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Träume einer jungen Frau

Leyla Bouzid aus Tunis präsentiert bei den Filmtagen ihren Debüt-Film

Die Frontsängerin einer fiktiven Indie-Band ist der Star in Leyla Bouzids Debütfilm "A peine j'ouvre les yeux", der zurück in die beklemmende Atmosphäre der Ben-Ali-Diktatur führt. "Alles, was sie tut, ist ein Akt des Widerstands", sagte die 31-Jährige im TAGBLATT-Gespräch.

06.11.2015
  • Dorothee Hermann

Leyla Bouzid aus Tunis präsentiert bei den Filmtagen ihren Debüt-Film
Leyla Bouzid.

Wer Farah auf der Bühne sieht, traut seinen Augen kaum. So weit weg ist sie vom Klischeebild verschleierter arabischer Frauen. Und dann singt sie auch noch Texte, die als systemkritisch verstanden werden können und dabei von poetischer Melancholie sind. Musik und Texte haben Freunde von Regisseurin Leyla Bouzid beigesteuert: der Lyriker Ghassen Amami und der irakische Musiker Khyam Allami. Sie sagte ihnen: "Das ist die Szene, das ist die Stimmung."

Ihre Hauptfigur Farah ist Abiturientin und wirkt so unbezähmbar (oder so naiv), dass ihre Mutter Angst um sie hat und sie am liebsten in der Wohnung einsperren würde. Gespielt von der bekannten tunesischen Sängerin Ghalia Benali, ist die Mutter eine abgesicherte, aber frustrierte Mittelschichtfrau. "Sie hat ihre Träume aufgegeben. Sie verwendet all ihre Energie darauf, ihre Tochter zu schützen", so die Regisseurin.

Die Darstellerin der Farah, Baya Medhaffer, ist Amateurin. Sie war selbst Abiturientin, als Bouzid den Film drehte. Im alten Tunesien gab es tatsächlich solche Bands wie die von Farah, aber immer nur ein bis zwei Monate, sagt Bouzid. Dann bekamen sie Schwierigkeiten. Im Film beginnt es mit kleinen, scheinbar zufälligen Schikanen: Proberäume werden gekündigt, oder es hagelt ein Auftrittsverbot.

Seit dem Arabischen Frühling habe sich die Situation im Land nur teilweise geändert, so die Regisseurin. Sie ist die Tochter des bekannten tunesischen Filmemachers Nouri Bouzid, einem der ersten Publikumspreisträger der Französischen Filmtage.

"Auch jetzt werden Musiker verhaftet." Es gebe eine sehr lebendige Rap-Szene, die argwöhnisch beobachtet werde. "Erst letzte Woche ist ein Rapper festgenommen worden, unter dem Vorwand, er habe einen Joint geraucht." In ihrem Film wird von Anfang an ein Unbehagen spürbar, eine Atmosphäre der Überwachung, die sich langsam steigert. "Jeder wusste genau, was erlaubt ist und was nicht", beschreibt Bouzid die beklemmende Stimmung unter der Diktatur. "Mit einem Unbekannten hätte man niemals über Politik oder über das Land geredet."

Dass der tunesische Ministerpräsident Habib Essid sich eben in Berlin mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier getroffen hat, um über Unterstützung bei der Grenzsicherung, bei der Entschärfung von Sprengstoffen und bei der Seenot-Rettung zu sprechen, begrüßt Bouzid. Es gebe "eine dschihadistische Bedrohung". Der Terror-Anschlag bei Sousse am 26. Juni hatte 38 Tote gefordert. Auch sei Tunesien eines der Hauptrekrutierungsländer für Syrienkämpfer.

Ihre Hauptfigur Farah ist auch ein Beispiel dafür, wie ambivalent selbstbewusste junge Frauen in Tunesien noch immer wahrgenommen werden. Als Farah Mittelpunkt einer Party ist und mit einem anderen tanzt, fühlt sich ihr Freund und Bandkollege, sonst so cool und offen, vorgeführt.

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06.11.2015, 12:00 Uhr

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