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Geschichte

Lücken bei der NS-Forschung

Gutachter sieht Stuttgart bei der Aufarbeitung weit vorn. Allerdings gibt es in der Forschung noch einiges zu tun.

11.02.2019

Von Rainer Lang

Prof. Dr. Frank Engehausen stellte sein Gutachten vor. Foto: Bild: Lang

Stuttgart. In Stuttgart ist Pionierarbeit geleistet worden bei der Erforschung des Nationalsozialismus. Dies bekräftigt ein Gutachten, das der Historiker Prof. Dr. Frank Engehausen von der Universität Heidelberg nun im Stuttgarter Stadtarchiv vorgestellt hat. Als Pionierprojekte nannte er die Ausstellung „Stuttgart im Dritten Reich“ und die Dissertation „Stuttgart in der Zeit des Nationalsozialismus“ vom heutigen Leiter des Stadtarchivs, Roland Müller, welche aus den Achtzigerjahren stammt. Bis heute sei vieles erforscht worden, von Judenverfolgung, Widerstand, Luftkrieg bis zu den Tätern. Dennoch sieht der Forscher noch Lücken.

Stadtarchivleiter Müller hatte Engehausen mit einem Gutachten beauftragt, weil der Gemeinderat von der Verwaltung eine Vorlage eingefordert hatte über „die weitere Erforschung der NS-Geschichte Stuttgarts und der Stadtverwaltung“. Der Historiker sieht Stuttgart im Ranking der Städte weit vorn: zwar hinter München, Frankfurt und Köln, jedoch noch vor Dortmund, Dresden und Düsseldorf.

Engehausen schlägt in seinem Gutachten ein NS-Dokumentationszentrum wie in Mannheim vor. Dies sei die bessere Lösung, „als die Sache ans Stadtarchiv abzuschieben“. Das Stadtarchiv sei für „so einen großen Sonderauftrag nicht gewappnet“, so auch Müllers Einschätzung. Er begrüßt deshalb die ehrenamtliche Arbeit „kundiger Initiativen“, die nicht nur in die Erinnerungsstätte „Hotel Silber“ als einstige Gestapo-Zentrale mündete, sondern auch in ein universitäres Forschungsprojekt, das die Verfolgung Homosexueller untersucht.

Zu den Forschungslücken zählt Engehausen die NS-Gesundheitspolitik und die Rolle des städtischen Gesundheitsamts bei Euthanasie und Zwangssterilisationen. Auch der Einsatz von Zwangsarbeitern sei nur in großen Unternehmen wie Bosch und Daimler erforscht, aber nicht in mittelständischen Betrieben und in der Stadtverwaltung.

Wichtig ist es Engehausen, „Kontinuitäten nach 1945“ aufzuzeigen, sei es beim Personal der Stadt durch „die Neuerfindung von Biografien“ oder in der Justiz. Er regte eine Studie über Gerichte an sowie über die Stadtplanung im Dritten Reich, die Basis für den Straßenbau nach dem Krieg war. Wenig Beachtung gefunden als Opfer im städtischen Kontext hätten Sinti und Roma, die Zeugen Jehovas, „Asoziale“, Wohnsitzlose, Prostituierte und Berufsverbrecher.

Engehausen begrüßt, dass die Arisierung jüdischen Vermögens in einem Dissertationsstipendium der Stadt aufgearbeitet wird, genauso wie die Rolle der Justiz in einer aktuellen Ausstellung im Landgericht. Wie auch das Publikum sieht er weitere „lohnende Themen“.

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Erstellt:
11. Februar 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
11. Februar 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. Februar 2019, 06:00 Uhr

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