Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Kommentar

Live aus dem Tübinger Säulensaal

Der nach einem langen Tag doch schon etwas abgespannte Dr. Albrecht Kühn im Vollbild, anschließend ein Schwenk hinüber zum rhetorisch gerade voller Inbrunst ausholenden Prof. Dieter Barth. Und dazwischen eine Sequenz, die den vergnügt auflachenden Bruno Gebhardt-Pietzsch zeigt.

12.06.2012

Film ab – so könnte die digital aufgezeichnete Zukunft der Kommunalpolitik in Tübingen aussehen. Jedenfalls wenn hier Schule macht, was OB Boris Palmers Konstanzer Amts- und Parteikollege Horst Frank gerade mit seinem Gemeinderat vorexerziert. Live-Fernsehbilder aus dem Ratssaal soll es dort bald geben.

Mehr Transparenz und Bürgernähe versprechen sich die Beteiligten vom bewegten kommunalpolitischen Bild. Es gelte, das inzwischen schon fast sprichwörtliche Verdrossenheitsverhältnis zwischen Politikern und ihren potenziellen Wählern aufzuknacken. „Parlamentsfernsehen“ heißt das Sendeformat. Ein Titel, der daran zweifeln lässt, dass man sich am Bodensee noch auf dem Boden der Realität bewegt.

Und das nicht nur, weil ein Gemeinderat im staatsrechtlichen Sinne kein Parlament, sondern ein Verwaltungsorgan ist. Die Strategie, mit live übertragenen, langatmigen Debatten über Bebauungspläne die Bindung zwischen Politik und Wählerschaft zu erhöhen, ist per se etwas lebensfern.

Schließlich sind die Einschaltquoten schon bei bedeutenden Bundestagsdebatten reichlich unbedeutend. Und wer schon öfters kommunale Sitzungstage durchgesessen hat, ahnt, dass diese Übertragungen noch weniger als Straßenfeger wirken dürften.

Letzteres liegt dann vermutlich auch daran, dass die beteiligten Laiendarsteller in der Regel nicht aufgrund ihrer Kamerafähigkeit gewählt wurden. Ein starkes Argument, auf dem auch der Datenschutzbeauftragte des Landes seine Kritik an den Live-Übertragungen aus Ratssälen aufbaut: Jörg Klingbeil vermutet, dass die Mitschnitte die Redner beeinflussen könnten, weil sie fürchten, dass ihre rhetorischen Patzer für die Nachwelt festgehalten werden könnten. Gleiches gelte für Gutachter und Verwaltungsmitarbeiter.

Tübingens oberster Verwaltungsmitarbeiter Boris Palmer macht sich selbstredend keine Sorgen bezüglich seiner Kameratauglichkeit. Dennoch sieht er – wie übrigens auch die Verantwortlichen der Nachbarstadt Reutlingen – keinen Bedarf für regelmäßige Live-Sendungen aus dem Rathaus: „Ich persönlich bin der Meinung, dass unsere Debatten in der Regel nicht so spannend sind, dass sie ins Fernsehen müssen. Manche sind allerdings so spannend, dass man unbedingt in der Sitzungssaal kommen sollte.“

Der OB spricht von einer „immer währenden Transparenz“ im Tübinger Rathaus. Aber da irrt er. Zumindest Live-Übertragungen mit einer Röntgen-Kamera könnten den Durchblick im säulenverstellten Sitzungssaal deutlich verbessern.

Matthias Stelzer

Live aus dem Tübinger Säulensaal

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

12.06.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball