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Viel Kultur-Stoff in der Pausa

Lindenhöfler inszenieren „Empfänger unbekannt“

Der Mössinger Kulturherbst bringt drei Wochen lang fast täglich Kultur-Leben in die Pausa-Bogenhalle. Das Eröffnungs-Theaterstück beschäftigt sich mit einem Thema, das in Mössingen durch die Debatten um den Generalstreik besonders präsent ist: den Anfängen des Nationalsozialismus.

05.09.2012
  • Gabi Schweizer

Mössingen. „Wir wollen ein buntes Programm“, sagt Lindenhof-Intendant Stefan Hallmayer – und es gäbe wohl kaum einen Ort, an dem dieser Satz passender wäre als in den Weiten der Pausa-Bogenhalle, an einem fast verloren wirkenden Konferenztisch zwischen riesenhaften bunten Stoffbahnen, Überbleibseln der ehemaligen Textildruckerei. Mit dem „bunten Programm“ meint Hallmayer in erster Linie dieses: Musik, Schauspiel, Tanz, Literatur und historische Vorträge bieten Kultur-Stoff für Kinder und Erwachsene, für Menschen mit ganz unterschiedlichen Vorlieben.

Umgekehrt bedeutet dies, dass ganz verschiedene Akteure beteiligt sind, mal allein, mal als Team agierend wie beim Eröffnungs-Stück „Empfänger unbekannt“, für das Musikschul-Leiter Wolfgang Schnitzer die Musik geschrieben hat. Sehr elektronisch, verrät er schon mal, mit verfremdeten klassischen Zitaten. Jedenfalls wird er mit dem Laptop auf der Bühne sitzen. Die Tanzeinlagen choreografiert Katja Büchtemann, ihre Tochter Leah tanzt. Wofür übrigens die Vorlage abgeändert werden musste, in der „Griselle“ eine Schauspielerin ist.

Der Generalstreik wird Thema des nächsten Kulturherbstes sein. Der jetzige beschäftigt sich zumindest teilweise mit Recht und Unrecht – und mit den Anfängen der NS-Zeit. Das Eröffnungs-Stück, übrigens eine Premiere, ist eine Inszenierung von Kathrin Kressmann Taylors Briefroman „Adressat unbekannt“, das nun unterm Titel „Empfänger unbekannt“ auf die Bühne kommt. Sie schildert die Freundschaft zwischen Max und Martin, einem jüdischen und einem „arischen“ Kunsthändler, die zerbricht, als Martin aus den USA ins nationalsozialistische Deutschland zurückkehrt und bei der NSDAP Karriere machen will.

Dieses Thema müsse man immer wieder zur Sprache bringen und damit Beiträge zum politischen Diskurs liefern, sagt Lindenhof-Intendant Hallmayer – der für sich und seine Kolleg(inn)en zu Recht in Anspruch nimmt, das in der Vergangenheit wiederholt getan zu haben, beispielsweise mit dem Stück über Georg Elser, der Hitler im Alleingang töten wollte. Diese Inszenierung wird zum Abschluss des Kulturherbsts zu sehen sein. Und davor Kleists Kohlhaas – da geht es zwar nicht um die NS-Zeit, aber um Recht und Unrecht.

Die Jugendmusikschule gestaltet mehrere Veranstaltungen. Am 14. September wird die Bogenhalle mit Jazz, Blues und Funk zur „Swinging Pausa“ – nur das Ensemble Dazz, das im Programm angekündigt wird, spielt doch nicht. Zu verstreut leben dessen Mitglieder. Aber von „Ersatz“ mag Jugendmusikschul-Leiter Wolfgang Schnitzer nicht sprechen, wenn er statt dessen das Klezmer-Trio Konesch ankündigt. Bei der Orchester-Matinee treten die Abiturient(inn)en als Solisten auf – so ist es Tradition an der Jugendmusikschule. Für den „All Styles“-Abend haben die Lehrer, alle neben ihrer pädagogischen Tätigkeit „konzertant unterwegs“, ihr jeweiliges Wunsch-Ensemble für ihre jeweilige Wunschmusik zusammengestellt.

Das „kleine, kompakte Theaterle“ (Hallmayer) am hinteren Ende der Bogenhalle ist schon aufgebaut, ausreichend für die 220 zugelassenen Gäste – so groß das Gebäude auch ist mit seiner kargen Industrie-Ästhetik, so streng sind die Brandschutz-Auflagen. Für Mössingen ist es der sechste Kulturherbst und der fünfte in der Pausa – erstmals auf drei Wochen ausgedehnt.

Oberbürgermeister Michael Bulander und die Lindenhof-Crew lobten sich bei der Pressekonferenz ausführlich gegenseitig für die nette Zusammenarbeit. Die in den kommenden Tagen wohl noch intensiviert wird – die Stadt muss beispielsweise herausfinden, was in regelmäßigen Abständen brummt und summt. Ein Kompressor? Aber für was? „Das bauen wir ein“, witzeln die Lindenhöfler. Meinen das wohl nicht so hundertprozentig ernst.

Aber guter Dinge sind sie schon: „Sehr aufgeregt, sehr angefixt“, beschreibt Regisseur und Schauspieler Oliver Moumouris den eigenen und den allgemeinen Gemütszustand: „Wir sind nicht auf der Ruhr-Triennale, aber es hat was von diesem Spirit.“ Und: „Wir sind ins Gelingen verliebt.“ Worunter er auch versteht: Verschiedene Ausdrucksformen schaffen ein Kunstwerk, an dem wiederum die Zuschauer ganz viele neue Seiten entdecken.

Lindenhöfler inszenieren „Empfänger unbekannt“
Vernebelter Blick auf Recht und Unrecht: Der Lindenhof spielt beim Kulturherbst auch Kleists Kohlhaas. Bild: Lindenhof

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05.09.2012, 12:00 Uhr

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