen Schüler Grundkenntnisse im Umgang mit Computern und digitalen Medien ebenso wie eine solide Grundlage in Mathe und Naturwissenschaften. Doch bringt es den künftigen Erwachsenen entscheidende Vorteile für ihre Zukunft, vorrangig auf digitale und mathematisch-naturwissenschaftliche Kenntnisse zu setzen, wie es die deutsche Bildungspolitik seit zwei Jahrzehnten unverdrossen tut?

Die Frage ist nicht einfach zu beantworten, denn es ist ja die hervorstechende Eigenheit der Zukunft, dass sie sich unseren Vorhersagen so kapriziös entzieht. Wenn wir auf unseren kulturellen Erfahrungsschatz zurückgreifen, dann meinen wir die vergangenen 200 Jahre – jene westliche Moderne, die wir in unserem Kulturkreis als Gegenwart wahrnehmen und zu deren Bewältigung unter anderem die Schulpflicht erfunden wurde. Das hervorstechendste Merkmal dieser Epoche sind bahnbrechende technische und kulturelle Umwälzungen, quasi eine einzige konstante Veränderung – und zwar in zunehmendem Tempo. Das heißt: Rezepte aus der Vergangenheit veralten immer schneller.

Der Fixierung der Bildungspolitik auf Mint-Fächer könnte es ähnlich ergehen. Unter dem Druck der Wirtschaftsverbände, die jetzt gerade einen Mangel an Ingenieuren, Informatikern und Physikern beklagen, werden Bildungspläne neu geschrieben und zusätzliche Fächer erfunden. Häufig, zu häufig, mündet das darin, dass Schüler noch mehr Faktenwissen lernen müssen, das sie für Arbeiten in sich hineinfressen und anschließend rückstandslos vergessen.

Dabei brauchen die Schüler von heute angesichts der Ungewissheit, die sie in der Welt draußen erwartet, vor allem drei Dinge: die Lust am Weiterlernen, die Fähigkeit, Probleme zu lösen und eine geistige Unerschrockenheit, die auch als Kreativität bekannt ist – den Mut, eingetretene Pfade zu verlassen und eine eigene Idee zu verfolgen. Es ist keine allzu gewagte Behauptung, dass vor allem Letzteres in unserem Bildungssystem eher bestraft als gefördert wird. Als gute Schüler gelten immer noch jene, die für Klassenarbeiten viel und schnell auswendig lernen können, ihre Hausaufgaben klaglos erledigen und morgens pünktlich sind – Fähigkeiten, die die gerade untergehende Industrie- und Fabrikgesellschaft brauchte.

Wenn es aber stimmt, dass in unserer Zukunft lernende Maschinen und allgegenwärtige Algorithmen warten, dann brauchen wir mehr Menschen, die gerade keine sturen Rechner sind. Dann muss der Homo sapiens sich auf das Wertvollste besinnen, was er hat: seinen Erfindergeist, seine Ideen, seine Fähigkeit, zu denken, was noch niemand vor ihm gedacht hat. Kurz, die Zukunft nicht einfach geschehen zu lassen, sondern sie zu formen.

leitartikel@swp.de

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Erstellt:
22. Februar 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Februar 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Februar 2019, 06:00 Uhr

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