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Stuttgart

Little America

23 000 US-Soldaten und ihre Familien leben in der Region Stuttgart. Über amerikanische Verhältnisse hinter Kasernenmauern, german „Fests“ und deutsche Zurückhaltung.

22.10.2016
  • BARBARA WOLLNY

Stuttgart. Um in die USA zu kommen, muss man sich in keinen Flieger setzen. Eine Fahrt nach Böblingen reicht. Der Grenzübertritt zur dortigen Panzerkaserne – der Verwaltungszentrale aller US-Soldaten in der Region Stuttgart – wird einem allerdings alles andere als leicht gemacht. Papiere müssen vorgezeigt werden, Fingerabdrücke werden genommen, der Pass wird gescannt, das Auto gefilzt. Erst dann darf man die dicken Stahl- und Betonsperren passieren. Der Geruch von Hamburgern und Popcorn liegt in der Luft.

Auf dem Gelände der früheren Wehrmachskaserne heißen die Straßen nicht mehr Herdweg oder Beethovenstraße, sondern Casino oder Colorado Drive. Die Menschen tragen Shorts oder Uniform, die meisten halten überdimensionierte Cola- oder Kaffeebecher in der Hand. Es gibt ein Rathaus und eine Shopping Mall, in der deutsche Brezeln verkauft werden. Die kosten wie draußen 70 Cent, allerdings US-Cent. Auf dem Parkplatz stehen neben Jeeps, Dodges und Pick-ups fast genauso viele Mercedes-, Audi- und BMW-Modelle. Viele Soldaten haben sich den Traum vom deutschen Fabrikat erfüllt.

Ziel: schnell eingewöhnen

Alle zwei Jahre werden die US-Soldaten in der Regel an einen anderen Standort versetzt. Die sogenannten Zivilisten, die für die Armee arbeiten, bleiben drei bis fünf Jahre. Während dieser kurzen Aufenthalte sollen die Armee-Nomaden alles so vorfinden, wie sie es aus der Heimat kennen, um sich möglichst schnell einzugewöhnen.

Neu starten – Familie Miller hat das schon viele Male gemacht. Vater Rob arbeitet in den Kelley Barracks in Stuttgart-Möhringen für das US-Afrika-Oberkommando, Mutter Sarah ist als pädagogische Betreuerin in der Grundschule der Kaserne beschäftigt. Die Kinder Ainsley (7), Alexander (9) und Alena (13) kennen das Leben aus dem Koffer nur zu gut – allein die Älteste kommt bereits auf sechs Umzüge. Für die Kinder sei es ein hartes Leben, sagen die Eltern. Und doch scheint es alternativlos.

Seit knapp zwei Jahren wohnt die Familie nun in Böblingen. Auf dem Areal der Panzerkaserne hat das Quintett eine Fünf-Zimmer-Appartement bezogen. Das sei praktischer als eine Wohnung außerhalb, weil die Wege zur Arbeit und zur Schule kürzer seien. „Aber unsere Freizeit verbringen wir komplett draußen“, sagt Mutter Sarah. Von Deutschland seien sie begeistert: „Wir waren erstaunt, wie grün es hier ist. Und wie familienorientiert. Man fühlt sich überall sicher. Kinder haben mehr Freiheiten als zu Hause und können auch gut allein unterwegs sein.“

Lieblingsessen Flädlesuppe

Der öffentliche Nahverkehr sei fantastisch, finden die Millers zudem. Und auch mit dem Essen haben sie sich angefreundet: Bis auf Peanutbutter, Brown Sugar oder mexikanische Salsas, die in der Mall erstanden werden, wird bei Aldi und Lidl oder direkt auf dem Bauernhof oder Markt eingekauft. Ainsleys Liebelingsessen ist Flädlesuppe, Schwester Alena liebt Weißwurst und Brezeln.

Ihre Stationierung in Europa haben die Millers schon gut genutzt. Sie reisten nach Sizilien, Frankreich und Liechtenstein, besuchten aber auch Rothenburg ob der Tauber oder Nagold. Sie waren in Stuttgarter Museen, in der Wilhelma, auf dem Killesberg und sogar in einer Büsnauer Besenwirtschaft. Ihr Hit aber – und diese Vorliebe teilen sie mit fast allen Landsleuten – sind die deutschen „Fests“ – vom Frühlingsfest bis zum Weihnachtsmarkt und natürlich dem Wasen, den die ganze Familie stilecht in Lederhose und Dirndl gleich mehrfach besucht hat.

Wer als Armee-Angehöriger neu nach Stuttgart kommt, bezieht zunächst in einem Hotel auf dem Kasernengelände Quartier und wird zehn Tage lang auf das Leben im neuen Land vorbereitet. Dazu zählen ein Anti-Terror-Training, eine Unterweisung in Straßenverkehrsregeln sowie in Bus- und Bahnfahren, der Besuch eines deutschen Krankenhauses oder auch Informationen darüber, wie man mit Vermietern und Maklern umgeht. Danach suchen sich die Soldaten mit ihren Familien eine Bleibe – nur 30 Prozent wohnen in den Kasernen. Ob drinnen oder draußen – finanziell macht das kaum einen Unterschied: In beiden Fällen übernimmt die Army die Kosten bis zu einem definierten Limit.

Während die US-Army ihre Präsenz in Deutschland reduziert und viele Standorte ganz aufgegeben hat, wurde in die Region Stuttgart massiv investiert, besonders in die Böblinger Panzerkaserne. Hier wurden 2007 die Garrett-Verwaltungszentrale und 2015 für weitere 65 Millionen Euro ein Schulzentrum gebaut. 1200 Schüler aus allen umliegenden Kasernen werden dort unterrichtet. Derzeitiger Chef der Standortverwaltung ist Commander Glen Dickinson. Zu seinem Job gehört, die deutsch-amerikanischen Beziehungen zu pflegen. Die fünf US-Niederlassungen in der Region Stuttgart grenzen an 16 deutsche Nachbargemeinden an. Dickinson kennt alle Bürgermeister. Man lädt sich gegenseitig zu den jeweiligen Feiertagen ein wie dem amerikanischen Nationalfeiertag am 4. Juli oder jetzt demnächst zu Halloween. Die deutsche Gegenseite bittet zum Neujahrsempfang oder Stadtfest. Der Vater dreier Kinder ist begeistert: „Wir finden, dass die Schwaben sehr freundlich und entgegenkommend sind. Dies hier ist die bisher beste Station in meiner Armee-Karriere.“ Die Panzerkaserne sei nicht direkt ein Stadtteil von Böblingen sondern eine eigene Welt, ist unterdessen aus dem Böblinger Rathaus zu hören. Das Verhältnis sei gut, und man sei durchaus aneinander interessiert, aber es seien sehr unterschiedliche Lebenswirklichkeiten – dort in der Kaserne und draußen in Deutschland.

Die Familie Hübschmann hat sich der deutschen Lebenswirklichkeit angenähert. Dafür sorgt Tochter Kenzie (12). Sie spricht als einzige in der Familie fließend Deutsch und hat durchgesetzt, dass sie das Stuttgarter Fanny-Leicht-Gymnasium besuchen darf, während Bruder Kurt (16) in der Highschool auf dem Kasernenareal die Schulbank drückt. Kenzie will Schauspielerin werden. Populär ist sie jetzt schon als einzige Amerikanerin unter 800 Schülern. Mutter Tricia, gelernte Juristin, die durch die vielen Versetzungen ihres Mannes Mark an eine Ausübung ihres Berufs nicht einmal denken kann, wünscht sich auf den Elternabenden immer einen „German Angel“ herbei, der für sie dolmetscht. Das hat bislang auch meist funktioniert.

Integration nicht immer leicht

Doch trotz aller Bemühungen war die Integration in Deutschland nicht immer einfach. Obwohl die Familie schon seit vier Jahren in einem Haus in Möhringen wohnt, kennt sie ihre deutschen Nachbarn nicht. Die Leute seien reservierter, haben sie beobachtet, es gebe keine Grillabende oder Partys für die Nachbarschaft. Andererseits wechselten Deutsche hilfsbereit ins Englische, wenn das nötig sei. Das hätten sie bei Franzosen oder Italienern noch nie erlebt.

So ist Deutschland ist für die Hübschmanns ein Traumland. Sie lieben die entspannten Sonntage, an denen die Läden geschlossen haben, die Museen und ihren neuen Mercedes. Vater Mark, der wie Rob Miller für das Afrika-Oberkommando arbeitet, ächzt nur manchmal angesichts des Verkehrs, wenn er morgens von Möhringen nach Böblingen fährt. Doch von Heimweh keine Spur. „Diesen Sommer haben wir das erste Mal nach Jahren wieder Urlaub in den USA gemacht. Dort hat sich viel verändert. Aber wir haben uns durch unser Leben in Deutschland auch verändert“, sagt Mutter Tricia. „Deutschland könnte uns zur Heimat werden“, schiebt sie hinterher.

Army entscheidet, wo es hingeht

Ob es so kommt, darüber entscheidet am Ende allerdings die Army. Die Angehörigen können nur Präferenzen angeben. Die Hübschmanns würden gern bis 2018 verlängern. Die Millers hingegen sitzen sozusagen schon auf gepackten Koffern. In einigen Monaten geht es für die zur nächsten Station. Zwölf mögliche Zielorte haben sie jüngst zugeschickt bekommen, eine Entscheidung ist noch nicht gefallen. Nur eines ist sicher: Egal, wo es sie hin verschlägt, es wird wieder ein bisschen Klein-Amerika sein.

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22.10.2016, 06:00 Uhr

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