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Den Bästenhardt-Wald gibt es seit gestern nicht mehr

Lothar begrub Autos unter Bäumen

STEINLACHTAL (ak/slo). „Das ist eine Katastrophe. Und zwar die schlimmste, die ich in meiner Laufbahn erlebt habe“, sagte der Kommandant der Ofterdinger Feuerwehr, Rainer Wagner, zu den Folgen des Orkans „Lothar“. So sei etwa im Dettinger Täle gegen 12 Uhr „die Hölle los gewesen“: Zwei Autos waren zwischen umgestürzten Bäumen eingeklemmt. In den Fahrzeugen waren zehn Erwachsene und ein einwöchiges Baby. Die Feuerwehrleute befreiten aber alle unversehrt aus ihrer Falle.

26.04.2011

Die Einsatzkräfte vom Technischen Hilfswerk (THW) Ofterdingen kamen hinzu und versuchten zusammen mit der Feuerwehr, die Fahrbahn zu räumen. Nach der Schätzung des THW-Pressesprechers Jan Gräf waren entlang der Straße etwa 80 Bäume umgeknickt. Am Abend brachen die Helfer jedoch ihren Einsatz ab, um die Bahnstrecke zwischen Belsen und Hechingen zu räumen.

Nachmittags um vier hatte die Feuerwehr in Mössingen schon rund 100 Einsätze hinter sich. Pressesprecher Oliver Schmid rechnete damit, die ganze Nacht über noch beschäftigt zu sein. Zusammen mit dem Technischen Hilfswerk, den Förstern und den Stadtwerken behoben die Feuerwehrleute einen Schaden nach dem anderen.

Im Rathaus etwa hatte der Sturm einige Scheiben zu Bruch gehen lassen: Durch „umherfliegende Gegenstände“, wie Schmid sagte. Andere Scheiben wurden durch die Wucht des Windes eingedrückt. So blies „Lothar“ ungehindert in den türkischen Obst- und Gemüseladen von Esref Basal in der Falltorstraße — die ganze Schaufensterfront war eingedrückt. Die Männer vom THW sammelten die Scherben ein und mussten dabei höllisch aufpassen, dass sie nicht von herabfallenden Ziegeln getroffen wurden.

Von denen waren die Straßen in allen Flecken übersät: Große Löcher klafften in den Dächern vor allem älterer Häuser, und die Bewohner waren den Nachmittag über damit beschäftigt, wenigstens die noch heilen Dachpfannen aufzusammeln und die Löcher notdürftig zu stopfen. Allein in Nehren wurden 50 Dächer beschädigt. Auch ein Eck vom Kirchenschiff wurde abgedeckt. Wegen umgestürzter Bäume musste die Feuerwehr dort zehn Mal ausrücken — nichts im Vergleich zu den Mössinger Kollegen.

Die hatten zunächst alle Hände voll damit zu tun, wenigstens die Hauptstraßen von den Bäumen zu räumen. Auf der B 27 zwischen Bad Sebastiansweiler und Bodelshausen ging eine Weile gar nichts mehr, dann wurde der Verkehr über eine Parkbucht an den Tannen auf der Straße vorbeigeleitet. Bis abends dicht war auch die Kreisstraße nach Bästenhardt. Die Bahnstrecke zwischen Belsen und Bodelshausen war bis zum späten Abend gesperrt.

Am schlimmsten hat es wohl den Wald in Bästenhardt getroffen: Nur noch etwa zehn Prozent des Bestandes sind übrig, wie Förster Joachim Kern sagt. Rund 40 Hektar Forst fielen „Lothar“ zum Opfer. Auch auf der gegenüberliegenden Seite gibt es große Schäden im Wald. „Es ist noch gar nicht absehbar, was der Orkan alles angerichtet hat“, so Kern. jedenfalls sei der Schaden diesmal „wesentlich höher als damals bei Wiebke“. Kern warnt eindringlich davor, Waldspaziergänge zu machen. Die Gefahr, von Ästen und Bäumen erschlagen zu werden, sei weiterhin groß, sagt der Mössinger Förster. Auch wenn ein Weg nicht abgesperrt sei, hieße das nicht, dass er ungefährlich sei.

Auch der Strommast vor dem Waldhof wurde in Mitleidenschaft gezogen: Er hing nur noch an den Leitungen und wehte hin und her. Deshalb — und weil eine Phase zu wenig bei den Stadtwerken ankam — gab es in der Stadt Stromprobleme. Von halb eins an ging praktisch nichts mehr. Im Haus an der Steinlach etwa fiel die Notrufanlage für die Zimmer aus, weshalb die Pflege-rinnen eine Runde nach der anderen drehten. Weil die Heizungen kalt blieben, schenkte der Pflegedienst warmen Tee aus und zog die Bewohner kuschelig an. „Das war unsere Hauptübung für Silvester“, sagte Schichtleiterin Marga Jäger.

Das war „Lothar“ auch für die Feuerwehr: „Gut, dass wir uns wegen Silvester so gut abgesprochen haben. Jetzt klappt alles prima“, lobte Oliver Schmid die Zusammenar-beit mit allen anderen Einsatzkräften. So leitete die Feuerwehr diverse Aufträge an das THW weiter, und gemeinsam wurde ein Schaden nach dem anderen „abgearbeitet“. Neben umgestürzten Bäumen, abgedeckten Dächern und eingeschlagenen Scheiben gab es etliches anderes zu tun, denn alles, was nicht niet- und nagelfest war, flog durch die Gegend.

So zerriss „Lothar“ etwa in Nehren die Planen des Bierzelts von Ski Nill und knickte einige der Stahlstreben. Dieter Nill, der Inhaber des Sportge-schäfts, nahm's gelassen: „Der Zeltverleih wollte es längst abholen, kam aber nie dazu“, erzählt er. Die kaputten Planen allerdings waren nun wiederum ein Glücksfall für einige Hausbewohner am Dorfende von Nehren: Dort setzte das THW die Fetzen für zerbrochene Fensterscheiben ein.

Ein mächtiges Geflatter war auch in Ofterdingen zu hören. Am Gerüst des Kirchturms hatte „Lothar“ lange an den Planen gezerrt und sie zerstört. Das Gerüst dagegen hielt dem Orkan stand. Im Ortskern rund um die Mauritiuskirche richtete er dagegen schlimme Schäden an. So lösten sich von einem älteren Haus einige Dachziegel und fielen auf einen Golf, der davor parkte.

Das Dach und die Windschutzscheibe des Autos wurden zertrümmert. Günter Steinhilber reparierte noch am Abend das Haus seiner Mutter in der Kirchstraße. So ersetzte er provisorisch 80 Dachziegel, die „Lothar“ ebenfalls davongeweht hatte. Steinhilber meinte, dass der Schaden noch größer würde, falls der Orkan nochmal tobe und das Dach nicht repariert sei.

Es hat aber nicht nur alte Häuser wie die Glaserei gegenüber der Kirche getroffen, sondern auch ganz neue. So sind im Neubaugebiet Dachplatten von etlichen Eigenheimen gestürzt. An der Steinlachallee sind die Pappeln umgeknickt wie Streichhölzer. Auch in Ofterdingen hat es aber die Baumfelder und den Wald am schlimmsten getroffen. Die Autofahrer auf der B 27 spürten die Folgen des Orkans noch bis in die Nacht: Die Ampelanlagen waren ausgefallen, eine Tankstelle musste schließen, und der Wind wehte immer noch kleine Zweige auf die Fahrbahn.

Lothar begrub Autos unter Bäumen
Das war einmal der Bästenhardt-Wald.

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26.04.2011, 12:00 Uhr

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