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Aurelia liebt Tagolf

Lieblich-kriegerische Römerspiele lockten Tausende

Ort der Vergnügung für viele Besucher, Tummelplatz für geschichtsbegeisterte Römer-Liebhaber: Die Anlage von Stein bei Hechingen war am Wochenende ein riesiges Feldlager. Der Förderverein hatte zum Römerfest geladen – einem der größten im ganzen süddeutschen Raum.

20.08.2012
  • Jürgen Jonas

Hechingen. Ein Feldlager von Römern und Alamannen: Die Villa rustica bei Hechingen-Stein mit ihren rekonstruierten Gebäuden war am Wochende voll mit Römern und Alamannen, Uniformen, Zelten, Handwerkerständen, Speiselokalen, einfallsreichen Vorführungen. Nur Schatten war absolute Mangelware.

Wetterobergott Jupiter zeigte sich einige Thermometergrade zu günstig, Aurora, Göttin der Morgenröte, kündigte schon am frühen Samstagmorgen das Kommen ihres Bruders Sol an, der im Überschwang von hoch droben eine Überdosis Sonnenbestrahlung abdrückte. Der Förderverein „Römisches Freilichtmuseum Hechingen-Stein“ hatte, wie alle zwei Jahre, seine „Römerspiele“ angesetzt. Motto diesmal: „Hochzeit in der Römervilla“.

Aufwendig und farbig wie immer, mit internationaler Beteiligung, aus Italien, der Schweiz und Österreich waren Uniformträger angereist. Gar nicht so einfach für die Besucher, alles aufzunehmen, was Programm und Informationsangebot hergaben. Der unermüdlich für die Anlage tätige Fördervereins-Vorsitzende Gerd Schollian schätzte die Zahl der Besucher auf „zwischen zwei- und dreitausend“, am ersten Tag weniger als im letzten Jahr. Folge der Bruthitze.

Leider trat am Samstag eine wesentliche Stockung im Programm ein, weil der Bus der Italiener, in der Nacht losgefahren, in einen Unfall verwickelt wurde. Die Darsteller der „LEG I Italica“ aus Venetien, einer erfahrenen und vielköpfigen Gruppe, trafen um etliches verspätet ein.

„Das störte den runden Ablauf der Dinge“, wie Willi Pooch sagte, der gleich am Eingang am Informationsstand gemeinsam mit seiner Frau Helga die Besucher in den Bezirk einwies und den Lageplan der Stände zeigte – und dazu, als Beisitzer im Vorstand des Fördervereins und Führer durch die Anlage, mit sachkundigen Informationen aufwarten konnte. Er zeigte die Wege zu den Heerlagern der Alamannen und der Römer.

Und wusste, wo Töpfer, Schmied, Färberin und Filzerin ihre Handwerkskünste zeigten: neben dem Schuhmacher und dem Schmuckhersteller. Geduldige Esel trugen Kinder durch die Menge spazieren römisch gewandete Reiter waren auf stolzglänzenden Pferden unterwegs. Auch der Kinderspielbereich, „Remise“ benannt, wo die Kleineren antike Spiele kennenlernen oder Mosaiken legen konnten, war gut frequentiert.

Auch das „Puppentheater aus der Suppengasse in Rottweil“, das vielen Kindern und Erwachsenen ein paar Stückchen aus der äsopischen Fabelwelt nahe brachte, etwa wie der listige Fuchs dem Raben ein großes Stück Käse abluchst. Rein auf Kommerz ausgerichtete Rittermarktbeschicker sind in Stein nicht so erwünscht: „Bei uns ist alles Eigenregie durch Mitbürger, die ehrenamtlich arbeiten“, sagte Willi Pooch.

Kern des Programms war die Hochzeit: die Begebenheit spielt zu der Zeit, als die Herrschaft der Römer langsam zu Ende ging. Dafür hatte man ein Drehbuch angelegt, in Kooperation zwischen Stefan Bernau, Marco Zanchini und Gerd Schollian. Etwa 230 nach Christus: Alamannen ziehen umher, plündern, brandschatzen, morden. Fallen hinter den Limes ein. Die Verwalterin der Villa, die schöne, reiche Aurelia, heiratet dennoch einen Alamannen, Tagolf mit Namen, der später Tailfingen gründete.

Ebo, auf den Ebingen zurückgeht, und Truchtolf, welcher Trochtelfingen auslöste, sind abgewiesen. Ärgern sich und werden gewalttätig. Am Ende der feierlichen Trauung ertönt der Schreckensruf: Ebo kommt. Seine Männer haben sich zu einem Überraschungsangriff versammelt. Drängen unter Anfeuerungsgeschrei vor, auf die Treppe zu, die zur Villa führt. Da geht es zur Sache, Schwerter schlagen heftig auf Schilde, Speere fliegen. Angreifer und Verteidiger arbeiten mit Pfeil und Bogen.

Doch die Ordnungsmacht funktioniert noch: von drei Seiten strömen, in strenger Ordnung, römische Soldaten herbei und bringen die Meute in Gewahrsam. Der Ansager meldet den Augenzeugen: Der frevelhafte Angriff ist abgeschlagen, die Villa gerettet. Die Verwundeten werden im Lazarettzelt versorgt, mit den Methoden aus der Zeit des dritten Jahrhunderts, kein schöner Anblick, trotz der Beteiligung der sachkundigen Hilfskräfte vom DRK-Landesverband. Anschließend ziehen die Legionäre in Ehrenformation über das Gelände. um den Gästen zu zeigen, welches strenge Exerzierreglement die Römer einst ausübten.

Eine Gruppe schöner Frauen führt auf den Mauern einen Amazonentanz vor, mit Schwertern und Waffen hantierend, zu einer Musik, die Vereinsmitglied Günther Ruff extra komponiert hatte. Dann eine Szene aus dem geheimnisvollen Isis-Kult, eine prachtvolle Prozession mit dem goldenen Schild und der großen Barke. Der langgeschnäbelte Gott Anubis und die von einem Federschirm geschützte Isis stehen im Mittelpunkt, Priester und Schlaginstrument-Musikanten folgen, Feuerschale und Räucherwerk sind im Spiel.

Auf Deutsch kommentiert von Marco Zanchini, dem Leiter der italienischen Gruppe, mit dem ein sehr gut aufgelegter Schollian denn auch dankbar eine große Cervisia trank. Insgesamt 200 Akteure trabten übers Gelände, aus Augsburg angereist, aus Welzheim, aus Bisingen, Tübingen, aus der Schweiz und Österreich, die in Zelten nächtigten.

Der Sonntag begann dann auch, ganz wie geplant, mit dem Einmarsch aller Kostümträger, setzte sich fort mit den Scharmützeln, der Hochzeit, dem Überfall.

Der Erlös der Spiele kommt weiteren Ausgrabungen und dem Ausbau der Gebäude zugute. Für den herrlichen Blick auf die Alb und den Hohenzollern wurde kein Aufpreis verlangt.

Lieblich-kriegerische Römerspiele lockten Tausende
Ja, es ist Liebe! Aurelia (Mitte) und Tagolf (im roten Wams) gaben sich am Wochenende in der Villa rustica in Hechingen-Stein das Ja-Wort. Eine duftende Römerin und ein haariger Alamanne? Das TAGBLATT drückt die Daumen!Bild: Franke

Eine Kräuterfrau vor einem Garten mit römischen Heilpflanzen war dabei, ein Puppentheater auch – und natürlich gab es römische Speisen beim Fest in der Villa rustica am Wochenende: Leckeren Römerteller, Legionärsbohneneintopf, Käse-Trauben-Fladenbrot, Römerwein – und natürlich Mulsum: Der römische Kochbuchautor Marcus Gavius Apicius (lebte um Christi Geburt) eröffnet mit dem Rezept gleich seine ruhmreiche Sammlung „Über das Kochen“. Mulsum, „ein länger haltender Wein, der auf der Straße Reisenden gereicht wird“, geht nämlich so: „Zerstoßener Pfeffer wird mit abgeschäumten Honig und Wein in ein Gefäß getan“. Und, ganz wichtig: „Nur soviel, wie auf einmal getrunken werden soll.“

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20.08.2012, 12:00 Uhr

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