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Letzte Ausfahrt Wirklichkeit

„When the music’s over, turn out the light“, tönten die Doors morgens um halb vier Uhr aus den Lautsprechern. Die Partys im Studentendorf waren berüchtigt, und danach war längst nicht Schluss. Wir zogen zum Tütensuppenimbiss in der Wohnheimküche und tranken noch ein Bier, bis der Morgen über dem Fichtenweg heraufzog. Leben im Studentendorf Waldhäuser-Ost – meine Insel zwischen Zivildienststress und Berufsalltag. Ich wohnte im Hochhaus, zweiter Stock, hinten links.

11.09.2010

„When the music’s over, turn out the light“, tönten die Doors morgens um halb vier Uhr aus den Lautsprechern. Die Partys im Studentendorf waren berüchtigt, und danach war längst nicht Schluss. Wir zogen zum Tütensuppenimbiss in der Wohnheimküche und tranken noch ein Bier, bis der Morgen über dem Fichtenweg heraufzog.

Leben im Studentendorf Waldhäuser-Ost – meine Insel zwischen Zivildienststress und Berufsalltag. Ich wohnte im Hochhaus, zweiter Stock, hinten links. Irgendwie mochte ich diese Betonklötze aus den 1970er-Jahren, die damals noch rostrot in die Landschaft ragen. Winzige Zimmer. Neun Quadratmeter Tübingen – heute würde ich das keine zwei Wochen aushalten. Auf dem Balkon neben der Küche stapelten sich leere Flaschen. Deutschland wurde Fußballweltmeister, so begann 1990 meine Sozialisation vor dem betagten Stockwerksfernseher.

Acht Leute teilten sich Küche und Bad. Manchmal denke ich an die Sommernächte, in denen wir auf dem Balkon über Gott und die Welt plaudernd verhockten. Die Winterabende, an denen wir gemeinsam kochten. Ich wüsste gern, was aus den Mitbewohnern von damals geworden ist: Lutz, der Eigenbrödler mit den Kanarienvögeln, Stefan, der Koch, der auf Jura umsattelte, und den alle wegen seines Lerneifers bewunderten. Manche trifft man nach Jahren mit Kind und Kegel wieder oder findet Lebenszeichen im Internet, andere sind verschollen.

Hippie Tanya aus Oregon schickte später noch einen Kettenbrief, den ich ignorierte. Und Jessica aus Montreal begann in Tübingen ihre Musiker-Karriere. Die Gast-Studis aus Übersee kamen und gingen. Bei Tee und Keksen in der Wohnheimküche war man schnell im Gespräch, aber ebenso schnell waren sie wieder abgereist. Wer länger blieb, engagierte sich vielleicht in den studentischen Gremien. Dann war WHO bald ein richtiges Dorf mit Tratsch, Konflikten, mittelschweren Affären. Die Sorgen holte der Kuckuck, so heißt die selbstverwaltete Hausbar im Fichtenweg bis heute. Ich habe ehrenamtlich Feste mitorganisiert und mit dem alten Projektor im Gemeinschaftssaal Filme gezeigt. Das Studium kam zu kurz, weil ich auch noch jobben musste: In Derendingen Pakete verpackt, in Dußlingen Korrektur gelesen. Ich hatte genug zu tun, Hausarbeiten schrieb ich nachts.

„This is the end“ – irgendwann war die Wohnzeitverlängerung abgelaufen, und ich musste ausziehen. Die Doors liefen beim Abschiedsfest. Letzte Ausfahrt Wirklichkeit – ich war immer noch jung, das Leben war immer noch ein Abenteuerspielplatz. Die Kontakte rissen ab. Die Welt drehte sich weiter, erst wie ein Wirbelwind, später eher im Zeitlupentempo. WHO-geprägt, hält man einiges aus. Manchmal lege ich die Doors auf und denke ans Studentendorf. Und wenn die Musik vorbei ist, mache ich das Licht aus. Matthias Reichert

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11.09.2010, 12:00 Uhr

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