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In die Wiege gelegt bekommen

Letzte Chance für jungen Dealer / 37.919 Konsumeinheiten verkauft

„Allerallerletzte Chance“ für 21-jährigen Dealer: Bei dem Jugendschöffengerichtsprozess ging es gestern in Rottweil um 55 Fälle von Handel mit insgesamt mindestens zwei Kilogramm Marihuana. Der vierfach Vorbestrafte kam mit einer Jugendstrafe von zwei Jahren davon, die auf drei Jahre Bewährungszeit ausgesetzt wurde.

18.12.2014
  • Cornelia Addicks

Empfingen/Sulz/Rottweil. Dass es sich hier um einen „äußerst schwierigen Fall“ handelt, darüber waren sich alle Verfahrensbeteiligten einig. Nicht beim Sachverhalt: Der junge Mann gab unumwunden zu, das ganze Jahr 2013 und auch noch Anfang Januar 2014 von einem Empfinger Dealer fast wöchentlich Marihuana gekauft zu haben. Meist waren es 25 Gramm, fünf Mal blätterte er aber auch zwischen 1200 und 2000 Euro hin für Mengen zwischen 185 und 400 Gramm des Rauschgifts mit einem laut Gutachten hohen THC-Gehalts von über 14 Prozent. Die Übergaben erfolgten am Friedhof oder in der nahe gelegenen Wohnung des Dealers.

„Zwischen 20 und 30 Prozent“ habe er davon selbst konsumiert, sagte der Angeklagte, der immer wieder zu weinen begann. Den Rest hat er an fünf Abnehmer in der Raumschaft Sulz weitergegeben. Der Dealer hatte bei der Polizei angegeben, es habe sich um „fünf bis sechs Kilo“ gehandelt, wie der Kriminalbeamte aus Freudenstadt in seiner Zeugenaussage berichtete.

Insofern lag der Fall eigentlich klar, wie Staatsanwalt Markus Wagner feststellte. Da der Angeklagte bereits eine zur Vorbewährung ausgesetzte Gesamtstrafe von einem Jahr „mitbrachte“, sehe er keinerlei Möglichkeit, auf eine Strafe von zwei Jahren, die noch zur Bewährung aussetzbar wäre, zu plädieren. Schließlich habe es sich bei dem Handel, der Erwerb wurde vorläufig eingestellt, um insgesamt 37.919 Konsumeinheiten. Der Angeklagte würde den schwunghaften Handel schon seit Oktober 2011 betreiben, ohne sich von den Vorverurteilungen beeindrucken zu lassen. Eine der Vorstrafen beinhalte auch noch den Diebstahl eines Fernsehers aus einem Hotelzimmer.

Auf der anderen Seite meinte Wagner, der Angeklagte müsse einem letztendlich leidtun. Laut den Berichten des Bewährungshelfers und der Jugendgerichtshilfe und auch seinen eigenen Angaben, habe er bereits mit elf Jahren gemeinsam mit der Mutter Alkohol und Cannabis konsumiert. Der zur Tatzeit Heranwachsende hatte es so formuliert: „Es ist mir so in die Wiege gelegt worden“. Die Scheidung der Eltern, zahlreiche Umzüge und Schulwechsel sowie Schläge von einem Stiefvater hatten zu einer schweren Kindheit beigetragen. Auch mit der Ausbildung klappte es nie so richtig, trotz mehrerer Versuche.

Doch seit er mit einer sechs Jahre älteren Frau liiert ist, seit der Geburt des Sohns im Januar 2014, habe sich viel gebessert. So war das letzte Drogenscreening negativ, wie der Bewährungshelfer sagte. Einen „Einbruch“ habe es allerdings im Herbst gegeben. Statt Marihuana habe der junge Mann „Kräutermischungen aus dem Internet“ konsumiert. Es folgten eine weitere Entgiftung, ein Suizidversuch und die Diagnose „Burnout“. Doch derzeit sei er deutlich auf dem richtigen Weg, schreibe Bewerbungen, sei für sein Kind da, wie sein Anwalt sagte. „’S Gefängnis wäre' für ihn jetzt das Fatalste, was passieren könnt‘“, meinte der Verteidiger und bat das Gericht um „maximal zwei Jahre“.

„Schwergetan“ hätten er und die beiden Schöffen sich bei der Strafzumessung, erklärte Richter Dr. Matthias Krausbeck nach der halbstündigen Beratung. Die Aussetzung der Jugendstrafe wird von acht Auflagen flankiert, darunter weitere Drogentests und 200 Arbeitsstunden. Bereits bei einem einzigen Verstoß würde die Haft anzutreten sein. Krausbeck machte dem Verurteilten klar, dass es bei der Anwendung von Erwachsenenstrafrecht eine viel höhere Strafe gegeben hätte, vor allem für die fünf Verbrechen „Handel mit nicht geringer Menge“ an Rauschgift“. Mit dem guten Rat „Halten Sie sich!“ endete die Verhandlung. Das Urteil ist rechtskräftig.

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18.12.2014, 12:00 Uhr

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