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Lieber vorsorgen 
als später für viel Geld heilen
Bei dem Brand bei BASF in Ludwigshafen sind zwei Mitglieder der Werksfeuerwehr ums Leben gekommen. Im Jahr 2015 endeten 470 Arbeitsunfälle tödlich. Foto: Bildquelle
Unfallversicherung

Lieber vorsorgen als später für viel Geld heilen

Nur spektakuläre Arbeitsunfälle machen Schlagzeilen. Die Berufsgenossenschaften kümmern sich aber um viel mehr.

29.10.2016
  • DIETER KELLER

Berlin. Bei der BASF in Ludwigshafen sind die Mitarbeiter bis hinauf zum Chef immer noch geschockt von der Explosion, bei der vor zwei Wochen zwei Mitarbeiter der Werksfeuerwehr und ein Arbeiter auf einem Schiff starben. „Die BASF trauert“, betonte der Vorstandsvorsitzende Kurt Bock. Es war auch ihm anzusehen.

Solche Arbeitsunfälle mit tödlichem Ausgang sind zum Glück selten – und doch häufiger, als mancher annehmen dürfte: Im vergangenen Jahr waren bundesweit 470 zu beklagen. Das waren zwar 13 weniger als 2014, aber 15 mehr als 2013. Das zeigt die Statistik der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), des Spitzenverbands der neun gewerblichen Berufsgenossenschaften (BG) und der 32 Unfallversicherer der öffentlichen Hand.

Risiko nimmt ab

Dieser Zweig der gesetzlichen Sozialversicherung steht weniger im Fokus der Öffentlichkeit als die Renten- und Krankenversicherung, schon weil die Beiträge allein die Arbeitgeber tragen müssen. Aber auch die BGen bewegen viel Geld. 2015 waren es rund 10,8 Mrd. EUR. Dazu kamen 1,5 Mrd. EUR bei den Unfallkassen der öffentlichen Hand, die unter anderem für Unfälle in Kitas, Schulen und Universitäten zuständig sind.

Die Ausgaben nahmen zwar leicht zu. Aber angesichts der gestiegenen Beschäftigung und von mehr Arbeitsstunden ist das Risiko, einen Arbeitsunfall zu erleiden, weiter gesunken, betont DGUV-Hauptgeschäftsführer Joachim Breuer. Vor 20 Jahren habe es pro Arbeitsstunde noch etwa doppelt so viele Unfälle gegeben. „Dieser konstante Rückgang ist bemerkenswert.“ Insgesamt wurden 2015 rund 866 000 Arbeitsunfälle gemeldet, ein halbes Prozent weniger als im Jahr zuvor. Hinzu kamen 178 000 Unfälle auf dem Weg zur Arbeit und zurück.

Drei Kernaufgaben

Der Unfall bei der BASF zeigt, dass immer wieder eine der zentralen Aufgaben der BGen nicht gelingt: die Vorbeugung. Mit großem Aufwand versuchen sie zu vermeiden, dass es zu Schäden kommt. Wenn doch, kümmern sie sich um die Rehabilitation der Opfer und die Entschädigung. Dafür unterhalten sie unter anderem eigene Unfallkrankenhäuser, eines davon in Ludwigshafen in der Nähe der BASF.

Den Arbeitgebern bringt dieses System einen großen Vorteil: Sie müssen nicht für Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten haften, solange sie alle Vorgaben eingehalten haben. Zahlen muss immer „die BG“. Es gibt keine spektakulären Prozesse gegen Firmen wie in den USA. Die Beiträge orientieren sich an der Höhere der Löhne und am Schadensrisiko des Unternehmens: Am Schreibtisch ist es geringer als in der Produktion.

Wenn die Fachleute der DGAV über den Arbeitsschutz von morgen nachdenken, fallen ihnen nicht nur neue Themen ein, sondern auch Dauerbrenner wie der Lärm. Das zeigt eine Befragung von 400 Arbeitsschutzfahrleuten über die „10 Top-Trends“. Insbesondere die ständigen Geräusche im Hintergrund werden immer mehr zum Problem. Daneben müssen sich die Arbeitsschützer zunehmend mit Bewegungsmangel in der Freizeit und ungesunder Ernährung beschäftigen. Die sind zwar Privatsache und eigentlich nicht ihr Bier. Doch sie wirken sich immer stärker auf die Arbeitsfähigkeit aus.

Zudem wird die Abgrenzung von Arbeit und Freizeit immer komplizierter. Dafür hat schon in den vergangenen Jahren die zunehmende Heimarbeit gesorgt, neudeutsch „Home office“ genannt. Die BG kontrolliert auch, ob dort der Arbeitsplatz ihren Anforderungen entspricht. Da gibt es leicht schwierige Grenzfragen: Wenn eine Heimarbeiterin über das Spielzeug ihres Kindes stolpert – ist das ein Arbeitsunfall, für den die BG zahlen muss?

Daneben machen sich Unfallschützer schon vorsorglich Gedanken über die Industrie 4.0 und ihre Folgen: Arbeitsverdichtung, Erreichbarkeit und Kontrolle durch Informationstechnologien, Sie alle bergen neben Chancen auch erhebliche Risiken für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit. „Wir sollen aktiv werden, bevor uns Arbeitsunfälle, Berufskrankheiten und gesundheitliche Beschwerden unmissverständlich zu verstehen geben, dass es da ein neues Problem gibt“, sagt der Leiter der Umfrage, Dietmar Reinert: Lieber vorsorgen als hinterher – für viel Geld – heilen.

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29.10.2016, 06:00 Uhr

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