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Nachwuchs

Lieber ins Fitnessstudio als zur Sitzung

Es wird schwieriger, junge Führungskräfte für die Verbandsarbeit zu gewinnen. Das liegt auch an zunehmendem Stress und anderen Prioritäten.

21.11.2016
  • DIETER KELLER

Berlin. Ein sprichwörtlicher Bierdeckel genügt dem Vorsitzenden der Wirtschaftsjunioren Deutschland (WJ), Horst Wenske, um den „Markenkern“ dieses größten Verbands von jungen Unternehmern und Führungskräften zu beschreiben. „Mit unserem wirtschaftspolitischen und gesellschaftlichen Engagement übernehmen wir Verantwortung für die Zukunft und geben der Jungen Wirtschaft eine Stimme“, ist darauf gedruckt.

Werbung hat der Verein mit seinen rund 10 000 Mitgliedern dringend nötig, schon weil mit dem 40. Geburtstag grundsätzlich Schluss ist mit der Mitgliedschaft. Wenske selbst ist 38 und nähert sich damit deutlich dieser Schwelle.

„Es ist schwerer geworden, ehrenamtliche Mitglieder zu finden“, ist die Erfahrung des gebürtigen Hamburgers, den das Studium nach Karlsruhe verschlagen hat. Ein Grund: Die Wirtschaftswelt wird immer schnelllebiger und hektischer. Wo Produkte vor 25 Jahren noch einen Lebenszyklus von zwölf Jahren hatten, seien es heute im Schnitt nur noch zwei, in manchen Branchen noch weniger. Neue Medien und Technologien sowie der internationale Wettbewerb lassen Managern immer weniger Zeit zum Nachdenken und zum Engagement.

„Es ist eine getriebene Generation“, beschreibt Wenske die 25- bis 28-Jährigen, in deren Reihen er Nachwuchs sucht. Internet und Smartphone haben den gesellschaftlichen Umgang radikal verändert: „Die neue Generation trifft sich seltener mal zum Kaffeetrinken, sondern in der virtuellen Welt.“ Außerdem setze sie andere Prioritäten. Das Fitnessstudio sei für viele eher angesagt als ehrenamtliches Engagement.

Mund-zu-Mund-Propaganda ist nach seinen Erfahrungen immer noch der beste Weg, um Nachwuchs zu gewinnen. Die direkte Ansprache sei am effektivsten, und dann müssten die Interessenten begeistert werden. So ist er selbst zu den WJ gekommen: Der studierte Informatiker und Physiker gründete schon früh fünf Start-ups in den Bereichen IT, Handel und Marketing. Er wollte sich mit Gleichgesinnten austauschen und so seinen Horizont erweitern – in seinem Freundeskreis war das schwierig.

Entscheidend seien letztlich die anderen Junioren in den 214 Mitgliedskreisen, die sich ihre Schwerpunkte selbst definieren. Als Start-up-Gründer sei er „eher ein Exot“. Viele junge Leute, die mitmachen, stammen aus Familienunternehmen. Hinzu kommen viele Banker.

So schicken Sparkassen regelmäßig Nachwuchs. Die WJ, deren wichtigste Partner die Industrie- und Handelskammern (IHK) sind, organisieren keine Wohltätigkeitsveranstaltungen wie die Rotarier, sondern beschäftigen sich mit konkreten Projekten. Rund 800 gibt es. Derzeit bemühen sie sich häufig um Flüchtlinge. Sie entwickeln auch gesellschaftspolitische Positionen, etwa zur Generationengerechtigkeit, und sehen sich als Sprachrohr für Europa.

Jeder Verein braucht einen Chef – auch der ist nicht leicht zu finden, schon wegen des Zeitaufwands. Bei den WJ ist der Bundesvorsitzende immer für ein Jahr im Amt. Diese Begrenzung ist „Segen und Fluch“, sagt Wenske. Einerseits ist es schwierig, ein solches Ehrenamt zu übernehmen, wenn die Firma und die Familie warten. Andererseits sei es problematisch, in recht kurzer Zeit seine Ziele zu realisieren.

Er selbst hatte sich für dieses Jahr die Neuaufstellung der WJ nach außen und innen vorgenommen. Einerseits gilt es, angesichts rückläufiger Zahlen von Firmengründungen für Unternehmertum und Startups zu werben. Anderseits wollten junge Leute klar wissen, wofür der Verband steht. Daher der Bierdeckel, auf dem auch Ziele wie gesellschaftliches Engagement, politische Beteiligung und internationaler Austausch genannt sind.

Zu den Hausaufgaben gehört, gewachsene Strukturen zu verändern. „Jüngere haben auf Vereinsmeierei nicht so viel Lust“, sagt er mit Blick auf Vorstandssitzungen, die schon mal acht Stunden dauern können. Sie zu verschlanken ist eine der Herausforderungen. „Ich wollte ursprünglich nie Bundesvorsitzender werden“, meinte er, obwohl ihm anmerken ist, wie engagiert er bei der Sache ist.

Auch sein Nachfolger, der den WJ-Vorsitz Anfang 2017 übernimmt, kommt aus Baden-Württemberg: Alexander Kulitz, in diesem Jahr sein Stellvertreter, arbeitet in der Geschäftsleitung des von seinem Großvater gegründeten Familienunternehmens in Senden bei Ulm. Bei ihm hat ehrenamtliches Engagement Familientradition: Sein Vater Peter Kulitz tritt gerade als langjähriger Präsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags ab.

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21.11.2016, 06:00 Uhr

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