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Mit Bergwerks-Kippfahrzeugen transportierten Holzfirmen das Langholz

Loren fuhren einst durch Ofterdingen

OFTERDINGEN. Jedes Kind weiß, dass in Ofterdingen weder Erz noch Silber oder Salz abgebaut wurde. Es gab auch niemals einen Stollen. Trotzdem stehen an der Mössinger Straße auf dem Areal der Holzfirma Rainer Röcker zwei alte Bergwerks-Loren, die irgendwann einmal im Dienst eines Ofterdinger Betriebs gewesen sein müssen. Dass es sehr lange her ist, zeigt ihr verrosteter und eingewachsener Zustand.

16.08.2007
  • Susanne Mutschler

„Die sind da, seit ich denken kann“, sagt Rainer Röcker, der heutige Chef der Stielfabrik an der B 27, und fragt sich, ob und wozu sein Großvater, der sich als Unternehmer im Dorf den Namen „Schnellreich-Willi“ erworben hatte, die eisernen Kipp-Fahrzeuge je brauchen konnte.

Holzwerke waren das Wahrzeichen der Ofterdinger Industrialisierung. Im ganzen Ort verteilt gab es früher Fabriken, die Holzstiele herstellten. Als erster begann Wilhelm Schmid 1886 mit der Produktion, dann kamen 1900 die Gebrüder Hermann und Wilhelm Lutz, es folgten 1904 Johannes Schmid, 1922 Jakob Schmid, 1924 Wolfgang Röcker und 1948 Willi Röcker, um nur einige zu nennen.

Schienen für die Stielfabriken

Auf jedem der Betriebsgelände waren schmale Eisenbahnschienen verlegt, die von ihrer Spurbreite auch zu den Loren passen könnten. „Die Schienen hat man gebraucht, um die Langholz-Stämme zu bis zum Sägegatter zu transportieren“, erzählt der fast 80-jährige Karl Speidel, dessen Vater ebenfalls ein Stielgeschäft hatte. Die flachen Rollwägele dafür habe man damals selbst gebaut.

Die Gebrüder Lutz hatten auf ihrem Werksgelände einen Schienenweg, der vom Holzplatz an der Aspergstraße über die Rottenburger Landstraße führte und bis zur Uhlandstraße reichte. In der Stielfabrik von Wilhelm Schmid führte eine innerbetriebliche Bahnstrecke von der Bachsatzgasse bis zur Froschgasse. Als Buben seien sie heimlich auf diesen Wägen gefahren, erinnert sich Otto Futter, der ganz in der Nachbarschaft groß geworden ist. Kipploren seien allerdings keine darunter gewesen.

Karl Speidel kann sich in seinem väterlichen Betrieb nur einmal an eine Bergwerks-Lore erinnern. Als 1945 ein neuer Sägemehl-Stall gebaut wurde, half der damals 18-Jährige mit, die Grube auszuheben und das Gelände einzuebnen. Dazu habe man Schienen „bis zum Mössinger Sträßle“ verlegt und eine Kipplore darauf für das Abführen der Erde verwendet. „Wo die wohl hingekommen ist?“ sinniert er heute.

Schon 1932 wurde für den neuen Sportplatz im Brunnwasen kurzzeitig eine Schienenstrecke für Loren gebaut. Das abschüssige Gelände musste ausgeglichen und begradigt werden. „Für die Erdbewegungen hat man die Bergwerks-Loren eingesetzt“, weiß Otto Fauser. „Das war damals so üblich, man hatte ja noch keine Baumaschinen“. Sogar beim Waldwege-Bau in Richtung Rottenburg fanden die Kipploren Verwendung, weiß man im Arbeitskreis vom Museum in der Sattlergasse. Mit Pferdefuhrwerken seien die Schienen in den Rammert gebracht worden. Auf denen wurde dann in den Loren die Walderde weg befördert. „Die Wägen wurden von Hand geschoben, nicht von Pferden gezogen“, erklärt Otto Futter.

Mit Sicherheit benutzte man die Bergwerksgefährte im Steinbruch. Der 77-jährige Erwin Schmid, der sein Haus gleich beim ehemaligen Holzplatz hat, erinnert sich gut an die bläulichen Jurasteine im Ofterdinger Steinbruch. Diese Steinschicht kam erst zu Tage, nachdem in den Kipploren die dicke Humusschicht weg gefahren worden war. Aus solchen soliden „Blausteinen“ habe er in Ofterdingen „mindestens 50 Gewölbekeller“ gemauert, erzählt er.

Loren in der Zwangsarbeit

Sein Nachbar, Erhard Rilling, sieht die Loren noch vor sich, wie sie in der „Unteren Zemente“ verkehrten. So nannte man den näher bei Ofterdingen gelegenen Teil der Mössinger Zementfabrik Neth. Die Loren enthielten eine Gesteinsmischung aus dem blauem Ofterdinger Jura und dem Schiefer aus dem Steinbruch in Bästenhardt, die sie in die Steinbrennöfen kippten. „Die haben Tag und Nacht gequalmt, da ist man manchmal schier verstickt“, sagt Rilling.

Zweifellos verwendete auch das „Unternehmen Wüste“ Bergwerks- Loren. Die vor dem KZ-Gedenkmuseum in Bisingen ausgestellte Lore gleicht den Ofterdinger Fundstücken aufs Haar. Entlang der B 27 planten die Nationalsozialisten zehn Ölschiefer-Werke, in denen sie versuchten, Treibstoff zu gewinnen. 1944 begann auf dem Höhnisch die Produktion im Werk Wüste 1. Italienische Kriegsgefangene mussten als Zwangsarbeiter den bitumenhaltigen „Posidonienschiefer“ abgraben und zu Öl verschwelen.

Bei welchem der verschiedenen Arbeitseinsätze die beiden Bergwerks-Loren von der Mössinger Straße wirklich dabei waren, wird man nie mehr erfahren. In ihnen schlummert und rostet ein Stückchen Ofterdinger Industriegeschichte vor sich hin. Seit es die wesentlich wendigeren Gabelstapler gibt, sind in den Betrieben Transporte mit Schienenfahrzeugen längst außer Gebrauch gekommen.

Loren fuhren einst durch Ofterdingen
Arbeiter ebnen das Gelände ein: Die überschüssige Erde wurde in die Loren geladen. Im Hintergrund sieht man die Wohnhäuser der Fabrikanten Eugen Speidel und Albert Hausch.

Loren fuhren einst durch Ofterdingen
Verrostest und eingewachsen: Zwei alte Bergwerks-Loren stehen an der Mössinger Straße auf dem Areal der Holzfirma Rainer Röcker. Irgendwann waren sie einmal im Dienst eines Ofterdinger Betriebs.

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16.08.2007, 12:00 Uhr

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