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Lohnende Diagnosen
Vorwurf Korruption: Ein Hausarzt misst einer Patientin den Blutdruck. Foto: dpa
Gesundheitssystem

Lohnende Diagnosen

Der Vorwurf wiegt schwer: Krankenkassen sollen Ärzte anhalten, Patienten als ernster krank einzustufen als sie sind. Was ist dran an der Kritik?

25.10.2016
  • MARTIN HOFMANN

Berlin. Persönlich kommen Berater der AOK Bayern in die Praxis. Viele andere Kassen teilen ihre Absicht per Post mit: Listen mit Patientennamen, Erkrankungen, Ziffernfolgen. Die Ärzte sollen „richtig“ kodieren, heißt es. Die gewünschte Buchstaben- und Zahlenfolge steht oft dabei. „Druck übt der Berater nicht aus“, sagt eine bayerische Ärztin. Ein Arztkollege merkt zu dem Begehr an: „Wir wollen uns nicht mit der Kasse überwerfen.“

Wozu der Aufwand? Die Kassen erhalten ihr Geld aus dem Gesundheitsfonds. Dieser zieht alle Beiträge gesetzlich Versicherter ein und verteilt sie nach Alter, Geschlecht und Krankheitszustand. Über letzteres Kriterium wird fast die Hälfte des 2015 mit rund 200 Milliarden Euro gefüllten Topfs zugewiesen. Der Grund dafür: Kassen erhalten Zuschläge für Patienten mit 80 Erkrankungen, deren Behandlung ein Vielfaches teurer ist als ein grippaler Infekt. Aber kränker als sie sind, dürfen Patienten nicht eingestuft werden.

1000 Euro zusätzlich

Doch genau dies passiert, wie auch ein Arzt aus Baden-Württemberg bestätigt. Nun ist Jens Baas, Chef der Techniker-Krankenkasse (TK), der Kragen geplatzt. Er wirft nicht nur seinen Kollegen vor, eine Milliarde Euro auszugeben, um lukrative Diagnosen zu bekommen. Er räumt ein, dass die TK da mitspiele und das Geld in der Patientenversorgung fehle.

Baas' Beispiel: Kodiert ein Arzt statt einer depressiven Verstimmung eine Depression, bringe dies der Kasse zusätzlich 1000 Euro. Anderes Beispiel: Notiert ein Arzt statt Zuckerkrankheit einen Diabetes mit Nierenkomplikationen, steigt der Zuschlag aus dem Ausgleichstopf von 632 Euro auf das Vierfache. Die Diagnose Essstörungen bringt jeder Kasse 1158,25 Euro mehr.

Empört reagierten Baas' Kollegen. Keine Kasse würde Ärzte zu gesetzwidrigem Kodieren anhalten, betonten sie. Beobachter werteten Baas' Schelte als Versuch, eine Reform des Finanzausgleichs zugunsten der TK durchzusetzen.

Ein Blick auf die Internetseiten von 15 der 17 kassenärztlichen Vereinigungen (KV) entkräftet diese Entgegnung. Die TK hat mit allen „Betreuungs- oder Betreuungsstrukturverträge“ abgeschlossen. Inhalt: „Richtiges“ Kodieren wird den Praxisärzten mit 4 bis 45 Euro pro Patient extra honoriert. Die größte Kasse ist damit Top in diesem Geschäft. Viele AOKen sind dabei, aber auch Innungskrankenkassen, DAK, Barmer GEK, Knappschaft und zahlreiche Betriebskassen. Meist überweisen die KVen den Obolus bei entsprechender Ziffer automatisch.

Als Gegenleistung des Arztes ist vereinbart: bessere Betreuung und Beratung, längere Sprechstunde, kürzere Wartezeiten oder rasche Terminvereinbarung mit Fachärzten. Allerdings müssen Patienten nicht wie bei Disease-Management- oder Hausarztverträgen in eine Teilnahme einwilligen. Sie erfahren von den „Vergünstigungen“ gar nichts, es sei denn, ihr Arzt klärt sie darüber auf.

Schon zwei Jahre nach Einführung des Gesundheitsfonds 2009 kursierte das Motto „Wer kodiert, der profitiert“ – die Idee zur von Baas gerügten Praxis war geboren. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung als Dachverband der Kassenärzte gab vor vier Jahren dann das Ziel aus: Es sei falsch, wenn Ärzte sagten „Wir kodieren nur für die Kassen.“ Vielmehr gelte: „Je besser die Kodierung, desto stärker die Verhandlungsposition der KVen gegenüber den Kassen.“ Das bezieht sie sich auf die alljährliche Honorar-Verhandlungen mit den Kassen.

Folgen der Praxis

Inzwischen existieren 70 solcher Betreuungsverträge. Damit weichen Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen – alle sind Körperschaften des öffentlichen Rechts – hier eindeutig von ihrem gesetzlichen Auftrag ab: die Behandlung erkrankter Versicherter zu gewährleisten und sicherzustellen. Natürlich wird das Hochkodieren von Patienten dort nicht explizit verlangt. Aber jeder Akteur weiß um die Absicht der Vereinbarungen.

Fast alle Sozialministerien der Länder und das Bundesversicherungsamt haben als Aufsichtsbehörden die Verträge akzeptiert, obwohl sie nicht nur gesetzwidrig sind, sondern auch massiv das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient untergraben.

Sigrid König, Chefin des bayerischen Landesverbands der Betriebskrankenkassen pflichtet Baas bei: „Unser Gesundheitssystem ist ein riesiger Wirtschaftsmarkt mit vielen Fehlsteuerungen. Die Währung in diesem System ist die dokumentierte Krankheit.“ Sie fügt hinzu: „Die Versicherten haben ein Recht auf richtige Diagnosen und auf einen versorgungsorientierten Einsatz der Beitragsgelder.“

Überhaupt nicht „auf dem Schirm“ hätten Ärzte und Kassen die Folgen ihrer Manipulationen, sagt der Versicherungsmakler Matthias Helberg. Wer eine Berufsunfähigkeits- oder Risiko-Lebensversicherung abschließe, müsse zahlreiche Angaben zu seinem Gesundheitszustand machen. Stellten sie sich als falsch heraus, zahle der Versicherer nichts. Der Osnabrücker empfiehlt seinen Kunden seit Jahren, vor Abschluss zu klären, welche Diagnosen bei Arzt und Kasse vorliegen. Er stellt mit seinen vier Kollegen fest, dass die Angaben immer öfter abwichen – „Tendenz steigend, das trifft jeden Fünften.“

Von den großen Kassen bildet die AOK Baden-Württemberg übrigens eine Ausnahme. Sie lehnt solche Verträge ab und verweist auf ihre Hausarzt- und Facharztverträge. Dort verpflichten sich die teilnehmenden Ärzte aber auch, Erkrankungen korrekt zu kodieren.

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25.10.2016, 06:00 Uhr

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