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„Liebe auf den ersten Blick“
Maestro mit besonderem Outfit: Dan Ettinger beim Gespräch nach einer Orchesterprobe. Foto: Hanns Horst Bauer
Dirigent

„Liebe auf den ersten Blick“

Der Israeli Dan Ettinger macht eine steile internationale Karriere, hat aber auch mit den Stuttgarter Philharmonikern noch viel vor.

19.04.2017
  • HANNS-HORST BAUER

Stuttgart. Nicht nur seine Musiker lieben ihn, auch das Publikum hat ihn spontan ins Herz geschlossen. Seitdem Dan Ettinger (45) als Chefdirigent und Generalmusikdirektor am Pult der Stuttgarter Philharmoniker steht, kann die Intendanz sich über gut 80 Prozent Auslastung der Abo-Konzerte freuen. Damit das so bleibt, wurde der Vertrag Ettingers, der das Orchester erst in der vergangenen Spielzeit übernommen hat, gleich um fünf Jahre bis 2023 verlängert. Damit kann er den Klangkörper nach seinen Vorstellungen formen und natürlich auch weiterhin an den großen Opernhäusern in aller Welt gastieren.

Herr Ettinger, Sie haben Ihren Vertrag bei den Stuttgarter Philharmonikern um fünf Jahre verlängert. Das scheint dann wohl doch mehr als nur eine „musikalische Affäre“ zu sein, wie Sie es einmal formuliert haben?

Dan Ettinger : Gleich von Beginn an, es war wirklich Liebe auf den ersten Blick, habe ich gespürt, dass dieses Orchester den unabdingbaren Willen zur Veränderung hat, den Willen, sich höher zu positionieren, sich weiter nach vorne zu entwickeln. So etwas ist purer Luxus für einen Chefdirigenten, nicht in einen „Betrieb“ zu kommen, wo man einfach so weiter machen will wie bisher. Deshalb ist es mein Ziel, das Orchester in vertrauensvoller Zusammenarbeit weiter voranzubringen und auch im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten verstärkt international zu präsentieren. Zur Entfaltung von Klang, Stil und Repertoire brauche ich allerdings Zeit und Ruhe, eine weite Perspektive. So etwas passiert nicht in zwei oder drei Spielzeiten.

Hat sich denn der Sound des Orchesters unter Ihrer Leitung in den letzten Monaten verändert?

Ich glaube schon. Meine Klangvorstellungen, die sich aus der Magie des Zusammenspiels heraus entwickeln, sind wohl eher positiv traditionell, kommen, so könnte man es umschreiben, einer Kammermusik mit hundert Leuten nahe. Da bin ich sicher beeinflusst von meinem großen Mentor Daniel Barenboim, aber auch von Furtwängler, Karajan oder Celibidache. Das ist sicher kein aktueller Trend.

Mit welchen Mitteln vermitteln Sie dem Orchester Ihre Klangvorstellungen?

Früher war es mehr körperlich mit Mimik und Gestik. Heute kann ich vieles aus der Lebenserfahrung heraus mit Worten erklären. Mein Dirigat im Konzert ist allerdings auch weiterhin sehr körperbezogen, wobei ich meine Bewegungs-Choreografie überhaupt nicht vorbereite, wie mir manchmal vorgeworfen wird. Die kommt einfach aus der Musik heraus.

Und was sagt Ihr nicht gerade dirigentenspezifisches Outfit über Sie aus?

Ich bin einfach der ich bin.

Wie kamen Sie denn überhaupt zum Dirigieren?

Eher zufällig. Ich habe zunächst an der Israeli Opera in Tel Aviv eine Sängerkarriere als Bariton gemacht, bis man mir eine Stelle als Chordirektor angeboten hat. Zum Glück hatte ich die Chuzpe zu sagen, wenn schon denn schon, dann will ich den Beruf des Dirigenten auch richtig erlernen. So hat es langsam begonnen. Dabei hat mir Daniel Barenboim, der mich als Assistent und Kapellmeister an die Berliner Staatsoper geholt hat, mit auf den Weg gegeben, dass man schon gute zehn Jahre dirigiert haben müsse, um zu verstehen, um was es geht, und sagen zu können: Ich bin ein Dirigent. Und nach zehn Jahren habe ich gemerkt, er hatte Recht. Barenboim war, ist und wird es auch immer sein: meine größte Inspiration.

Wem verdanken Sie Ihre Liebe zur Musik?

Zu Hause habe ich immer klassische Musik und Jazz gehört und natürlich Klavier gespielt, später am Musikgymnasium auch noch Kontrabass. Aber das musikalische Talent habe ich von meiner geliebten Großmutter Erna mitbekommen, die Schauspielerin war und auch Geige gespielt hat. Damit hat sie mit meinem Vater zusammen den Holocaust überlebt. Ihr musikalisches Talent hat sie und meinen Vater im Lager gerettet. Wie genau, darüber haben wir nie gesprochen.

Richard Wagner, dessen kompletten „Ring“ Sie in Mannheim und Tokyo dirigiert haben, ist in Ihrer Heimat Israel nach wie vor verpönt. Ist das ein Problem für Sie?

Der Holocaust ist für uns ein Trauma, das man überhaupt nicht bekämpfen kann. Ich habe nie versucht, Wagner in Israel zu spielen. Wofür? Für einen Skandal? Trotzdem kritisiere ich dieses Tabu, weil wir dadurch eine Riesenlücke in unserer musikalischen Ausbildung haben. Aber eine Riesenlücke hat damit leider auch unser Publikum.

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19.04.2017, 06:00 Uhr

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